In der Aschermittwochs-Messe hatte der Pfarrer den Offenen Brief an einen der reichsten österreichischen Steinbruchunternehmer und an einen der größten Grundbesitzer des Landes vorgelesen. Die Gläubigen hatten nicht Amen dazu gesagt, sondern heftig applaudiert. Für den Karfreitag und den Ostersonntag war die Fortsetzung dieser hierzulande nicht eben üblichen Fusion von Liturgie und Revolte, von Gottesdienst und Bürgerinitiative angesagt. Die beiden christlichen red letter days waren daher in unserem redaktionellen Arbeitskalender dick markiert.
Am Karfreitag wollten wir den frommen Aufstand in jener oberösterreichischen Gemeinde miterleben, in der sich die Zentrale der Steinbruchfirma Asamer befindet. Die Zufallslektüre eines lokalen Blättchens unterrichtete uns, dass der Pfarrer dort zusammen mit anderen Gläubigen seiner Pfarrgemeinde ein Zeichen setzen wollte. Die aufständische Frömmigkeit sollte, darauf machten wir uns gefasst, am Ostersonntag vor der Stiftskirche Göttweig zu einer zeremoniellen und zugleich interventionistischen Krönung kommen. Das Stift Göttweig war in den Augen der KirchgängerInnen als Großgrundbesitzer schuldig geworden.
Es ging uns nicht darum, einmal mehr die Erfahrung zu machen, dass Kirche nicht gleich Kirche, Klerus nicht gleich Klerus ist. Unser Interesse galt vielmehr der Persönlichkeit des handelnden Pfarrers: Anders als die einflussreichen Medien wollte der Augustin das unspektakuläre alltägliche Wirken des Paudorfer Basis-Klerikers Udo Fischer würdigen, der als großer Gegenspieler der konservativen Kirchenführer Groer und Krenn, als Repräsentant einer anderen, humaneren Katholischen Kirche beinahe täglich von Mikrofonen und Kameras umschwirrt war, seit dem Fall Kurt Krenns aber kaum mehr als schlagzeilenwürdig geachtet wird. In dem Maße, in dem eine Persönlichkeit seinen Starwert verliert, wird sie für einen Journalismus von unten interessant.
Die Arbeitstermine Karfreitag und Ostersonntag konnten wir streichen. Die Gottesdienste, die zugleich Aktionen des BürgerInnen-Protests sein sollten, hatten sich erübrigt. Pfarrer Udo Fischer hat nämlich soeben seinen Aufstand gegen das Steinbruchunternehmen Asamer und den Grundeigentümer Stift Göttweig gewonnen. Im Pfarrhof seiner Gemeinde, die an der alten Straße zwischen Krems und St. Pölten liegt, erzählt er dem Augustin (Ich hab eure Zeitung immer am Jonasreindl gekauft wird das noch immer so genannt?), warum dieser Sieg so wichtig für die Gemeinde ist: Es ging um einen unverschämten Plan zur Erweiterung des Paudorfer Steinbruchs. Er sollte in Richtung Ortskern von Paudorf wuchern und bis auf etwa 200 Meter an die Pfarrkirche heranführen.
Es gibt keine liberalen Bischöfe!
Der Erweiterungsplan basierte auf einer Vereinbarung zwischen der Steinbruchfirma und dem Grundeigentümer. Weil Letzterer das eigene Stift ist, befand sich Pater Udo quasi erneut in einem innerkirchlichen Konflikt. Die Firma Asamer hat sich bislang christlichsozial gegeben, das Stift Göttweig sieht sich als katholisches Haus. Am Beginn der Fastenzeit appellieren wir an beide: Kehrt um! Wir fordern alle Menschen in Kirche, Politik und Gesellschaft auf, uns im Bemühen zu unterstützen, Firma und Stift zur Einsicht zu bringen! So klang es in der berühmten Aschermittwoch-Predigt. Firma und Stift kehrten um.
Dieser kleine Erfolg eines lokalen Aufbegehrens sei möglicherweise höher zu stellen als der große Sieg gegen Bischof Kurt Krenn, meint Udo Fischer. Es stimme, 2005 habe er in einem Interview erklärt, dass es durch Bischof Küng, den Nachfolger Krenns, zu einem Neubeginn in der Diözese St. Pölten zu kommen scheine. Sieben Jahre nach der Suspendierung Fischers durch Krenn hatte Küng 2005 die Wiedereinsetzung als Pfarrer dekretiert. Diese Wiedergutmachung hatte mehr symbolische als praktische Bedeutung, denn praktisch war Udo Fischer trotz Krenn Pfarrer von Paudorf geblieben. Dieses Paradoxon war möglich, weil die Pfarre Paudorf zur Minderheit der inkorporierten Pfarren zählt das sind Pfarren, die nicht der Diözese, sondern direkt einem Stift unterstehen. Der Abt von Göttweig, Clemens Lashofer, benutzte seine Autonomierechte gegenüber dem St. Pöltner Bischof, um seinen Ordensbruder Udo im Amt zu bestätigen.
Von einem Neubeginn in der Kirche könne man nur insofern sprechen, als die täglichen enervierenden Konflikte mit der Kirchenführung der Vergangenheit angehörten, macht Udo Fischer klar. Wir haben natürlich alle gewusst, dass Bischof Klaus Küng nicht wirklich neue Wege geht. Wie denn, wenn nicht einmal die so genannten liberalen Bischöfe Österreichs neue Wege gehen. Nirgendwo wird auch nur ein Schritt getan, um die Forderungen des Kirchenvolksbegehrens umzusetzen. Es gibt keine liberalen Bischöfe in Österreich. Die Bischöfe sind durch die Bank konservativ. Wissen Sie übrigens, dass es kaum einen Bischof gibt, der einmal einfacher Pfarrer war? Wer einmal in der Pfarrseelsorge war, trägt offensichtlich ein Mal auf seiner Stirn. Er zählt zu den suspekten Elementen, die ja im Konfliktfall zu nachgiebig gegenüber den Interessen der Kirchenbasis sein könnten. Jedes weltliche Machzentrum könnte bei der Kirche in die Lehre gehen, wie man es schafft, dass eine Clique siebenhundert Jahre lang an der Macht bleibt, indem sie sich laufend selbst reproduziert.
Am Tage vor dem Augustin-Besuch in Paudorf ist eine Erklärung des neuen Papstes verlautbart worden, die für Pater Udo ein weiteres trauriges Signal für die Weigerung des Vatikans ist, auch nur winzige Schritte zur Demokratisierung der Kirche zu wagen. Benedikt hat die Gläubigen zur Einheit mit den Bischöfen aufgerufen, denn schon der frühchristliche Theologe Ignatius von Antiochien habe gelehrt, dass Opposition gegen einen Bischof unchristlich sei. Da seien ihm, dem leidenschaftlich an Kirchengeschichte Interessierten, die Grausbirn aufgestiegen, sagt Udo Fischer erregt. Wenn sich der Papst auf frühchristliche Denker berufe, solle er auch die ganze Wahrheit sagen: nämlich dass in dieser Zeit die Bischöfe von der eigenen Gemeinde und nur von ihr! gewählt wurden. Und er sollte auch hinzufügen, dass selbstverständlich die Bischöfe zur Zeit des Ignatius von Antiochien verheiratet waren!
Eine Gemeinde ohne Kameradschaftsbund
Pater Udo zeigt uns den Computerausdruck der neuesten Ausgabe der Kirchenzeitung Ja, die er seit 1996 herausgibt. Die Ausgabe 12/2007 ist besonders papstkritisch ausgefallen. In seiner eigenen Rubrik schreibt er, dass die Einheit zwischen Gläubigen und Bischof zerbrochen sei, weil der Vatikan in Opposition zum Volk Gottes selbstherrlich unwürdige Männer mit dem Leitungsamt betraut hat. Mit der Pfarrerinitiative, die Fischer im April des Vorjahres zusammen mit Helmut Schüller gegründet hat und der inzwischen 200 Pfarrer angehören, scheint erstmals in Österreich ein Priesternetzwerk auf den Plan zu treten, das diese Selbstherrlichkeit offensiv bekämpft. Dass auch verheiratete Männer zu Priestern geweiht werden können, ist eine der Hauptforderungen der Initiative. Ich persönlich gehe da ja noch weiter, gesteht Udo Fischer: Natürlich sollen auch Frauen Priesterinnen werden können.
Nicht erst seit der Publizierung seines Buches "Linker Jesus rechte Kirche" (1994) haben Rechtsstehende ein Problem mit Udo Fischer aus Paudorf. Einer der potenziellen Gegner ist ihm aber abhanden gekommen: Paudorf ist eine der wenigen Gemeinden, in der es keinen Kameradschaftsbund gibt! Darum ist Fischers antifaschistisches Engagement für die Erinnerung an die Opfer der Massaker vom April 1945 im Raum Paudorf unangefochten. Dutzende Widerstandskämpfer, die die Nazis in Stein an der Donau inhaftiert hatten, wurden von NAPOLA-Schülern aus Göttweig und anderen Pflichterfüllern beim Versuch, sich nach Wien durchzuschlagen, ermordet. Pater Udo ist es zu verdanken, dass ein Akt von Menschlichkeit, der den Titel Heldentat wirklich verdient, vor dem Vergessen bewahrt wurde: Die Paudorfer Familie Graf versteckte zwei der flüchtenden politischen Gefangenen wochenlang im Dachboden und im Keller ihres kleinen Hauses.
Jährlich im April erinnert das Pfarrblatt der Gemeinde Paudorf an die Massaker und an das Vorbild der Familie Graf. Ohne Pater Udo gäbe es keine Gedenktafeln im Ort, die darüber berichten. Ohne ihn würde der Steinbruch sich demnächst an das Ortszentrum heranschieben. Ohne ihn hätten in den Tagen der Krenn´schen Selbstherrlichkeit viele Gläubige die Kirche verlassen. Der Pfarrer einer unbedeutenden niederösterreichischen Gemeinde seit die Städte St. Pölten und Krems durch die S33 verbunden sind, gerät das ins Abseits geratene Paudorf vielen aus dem Auge, aus dem Sinn verkörpert geradezu das große Rätsel der Katholischen Kirche: Wie kann an der Basis einer unveränderlichen, hierarchischen, starrsinnigen, patriarchalen und absolut partizipationsfeindlichen Institution ein ausreichend pluralistisches Klima herrschen, das Geistlichen vom Schlage Udo Fischers den langen Atem zum Widerstand auch in Zeiten desinteressierter Medien ermöglicht?
Info:
Im Zuge der Kirchenkrise wegen der Vorwürfe gegen Kardinal Groer sexueller Missbrauch von Kindern trat Pfarrer Udo als Stimme der Groer-Opfer in die Öffentlichkeit. Am 17. Feber 1998 wurde er deshalb von Bischof Kurt Krenn als Pfarrer von Paudorf-Göttweig abgesetzt, wobei ihm keinerlei Amtsverfehlungen vorgeworfen werden konnten. 16.000 Menschen beteiligen sich an einer Solidaritätsdemonstration für Pater Udo in St. Pölten. Am 18. März 1998 schlug der Göttweiger Abt Dr. Clemens Lashofer dem Diözesanbischof neuerlich Udo Fischer als seinen Nachfolger vor; der Paudorfer Pfarrer konnte somit trotz Suspendierung im Amt bleiben. Eine Antwort Krenns auf den Vorschlag Lashofers ist nie eingetroffen. Bischof Klaus Küng, seit 28. November 2004 neuer Bischof der Diözese St. Pölten, sorgte mit dem bischöflichen Dekret vom 21. Februar 2005 für die Wiederernennung Udo Fischers zum Pfarrer von Paudorf-Göttweig.
www.ja-kirchenzeitung.at
www.pfarrerinitiative.direct.at