Ein Justizmord?
Selbstmord nach der siebenundzwanzigfachen Anhaltezeit
„In meinen Augen ist das ein besonders zynischer Justizmord.“ Der diesen Verzweiflungsausruf tut, ist kein ungestümer Jugendlicher, sondern ein äußerst bedachter Ordensgeistlicher, nahe seinen Siebzigern, dem der Selbstmord des Maßnahmeinhaftierten Markus Rechberger in der JA Stein im vergangenen März durch Mark und Bein geht wie vielleicht noch keinem anderen zuvor. Und dabei hat der Gefängnisseelsorger in den vielen Jahrzehnten seine...
Drin is a ned bessa ois wia drausd
"Gangster Girls" - ein Kinofilm hilft, eine versiegte Debatte wiederzubeleben
Filmpräsentation im Kino am Spittelberg. Das „graue“ Haus in der „Schwarz“au ist bunt maskiert, und die Masken tun ihr Werk. Sie verhüllen und enthüllen zugleich, verbergen Gesichter, entlarven unsinnige Zwänge zur angeblichen Besserung, machen Personen unkenntlich und Schicksale sichtbar. Siebzig Minuten lang, Szene auf Szene, spielen die Gefängnisfrauen sich selbst in der Glitzerschminke außerirdischer Feen. Tragik im Prunkkleid ...
Die Kunst, mit Gewinn ein Buch zu lesen
Aus der Schreibwerkstatt
Lesen ist immer ein sich Auseinandersetzen mit beidem – dem Stoff, den man liest und der eigenen Lesart. Und gar, wer schreiben will, muss lesen! Deshalb ist das jüngst erschienene Hitlerbuch des mehrfach preisgekrönten Schriftstellers, Fotografen und Filmemachers Uwe Bolius eine Fundgrube für uns tapfere Schreiberleins, weil er darin auch sehr ausführlich seinen eigenen Zugang zur Autorentätigkeit offen legt. Und dann: Er ist im selben Be...
WEGAner überfallen Veganer
Wien, 22. Mai 2008
Liebe Tante Evi!
Ich schreib dir ein Brief. Ich schreib ihn hier im Park. Und die Mama is auch da. Und die hilft mir beim Schreiben. Zu Haus traun mir uns nimma. Im Park trau ich mich, weil da sind die Männer nicht so schiach. Du ich hab so Angst um den Papa. Weil gestern sind ganz fremde Männer bei uns eingebrochen. In da Früh. Es war noch ganz finsta und mir haben noch geschlafen. Der Papa hat auch noch geschlafen. Und de...
Willkür und Selbstkontrolle
Ein Abend im „Häferl“ zum Thema „Fehlverhalten der Justiz“
Ein Mann klagt nach unfassbaren Fehlhandlungen die Republik. Sein Anwalt erhält die Ladung zur Verhandlung. Der Richter Dr. V., LG f. ZRS Wien, weist den Anwalt an, den Saal zu verlassen. Dann weist er die Klage mit der „Begründung“ ab, der Kläger sei nicht anwaltlich vertreten. Offensichtlich ein Fehlverhalten der Justiz. Die Frage ist nur: Handelt es sich um eine seltene Entgleisung?
Gefängnisse abschaffen?
Leider kein Koalitionsverhandlungsthema
"Ohne Gefängnis - eine Utopie?" fragen die Referenten einer Publikumsdiskussion in der Passage-Galerie des Künstlerhauses, und Robert Sommer vom Augustin moderiert. Das Thema scheint in Zeiten explodierender Häftlingszahlen out zu sein, dennoch füllt sich der Ausstellungssraum. Jedenfalls gehen den VeranstalterInnen des Events die Sitzgelegenheiten aus, und die Diskussion verläuft vom Start weg so angeregt, dass sie selbst kaum zu Wort komme...
Die Hand ist ausgerutscht
Augustin beobachtet die Justiz (2): Das Unternehmen der WEGA
Justizbeobachtung im Sensationsprozess gegen vier Beamte der Wiener Einsatz-GruppeAlarmabteilung. Sie haben, wie jetzt aktenkundig ist, den Schwarzafrikaner Jassey Bakary beim Zurückbringen von einem gescheiterten Abschiebeauftrag stundenlang der schweren Folter ausgesetzt. Bei ZARA werden im Beobachtungszeitraum von zwei Jahren weit mehr als hundert mutmaßlich rassistische Übergriffe gemeldet. Viele lassen sich nicht konsequent verfolgen. In ...
Ein Justizskandal und seine Verdoppelung
Aus der Niederschrift des Gefangenen Franz Schmidt (5)
Franz Schmidt ist ein „Lebenslanger“ in Stein. Seine Lebensgeschichte sollte Pflichtlektüre im Erziehungs- und Justizbereich werden. Die ganze Kausalkette der „Härte statt Sinnhaftigkeit“-Mentalität, die ausschließlich zu Verlierern auf allen Seiten führt, wird an seiner Biografie sichtbar.
Schau dass du heimkommst
Aus der Niederschrift des Gefangenen Franz Schmidt (4)
Zur Erinnerung: Franz Mayr durchlebt eine Kindheit im ländlichen Elend der Dreißiger Jahre. Aus existentieller Not seiner Mutter wird er zum Gemeindekind, später zum Adoptivkind in einer Umgebung die ihn vom frühesten Kindesalter an anfeindet. Aus Hunger und Angst wird er zum Wursträuber, aus Loyalität zum ersten platonischen Schwarm und aus Unachtsamkeit zum Brandstifter. Der zum Tatzeitpunkt noch nicht 14-jährige wird dafür zu 8 Jahren ...
Die Scheune des Teufels
Aus der Niederschrift des Gefangenen Franz Schmidt (3)
Zur Erinnerung: Franz Schmidt verbüßt eine lebenslange Haftstrafe in Stein. Er hat dort seine Memoiren geschrieben, um der Nachwelt die volle Wahrheit über Schuld und Unschuld seines Handelns zu hinterlassen. Es ist ein Vermächtnis an seine Familie, die seit all den Jahrzehnten seiner Inhaftierung zu ihm hält.
Du bist ab heute nicht mehr der Mayr...
Aus der Niederschrift des Gefangenen Franz Schmidt (2)
„Es sind meine 21. Weihnachten, die ich unverschuldet im Gefängnis und ohne Familie verbringen muss. Diese Tage sind die furchtbarsten im ganzen Jahr, denn Weihnachten ist das Fest der Familie“.
Dieser Satz des Franz Schmidt erreichte uns am 11. Dezember 2005. Er hat uns gebeten, den Satz dem nächsten Auszug aus seinen Memoiren voranzustellen.
Zur Erinnerung an den Beginn dieser Serie: Der Autor wird 1931 als einjähriges Kind dem Bürgerme...
Des Gesetzes blaues Auge
Augustin beobachtet Richter (1): Die verlorene Idee der Sühne
In einem Rechtsstaat ist die Gerechtigkeit auf einem Auge blind. Das zeichnet ihn gegenüber den Diktaturen aus, wo sie zwei tote Augen hat und ihr auch noch der Blindenhund verboten ist. Wir leben in einem solchen Rechtsstaat und müssen froh darüber sein. Aber bei bestimmten Anlässen wird uns die erwähnte Sehbehinderung bewusst. Beispielsweise, wenn wir als ungeladene Zuhörer einem Strafprozess beiwohnen.
Sie können ja den Freitod wählen
Aus der Niederschrift des Gefangenen Franz Schmidt (1)
Wenn die Justiz ein schlechtes Gewissen bekommt, empfiehlt sie ihrem Opfer den Selbstmord. So jedenfalls liest es sich in den Memoiren des Franz Schmid. Es ist aber nicht die einzige Unglaublichkeit in seiner Leidensgeschichte.