ico_youare10g.gif AUGUSTIN
Autor/in: Robert Sommer Seite: 1 2 3 4

Mit Kraus spotten lernen

Das zweite Leben einer Augustin-Serie

Erinnern Sie sich, dass der Augustin die Zumutungen des Mozartjahres überstand, indem er das Jahr 2006 zum Karl-Kraus-Jahr erklärte? Richard Schuberths (fast) unendliche Serie zu seinem Lieblings-Satiriker ist seit kurzem kompakt in Buchform zu genießen. Die „30 Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus“ beginnen mit dem Thema Sprache. Denn Worte leisten zuweilen eine tödliche Arbeit, wenn sie nicht beobachtet werden

Überall nur Karlsplätze ....

Ist die Polizei unprofessionell? Oder ist die Profession selbst strukturell gefährlich?

„Hast du Angst, du dreckiger Zigeuner?“ Der Augustin-Bericht dieses Titels, in der letzten Ausgabe erschienen, hat in praktisch allen größeren Medien Österreichs seinen Niederschlag gefunden. Die beiden Polizeibeamten vom Karlsplatz, Adressaten schwerer Diskriminierungsvorwürfe von Seiten slowakischer AugustinverkäuferInnen, sind in den Innendienst versetzt worden. Die Behauptung des Anwalts eines der beschuldigten Polizisten, die Vorwü...

2009 wird schaurig

Die an- und aufregendsten WWW-Adressen zum Begreifen der Krise

Wenn der Augsburger Unternehmerberater Egon W. Kreutzer in der Rubrik „Paukenschlag am Donnerstag“, dem Aushängeschild seiner Website, in eine Diskussion mit Albrecht Müller einsteigt, der mit den „Nachdenkseiten“ die wichtigste deutschsprachige Medienkritik im Internet betreibt, sitzt unsereins vor dem Schirm mit ambivalenter Faszination. ...

Traktat zum Lattentreffer

Wo, wenn nicht beim Augustin Cup, herrschen neue Fußballregeln?

Zwei „Regelverstöße“ beim ersten Fußballturnier um den Augustin Cup Mitte September in Wien: Erstens gewann nicht das siegreiche Team diesen vom Augustin gestifteten Pokal (die Mannschaft des Fußballmagazins Ballesterer), sondern die bestplatzierte Mannschaft aus dem Obdachlosenbereich (Tageszentrum Josefstädter Straße); zweitens wurde erstmals in der Geschichte des Fußballs jene Mannschaft prämiert, die die meisten Stangen- und Latt...

Pfarrer Hennefeld und die "Fremden"

Besser ein stummes Minarett als der Lärmterror der Christenkirchenglocke?

Faymanns Versprechen, mit FPÖ-Strache keine Koalition einzugehen, hat den Wert von Wahlversprechen. Der selbst ernannte Retter Wiens vor dem Islam kann, wenn überhaupt, nur von unten gebremst werden. Zum Beispiel bräuchte es mehr Kirchenführer vom Schlage Thomas Hennefelds, des Landessuperintendenten der Evangelisch reformierten Kirche. Im Augustin-Gespräch betonte Hennefeld das absolute Recht der Muslime, Moscheen samt Minarette zu bauen. ...

Gönn dir einen Schluck Freiheit

Zwei Wiener Kurden irritieren mit ihrem Bier den türkischen Staat

Ali Can, Journalist, und Nurettin Keske, Gastronom, stammen aus derselben Gegend des Kurdengebiets im Osten der Türkei. In Wien, wo die kurdische Diaspora „nur“ etwa 30.000 Seelen umfasst, lernt man einander rasch kennen, wenn man aus denselben Bergen kommt. Die Berge trägt man auf der Zunge wie bei uns die Täler, so ist das immer noch mit den Dialektfärbungen. Nurettin Keske, der in Wien aufwuchs, und Ali Can, der 1988 emigrierte, hatte...

Soziale Arbeit als Geben & Nehmen

Sonja Hopfgartner bringt "Ganslwirt"-Erfahrungen in den Augustin ein

Donauabwärts, von Linz nach Wien. Biografisch folgte Sonja Hopfgartner der Stromrichtung. In anderen Belangen schwimmt sie gegen den Strom. Darum fühlt sie sich beim Augustin, wo sie seit 1. Mai dieses Jahres als Sozialarbeiterin tätig ist, gut aufgehoben. In einem selbst organisierten, nicht von der Gemeinde Wien ausgehaltenen und deshalb autonomen Projekt wie dem Augustin könne ein sozialarbeiterisches Konzept verwirklicht werden, das selb...

Hammel- oder Schweinsniere?

Kurz vor dem Bloomsday 2008 mit Bloomsday-Wallfahrern geplaudert

Weder Santiago de Compostela noch Mariazell heißen die Destinationen der jährlichen Wallfahrten von Gerfried Höfferer und Ernst Hugo Kouba. Die beiden gehören nämlich der winzigen Religionsgemeinschaft der James-Joyce-Verehrer an. Was den ChristInnen der 24. Dezember bedeutet, so schwer wiegt den beiden Freunden der 16. Juni. ...

Der Trauner Beitrag zu "68"

Maler, Dichter, Behindertenbetreuer: Der oberösterreichische Andreas Hofer

Die 68er-Revolte begann in einigen Ländern schon Ende der 50er Jahre, während sie in Österreich mit der landesüblichen Verspätung und mit der landesüblich reduzierten Wildheit in der zweiten Hälfte der 70er Jahre. Gemessen am Konformismus der MitbürgerInnen war der aus Traun stammende Künstler, Gesundheitsmanager und psychiatrische Krankenpfleger Andreas Hofer dennoch ein „wilder Hund“. ...

Ein suspekter Freund der Alliierten

Die Faszination des Sammelns (1)

Möglicherweise weiß niemand in Kanada, dass im vielleicht seltsamsten Privatmuseum Österreichs, der Sammlung Erwin Prauses im Weinviertler Dorf Kleinebersdorf, in einer speziellen Ausstellungseinheit ein junger kanadischer Soldat geehrt wird. Er saß in einem B24-Bomber der US Air Force, der am 12. März 1945 von einer deutschen Flak im nördlichen Weinviertel zum Absturz gebracht wurde. Das Pfeifenmundstück des Soldaten, die roten Socken, d...

Kampf dem Qualitätsjournalismus

Rauschers "Wir" und Szemelikers "Alle"

Wenn ich an Samstagen den „Standard“ aus einer öffentliche Tasche fladere, und wenn ich dann auch noch Zeit habe, ihn durchzulesen, durchzuckt mich jedes Mal ein wie von Karl Kraus gesandter Imperativ: Kontrolliert die MeinungsmacherInnen! An Ideen dazu mangelt´s ja nicht: wir könnten diesen Blog als Raum für Medienbeobachtung und für die Auseinandersetzung mit den alltäglichen Lügen der Medien nutzen; wir könnten eine ständige Rubri...

Kurs-Trägerverein plant Klage

AMS schloss Sprachkurs für Migrantinnen wegen "Substandard"

Das siebente Jahr seiner Existenz ist das schwärzeste Jahre des Vereins „Zentrum Döbling“. Dabei hatte das sechste Jahr so vielversprechend geendet: Im Dezember 2007 war das AMS an den auf Fremdsprachenvermittlung spezialisierten Verein herangetreten, ob er nicht als Partner für seine „Integrationsinitiative Deutsch 08“ zu Verfügung stünde. „Zentrum Döbling“ stand zur Verfügung: Schon am 14. Jänner 2008 startete, im Auftrag d...

Kunst seziert Wirklichkeit

3Raum-Anatomietheater: Hubsi Kramar hilft der "obdachlosen" Theaterszene

Das wichtigste Theaterstück von Alberto Moravia ist ohne Zweifel das 1968 geschriebene „Il dio Kurt“ („Der Gott Kurt“).“ Für manche KritikerInnen ist es d i e Ödipustragödie der modernen Zeit. Saul, ein jüdischer Auschwitz-Häftling, wird zur Ödipus-Rolle gezwungen. Dass der Wiener Theatermacher Hubsi Kramar die seit vier Jahrzehnten überfällige deutschsprachige Erstaufführung dieses großen Wurfs von Weltliteratur realisierte...

Brausebäder, Lakritzengläser, Halskrawatten

Mit der geborgten Hasselblad flanierte R. Niedermeyer durch "mein Wien"

Zeugnisse eines Verlustprozesses, die Schauplätze vor ihrer Zu-Tode-Modernisierung, der Zustand vor dem Verlöschen der für wertlos erklärten städtischen „Altlasten“ vor dem Hintergrund der Angleichung der Weltstädte in der Ästhethik des Neoliberalismus – das Thema vergangener und zukünftiger Fotoreportagen im Augustin ist auch jenes von Ronnie Niedermeyer. Mit einer ausgeliehenen Hasselblad unterwegs, hat der Wienbeobachter die Suj...

Erinnern Sie sich an das Schneechaos?

„Osteuropäer verursachen Schneechaos“, diese Botschaft macht im vergangenen November die Runde, verbreitet von Klatschmedien und Politikern aller Coleurs. „Kronen Zeitungs“-Ostfrontberichterstatter Gregor Brandl läuft zu seiner Hochform auf: „Tausende Lenker stundenlang im Schneesturm gefangen, weinende Kinder und Kälte – der Schrecken rund um das Schneechaos vorletzte Woche auf der Außenringautobahn in Niederösterreich steckt...

Die Unterschicht, die Musil liest

Die sozialen Kategorien und die Selbstdegradierung der Menschen

Wer gerne sammelt, könnte uns einmal den Gefallen tun, die journalistischen Begriffe für den größer werdenden Rand der Gesellschaft – bzw. für die Menschen, für die der Augustin als soziales Projekt gegründet wurde – zu sammeln, die in der Geschichte dieses Blattes verwendet wurden. Neben poetischen Wörtern wie Gestrandete und Erniedrigte (ich kann mich sogar an eine Anleihe bei Frantz Fanon erinnern: Die Verdammten dieser Erde) kame...

Klub der Problem-Pinkler

Nach John Irving kriegt auch Thomas Bernhard sein Pissoir

Den Pissoirs im Haus der Volkshochschule Hietzing fehlten die üblichen Männerbotschaften an den Wänden. Wiener Häusl-Graffiti-Forscher wie Northoff und Siegl hassen solche Blanko-Flächen. Kein Wunder, dass die Männerklowände in „seinem“ Hause unberührt bleiben, sagt Robert Streibel, VHS-Leiter. Die institutionalisierte Erwachsenenbildung ziehe nämlich vor allem Frauen an. Vor einigen Wochen hat der Herr Direktor selber d...

Gemeindewohnungsvergabe: 5 Jahre Leben auf der Straße sind ...

... "kein anrechenbarer Umstand"

Attila M., 47 Jahre alt, Augustinverkäufer vor der Volkstheaterpassage, lebt nach der dritten Scheidung seit fünf Jahren auf der Straße. Eine Bucht in der Lobau oder die Toilette eines türkischen Copa-Kagrana-Wirten auf der Donauinsel waren seine „Adressen“, der Schlafsack sein „Dach überm Kopf“. Zur Zeit übernachtet er in der längst winterlich überfüllten „Gruft“ unter der Mariahilfer Kirche. Aus Platzmangel schläft er sit...

In einer Weltstadt ist es wurscht, ob man sich anpasst oder nicht

Die kronenzeitungsförmigen Instanzen der Volkspädagogik belehren uns, dass der Unwille von Minderheits-Vertetern, sich an die Mehrheitsgesellschaften anzupassen, zu den größten Sünden zähle. Muslime, die unter ihresgleichen bleiben, und die sprichwörtliche türkische (kinderreiche) Gastarbeitergattin, die seit 20 Jahren in Wien lebe und kein deutsches Wort kenne, sind bekannte Klischees, die die Xenophopie der Gesellschaft teils widerspieg...

Schön wie das Schweigen

Am 13. September erlag Tina Dermitzakis, 46, dem zu spät diagnostizierten Krebs

Im Stadtkino war kürzlich Julien Temples Dokumentarfilm „The Future Is Unwritten“ zu sehen. Ein stimmiges Porträt des Sängers und Gitarristen Joe Strummer, der als Frontman der Band „The Clash“ zu einer Schlüsselfigur des britischen Punk geworden war und Ende 2002 an einem nie diagnostizierten Herzfehler verstarb – wie Tina v o r seiner Zeit, als Fünfzigjähriger. Einmal wurde der junge Joe Strummer gefragt, wo er sich als Vierzig...

Augustin im Jelinek-Dilemma?

Thomas Maurer ist zuversichtlich: Die Lächerlichkeit stirbt nicht aus

In seinem Programm „Menschenfreund“ spielte Thomas Maurer Thomas Maurer. Die beiden sind nicht unbedingt identisch. So ist es auch kein Widerspruch, dass der eine Maurer auf der Bühne über die Augustinverkäuferinflation am Naschmarkt lästert und ihre Zeitung verspottet, während der andere Maurer sich gagenlos für die „Nacht des Augustin“ im Wien-Museum am Karlsplatz zur Verfügung stellt. ...

Der sprayende Tuareg aus St. Pölten

Von unten gekommen, Durchbruch geschafft: Tage des offenen Ateliers bei Labinsac

Schablonen-Mohammed, Stencil-Derwisch, Camel Driver, Graffiti-Ayatollah, der Spraydosen-Tuareg aus St. Pölten ... Wortkreationen aus der Entspannungsphase nach dem Interview in der Augustin-Redaktion. Labinsac, St. Pöltens Street-Art-Avantgardist, lässt uns nach Titeln fischen, die er sich zulegen könnte, wenn er in absehbarer Zukunft, als Global Sprayer, seinen Zorn gegen das „Teile und herrsche“-System schleudert. „Ab einem bestimmte...

An einem bestimmten Punkt der Grausamkeit ...

Zum Kinostart des Dokumentarfims über die Palmers-Entführung

Vor 30 Jahren wurde Walter Michael Palmers, Seniorchef des traditionellen Wäschekonzerns, vor seiner Wiener Villa entführt. In den Kommentaren zur Aktion häufen sich Begriffe wie „Treppenwitz der Geschichte“ oder „österreichische Operette“. Ein Aspekt des „Treppenwitzes“ blieb unerwähnt: Ausgerechnet die (in der Selbstdefinition) radikalsten Antikapitalisten der Stadt haben das Bild des zynischen, aalglatten, menschenfeindlichen...

Die frommen Grundstückspekulanten

Augustin besucht von „Augustiner Chorherren“ Brüskierte

Wer besitzt das „rote“ Floridsdorf? Ein Drittel seiner Fläche gehört den „Augustiner Chorherren“ des Stiftes Klosterneuburg. Sie sind die weitaus größten privaten Grundbesitzer im Arbeiterbezirk. Und weil der Grundbesitzer der „natürliche Feind“ des Besitzlosen ist, bleiben soziale Konflikte nicht aus. Sowohl am Kinzerplatz als auch in Jedlesee geht es daneben auch um den Sinn von „Kirche“. ...

Wie die Nachfrage der Heiratsfähigen nach Sandra Selimovic versiegte...

... und die Nachfrage der Bühnen anschwoll

Mich interessiert nur Theater, das keine Guckkastenbühne braucht und wo die Grenzen zwischen dem Verhalten des Publikums und den Aktionen auf der Bühne undeutlich werden, sagt Erwin Kisser, Autor der „Burgenländischen Hochzeit“. Geht dein Konzept auf? fragen wir skeptisch. Und wie, antwortet Kisser. Fragt doch Sandra Selimovic. Sie spielt die Braut. Und weil man im Burgenland die Bräute zu entführen pflegt, geschah es... ...

Wer drin ist, stellt nix an

"Resozialisierung" ist kein Ziel der Kriminal- und Justizpolitik mehr

Wer drinnen ist, kann draußen nichts anstellen. Das scheint die Devise der Kriminalpolitik vieler westlicher Länder, darunter leider auch Österreich zu sein. Dabei weiß jede/r, dass die Gefängnisse die Universitäten der Kriminalität sind. Der Sicherheits-Kult überdeckt alles. „Sehr kurzsichtig! Die Häftlinge, die früher in den Genuss von vorzeitigen Entlassungen oder diversen anderen Vollzugsockerungen gekommen wären, „gehen irgend...

„Die Strasse“ als Metapher und der Augustin als ihr Medium

Achse, Damm, Fahrbahn, Fahrdamm, Fahrspur, Fahrstraße, Fahrstraße, Fahrweg, Fernverkehrsstraße, Hauptstraße, Landstraße, Straßendamm, Allee, Avenue, Boulevard, Gasse, Weg, Durchfahrt, Durchlass, Meerenge, Zubringer, Chaussee, Gasse, Verkehrsweg. Solche Begriffe bietet mir ein Internetservice für deutschen Wortschatz an, wenn ich nach Synonymen für Straße suche. Vielleicht gibt es ein klügeres Synonym-Service im Netz. Eines, das registri...

Bellevue für alle!

Wie Reinhard Seiß uns half, den Begriff Sozialmissbrauch neu zu denken

Ohne aufrechte Beamte, die bereit waren, offen zu sprechen, wiewohl sie meistens anonym bleiben wollten, wären ihm viele Informationen verschlossen geblieben, sagt Reinhard Seiß. Der Raumplaner hat mit seinem Buch „Wer baut Wien?“ Furore gemacht. Das Thema: Die Ausschaltung der Stadtplanung im Interesse einer Kumpanei von Kommunalpolitik und Baukapital. Im Augustingespräch mit Reinhard Seiß ging es vor allem um die Frage, was mit öffentl...

Die Heroes der „Tage der freien Fahrt“

Neue Bewegung in Sachen Nulltarif - und die Pioniere der „Gratis-Linie D“:

Für alle, die aus sozialen Gründen „schwarzfahren“, und für deren LobbyistInnen sorgten zwei Meldungen dieses Frühlings zunächst für Euphorie: Der Wiener SPÖ-Landesparteitag hatte den SJ-Antrag nach „Freifahrt für Obdachlose und SozialhifeempfängerInnen“ mit Mehrheit beschlossen; Bürgermeister Häupl reagierte mit der kolportierten Erklärung, der Nulltarif werde „noch heuer umgesetzt“.

Flanieren im Orient

Von der temporären Zweckentfremdung eines Stundenhotels

Am Sonntag, 6. Mai 2007, ist Österreichs berühmtestes Stundenhotel, das „Orient“ am Tiefen Graben im Zentrum Wiens, Schauplatz der „Langen Nacht der Liebe“. Für eine Veranstaltung zum Internationalen Hurentag (2. Juni) habe er jedoch sein Hotel nicht zur Verfügung gestellt, erklärt Chef Schimanko junior dem Augustin. Grund: Das Puff-Image des Orient ist Geschichte und soll Geschichte bleiben.


Die Lady der Herrengasse

Lieber die Zeitung als den Körper verkaufen: Kolporteurin Marian

Wenn du wüsstest, wie dünn ich war, als ich 2004 nach Österreich kam, lacht Marian, eine der beiden afrikanischen Verkäuferinnen des Augustin. Dass sie heute „so fett“ sei, habe sie ihren Kundinnen und Kunden zu verdanken, denen sie in der U3-Station Herrengasse die Straßenzeitung anbietet. So viel Schokolade könne sie gar nicht essen, wie sie von ihrer „family“, so nennt sie den Stammkundenkreis, solidarisch verabreicht bekäme.

Der Blog als das Raunen und Rauschen, das den Augustin-Journalismus begleitet

Zur Wiedergabe des Gesprächs, das wir am 18. März mit Udo Fischer, dem Pfarrer von Paudorf, führten, und für eine ausreichende Menge an Hintergrundinformationen zur Legitimationskrise, in die Teile der österreichischen Kirchenführung stürzten, hätten wir eine halbe Augustinausgabe benötigt. Die Folge wäre aber vielleicht eine Legitimationskrise des Augustin gewesen. Denn vom Augustin erwarten sich dessen LeserInnen in der Regel nicht, d...

Kriegerdenkmalsaversion

Helmut Kraus, Peter Wagner, Wolfram Kastner, Josef Schützenhöfer etc. haben was gemeinsam:

Österreich ist übersät mit "Heldendenkmälern". Manche würdigen die Gefallenen des Ersten Weltkriegs (natürlich nur die "Unseren"), die meisten die Gefallenen beider Weltkriege (natürlich nur die "Unseren"). Eine der Botschaften solcher Denkmäler lautet: Wer sich der "Heldenpflicht" entzog, etwa durch Desertion, war ein Feigling - milde ausgedrückt. Der Wiener Lehrer Helmut Kraus versuchte, ein in seinem Gymnasium unhinterfragt überdauen...

Die Dose macht die Weltstadt

Sprayer Morgan über Auftragsarbeiten und Desperado-Aktionen

Shell, Coca-Cola, Ikea und Co. überschwemmen den öffentlichen Raum unserer Städte – unbeauftragt von den jeweiligen Bevölkerungen –mit ihren Logos. Oft sogar penetrant beleuchtungsterroristisch, immer unübersehbar. Jeden Tag rücken Leute mit Sprühdosen aus, um das Recht der Geldlosen zu reklamieren, den öffentlichen Raum ebenso unbeauftragt mit ihrer Art von Logos zu überschwemmen: den Tags und den Pieces der Graffiti-Szene. Warum gilt...

Verhasste Handelsgesellschaft

Richards Schuberths Piratenkomödie ?Wartet nur, bis Captain Flint kommt!?

Nach „Freitag in Sarajevo“ hat Richard Schuberth eine weitere Komödie zum Thema Gott und Welt vorgelegt, diesmal in Form einer Piratenburleske, bei der die Lesenden (später die ZuschauerInnen) lange Zeit nicht checken, ob die Handlung in einer – sagen wir – Pötzleinsdorfer Bobo-Wohnung oder in einem anarchistischen Sektor des Ozeans spielt. Ein angehängtes, aber ungewohnt eigen-artiges Glossar und ein angehängter Essay machen Schuberths ...

Seelsorge muss stören

Bischof Krenn ist Geschichte. Dem Pfarrer von Paudorf ist trotzdem nicht fad

In der Aschermittwochs-Messe hatte der Pfarrer den Offenen Brief an einen der reichsten österreichischen Steinbruchunternehmer und an einen der größten Grundbesitzer des Landes vorgelesen. Die Gläubigen hatten nicht Amen dazu gesagt, sondern heftig applaudiert. Für den Karfreitag und den Ostersonntag war die Fortsetzung dieser hierzulande nicht eben üblichen Fusion von Liturgie und Revolte, von Gottesdienst und Bürgerinitiative angesagt. D...

Wir betreuen nicht. Wir stärken.

Was im Amerlinghaus abläuft: Was in 2 Sätzen nicht zu erklären ist

Eine der lebendigsten Wiener Ecken des subkulturellen Lebens ist in einem inzwischen alles andere als subkulturellem Grätzl zu entdecken. Umgeben von „teurem Pflaster“, hippen Lokalen, unschmuddeligen Galerien und für Wohlhabende sanierten Wohnungen hinter musealen Fassaden pulsiert eine „Brutstätte“ sozialer und politischer Projekte. Ohne das Amerlinghaus hätte die Laientheatergruppe des Augustin ungünstigere Wachstumsbedingungen vo...

Stimmgewitter Augustin überrascht mit „Kitsch & Revo“

Weiße Rosen, rote Fahnen

Stimmgewitter Augustin - die klangliche Komponente des soziokulturellen Projekts, in dessen Zentrum die von Obdachlosen, Arbeitslosen und Flüchtlingen vertriebene Wiener Straßenzeitung Augustin steht - lässt bühnenerprobteste Chöre bieder aussehen. AugustinverkäuferInnen distribuieren die Scheibe namens „Kitsch & Revo“, bereits die zweite CD des Klangkörpers vom Rande der Stadt, in einer Dimension, die sich manche Profibands wünsc...

Hinter mir die Sintflut

Wie Weiland Smoky verachtet auch Hans-Dieter das "Affentheater"

Bist du Lebenskünstler? Sandler? Weltstreicher? Clochard? Aussteiger? „Mia is des wuascht, wia ana sogt. Ich bin einer, der leben will. Ich steig ein ins Leben, drum bin ich eigentlich kein Aussteiger.“ Ein Gespräch mit Hans-Dieter, 56, der vor fünfeinhalb Jahren zum Augustin kam und einer der erfolgreichsten Kolporteure ist, –weil er beim Verkauf in den Beisln nicht weniger den Komödianten hervorkehrt als in der Theatergruppe des Augustin...

"Du kannst nichts. Also geh zur Post"

Erwin Lechner – noch einer aus dem "Augustin"-Urgestein

Erwin Lechner, 44, ist seit 1998 „Augustin“-Verkäufer, also Mitglied des „Urgesteins“, wie sich die Langjährigen selber nennen, um scherzhaft ihren Elite-Status hervorzukehren. Erwin redet in einer Stuttgarter Färbung, wie KennerInnen der deutschen Dialekte unschwer diagnostizieren. Wie das klingt, ist am Montag, 16. Oktober, in Radio Augustin zu hören. Auch „Augustin“-Urgesteine zeigen Nerven. Erwin jedenfalls hat sich eine Bierdose zu...

Back to the Lovara-Roots

"Was wolltet ihr immer schon über die Roma wissen?", fragt Gilda Horvath keck

Neben den Burgenland-Roma bilden die ursprünglich aus Ungarn stammenden Lovara die österreichische Volksgruppe der Roma. Die Gesamtzahl der in Österreich lebenden Roma ist wahrscheinlich zehnmal größer. Als Dunkelziffer wird 45.000 kolportiert. Roma aus Ex-Jugoslawien bilden die Mehrzahl. Die Mitglieder der Familie Stojka zählen zu den international bekannten VIPs der Wiener Lovara. Vielleicht ist übermorgen ein anderer Lovara-Name, der gl...

"Greif keine Stoßkarten mehr an"

Post, Unterwelt, Knast, Gruft, Augustin: Die Etappen des Christian "Snoopy" M.

Christian kommt aus der Post. Der Vater arbeitete 35 Jahre lang in der Postdirektion, also trat auch Christian den Postdienst an, der sieben Jahre lang sein Auskommen sicherte. Ein Autounfall beendete diesen Lebensabschnitt. Fersenbeinzertrümmerung und anderes. Zwölf Schrauben im Bein. Sein Körper war arbeitsmarktnonkonform geworden, dann wurde es auch sein Wille. Snoopy, wie Christian M. von seiner Umgebung genannt wird, tauchte in die Welt d...

"Wird halt eine Epidemie ausgebrochen sein"

Erschütternde Dokumente der Kindereuthanasie am Spiegelgrund

Das Zitat im Titel stammt von Heinrich Gross, dem Todesarzt der NS-Kindereuthanasieanstalt am Spiegelgrund. Es war die Antwort des 2005 verstorbenen Experten für „unwertes Leben“ auf die Frage eines Kurier-Journalisten, ob ihm nicht aufgefallen sei, dass so viele Kinder unter seiner „Betreuung“ an „Lungenentzündung“ gestorben seien. Die „Lungenentzündungs“-Lüge war der Endpunkt einer Täuschungskette, an dessen Beginn die „Schlechtme...

Vertraute der Hexen

Alles über eine Schwarze Katze, die zur Figur der Zivilcourage wurde

Wem die Schwarze Katze über den Weg läuft, der oder die muss drei Steine über die Katzenspur werfen. Oder auf einen Stein spucken. Sonst bringt das Unglück. Es wird Zeit, die Schwarze Katze vorzustellen. Die allgemeine Schwarze Katze und jene konkrete, die am Freitag, den Dreizehnten aktiv wird, die von der Augustin-Illustratorin Carla Müller sichtbar gemacht wurde und die auf mittlerweile tausenden T-Shirts durch das Land getragen wird. ...

Serengeti für null Cents

Anton Klein, Ex-Kieberer und Lobaumuseumsdirektor, mag Gelsen eigentlich

Was hat die alte Vervielfältigungsmaschine, in den siebziger Jahren um 4.000 Schilling gekauft, mit der Lobau zu tun? Und der Film "Serengeti darf nicht sterben"? Und die geschlagenen Hussiten? Und der verschollene Hundsfisch? Und der begnadigte "Wilde"? Und die "Franzosenkugeln", die entweder für Franzosen gedacht waren oder von Franzosen verschossen wurden? Und der brasilianische Bischof und Befreiungstheologe Kräutler? Und der Plakatspruch ...

Ein Schluck Chwantschkara auf Frau Bakaschwili!

Das bewegte Leben einer Augustinverkäuferin aus Georgien

Der Charme einer georgischen Großmutter erspart dem Augustin in Wiener Neudorf alle weiteren PR-Maßnahmen. Ihr Lächeln erzeugt eine rätselhafte Schönheit in ihrem Gesicht, das den InterviewerInnen in der Augustin-Redaktion ebenso wenig verborgen bleibt wie den Billa-KundInnen, die "ihre" Kolporteurin so gewohnt sind, dass sie irritiert wären, wenn sie nicht mehr erschiene. Viele von ihnen kennen bereits die private Mehrfach-Katastrophe, die...

Feiern mit Leopold Bloom

Palm macht Urlaub von Mozart und zelebriert James Joyce

Die freie Kunstrepublik „AugartenStadt“ hat den 16. Juni zu ihrem ersten offiziellen Feiertag erklärt. Den weltweit als Bloomsday bekannten Termin erklärt sie zum Tag der Freiheit der Kunst. James-Joyce-Kenner, Autor, Regisseur und Aktionist Kurt Palm skizziert im Folgenden die Entstehung und Bedeutung des Feiertages. Palm ist einer der Zeremonienmeister der Bloomsday-Rituale, die an den Schauplätzen Gaußplatz 11 (Wien 20) und Bunkerei (Aug...

Kunsthaft und Strafkultur

Warum überall Seelsorger im Häfen und (fast) nirgends RegisseurInnen?

Date your Destiny. Theaterprojekt mit Insassen der Justizanstalt Gerasdorf. Konzept und Regie: Tina Leisch. Text: Alma Hadzibeganovic. Choreografie: Zoran Bogdanovic. WIR_HIER, Frauenkunst unter Strafe. Kunstprojekt – Theater, Film, Hörbuch, T-Shirts, Coverbags – mit Insassinnen der Justizanstalt Favoriten. Projektleitung: Beate Göbel. Zwei Beispiele von Kunstarbeit im Strafvollzug. Punktuell, temporär, nicht in jedem Häfen geduldet. August...

Notizen zur Ohrfeige

Darf man Machtausübende schlagen?

Wann immer Hubsi Kramar sich öffentlich an Hermann Schürrer erinnert, den vor 20 Jahren verstorbenen Wiener Boheme-Schriftsteller, ist von zwei biografischen und folgenreichen Ohrfeigen die Rede. Die eine empfing ein Polizist, die andere ein Repräsentant der vormundschaftlichen Psychiatrie. Als kürzlich eine der seltenen Hommagen an Schürrer angesagt war, kam neben Kramar und weiteren überlebenden Begleitern des „schwierigen“ Dichters auc...

Mozart für die Würscht´

Rudi Hübl, Volkskundler und Wildplakatierer, lobt den optischen Skandal

Im Augustinbüro holt Rudi Hübl seine mitgebrachten Würste aus dem Rucksack. Hauswurst geräuchert, luftgetrocknete sizilianische Salami, Kantwurst, Polnische, Speckwurst, Cacciatore, Dürre. Kein entsprechendes Aroma verbreitet sich im Raum. Hübl ist kein Fleischhacker und Pappmaché riecht nicht nach Geräuchertem. Die Ingredenzien seiner Würste sind die Drucksorten des Mozartjahres: Plakate, Werbefolder, Zeitungsartikeln. Mit seinen „Moza...

Aktuelle Ausgabe

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