Leserinnen und Leser des Augustin wissen aus zahlreichen Berichten, dass die Situation auch in Österreich nicht rosig ist. Ob in Amerika, Afrika oder Europa, Mad Pride will zuallererst ein Problem verringern, mit dem sich fast alle psychisch Kranken konfrontiert sehen: die Stigmatisierung. Ein Aktivist der Brüsseler Parade wendet sich mit einem Plakat direkt an die Stadtbewohner: „Nein zur Ausgrenzung – und wenn Sie uns anders betrachten würden?“ Einen anderen haben schlechte Erfahrungen zum Slogan „Stop diag-non-sens!“ veranlasst.
Auf der Bühne kündigt der Moderator eine Pressekonferenz in der Bibliothek nebenan an, im Programm von Mad Pride steht hingegen Talk-Show. Unter den gut 60 Menschen im Bibliotheksaal befinden sich großteils Aktivisten, viele davon sind selbst unmittelbar betroffen. Einer von ihnen ist dadurch irritiert, und fragt lautstark, wer denn eigentlich von der Presse sei. Als außer mir nur zwei andere Anwesende die Hand heben, ruft er zornig: „Was ist denn das für eine Pressekonferenz?!“ Noch bevor es auf dem Podium losgeht, kommt ein junger Mann auf mich zu, der bemerkt hat, dass ich nicht von hier bin, und fragt auf Englisch, wo ich herkomme und ob er mir etwas erklären solle. Reflexartig frage ich, ob er einer der Veranstalter sei. Er antwortet: „Nein, ich bin Patient.“
Ich frage Tom, den Patienten, was er von der Veranstaltung halte. Er meint, es sei wichtig, dass Menschen, die Gutes tun wollen, dies gemeinsam tun. Viele Menschen kämen nämlich in die Psychiatrie, weil sie Gutes tun wollten. Aber alleine könne man die Welt nicht verändern, deshalb werde man von den anderen schnell für verrückt erklärt. Dabei sei die Welt in ihrer Ungerechtigkeit verrückt, also müssten sich auch die Verrückten dafür einsetzen, dass sie besser wird.
Tag der Verrückten, der Irren – Mad Pride: Der Name der Veranstaltung sorgt für hitzige Debatten unter den Besuchern. Manche halten wenig davon, sich selbst als verrückt zu bezeichnen. Tom ist der Name egal: „Hauptsache, er macht die Leute auf die Sache aufmerksam.“ Und tatsächlich: Said, der Radiomoderator sagt mir, dass ihn nicht zuletzt der gewagte Name gereizt habe, die Moderation zu übernehmen: „Ich finde es sehr mutig, diesen Humor, diesen Sarkasmus, angesichts der eigenen Probleme an den Tag zu legen.“ Dan berichtet, dass dieselbe Debatte auch in Ghana stattgefunden habe. Mit dem Begriff „Free Mind Event“ können die Menschen seiner Erfahrung nach mehr anfangen. Die spontane Reaktion der Besucher in der Brüsseler Bibliothek ergibt dasselbe Bild: „Freier Geist“ – das gefällt offenbar auch den meisten belgischen Betroffenen besser.
Die Podiumsdiskussion oder Pressekonferenz widmet sich fünf vorgegebenen Themen: Stigmatisierung, Ethik, Armut, Recht, Liebe. Kurz nach Beginn der Debatte zum ersten Punkt stürmt eine Musikgruppe in den Saal, es wird getanzt, auch auf dem Podiumstisch. Dann geht es weiter, und es wird bis auf eine zehnminütige Pause fast drei Stunden hitzig, und fast ausschließlich von Betroffenen, debattiert. Über Patientenrechte, die Verletzung der Privatsphäre, die Fotografen im Raum, die angeblich mit Großaufnahmen von psychisch Kranken Stereotype verstärken wollen, rechtliche Verbesserungen, die in der Praxis keine Auswirkung hätten.
Es wird vorwiegend in Niederländisch, zum Teil in Französisch, ein wenig in Englisch gesprochen. Rund um mich gibt es aber etliche Besucher, die versuchen, mir mit Übersetzungen zu helfen, und, noch mehr, mir ihre Sicht der Dinge zu erklären. Die Skepsis der Versammelten gegenüber Institutionen, Medien und Politik kommt in fast jeder Wortmeldung zum Ausdruck, die Offenheit mir gegenüber ist im Gegensatz dazu überwältigend. Nachdem Tom sich von sich aus als Patient bezeichnet hat, erklärt er mir auf meine Frage nach seiner Krankheit, dass er schizophren sei. Etwas verlegen, wohl auch, um Vorurteilsfreiheit zu signalisieren, sage ich, dass ich ohnehin keine Ahnung habe, was Schizophrenie eigentlich ist. Tom zuckt mit den Schultern: „Ich auch nicht.“
Fad wird es in den drei Stunden nie. Bisweilen wird besonnen diskutiert, aber es werden auch kämpferische Reden gehalten, Wortgefechte ausgekämpft und Wutausbrüche ausgelebt. Moderator Said manövriert die Debatte insgesamt bemerkenswert feinfühlig durch alle heiklen Situationen. Als er einen kleinen, alten Mann, der sich nur mühsam durch Handheben bemerkbar machen kann, übersieht, dauert es keine zehn Sekunden, bis gleich mehrere Anwesende durch heftige Zwischenrufe dem Alten das Wort verschaffen.
Ich verfolge beeindruckt die Szenerie. Vor meinen Augen scheint sich zu realisieren, was vor über 75 Jahren Elias Canetti für seine eigenen Romanfiguren erträumte, an denen er in unmittelbarer Nachbarschaft zur Baumgartner Höhe arbeitete. In seiner Autobiografie schrieb der spätere Literaturnobelpreisträger über seine Protagonisten: „Wenn die Inhaber dieser Einzelsprachen einander etwas zu sagen fänden, das für sie sinnvoll würde, so bliebe auch für uns gewöhnliche Menschen, denen die Dignität des Irreseins abging, Hoffnung.“ An dem Tag, an dem ich selbst durch Zufall Teil von Mad Pride geworden bin, scheint mir Canettis vorsichtig formulierte Hoffnung zu pessimistisch. Denn wir sind alle in der Lage, die Dignität des Irreseins zu erlangen. Wir müssen nur die Scheuklappen ablegen und uns ein bisschen bemühen, zu erkennen, wie verrückt wir selber sind.
Info:
Netztipp: www.mindfreedom.org