Die verletzten Zusammenhänge
"Hanna und ich": Andrea Winkler und ihr neues Buch
Arme Närrchen im Selbstgespräch, eine stumme Hauptfigur, Sätze von rätselhafter Klarheit: Das poetische Universum der Schriftstellerin Andrea Winkler verführt und entzieht sich zugleich. Ihr neues Buch „
Hanna und ich“ erzählt von einer immer unwirklicher werdenden Realität.
Hocknstad
Ich teile die Leute nur noch ein in Stade und in Hocknstade. Die Stad’n haben eine Arbeit, aber sie halten die Pappen. Die Hock’nstadn haben keine Arbeit, aber sie halten auch die Pappen. Also, wo ist da der Unterschied?
Man hat es nicht leicht als Hocknstader, aber leicht hat es einen. Das AMS hat keine Hockn für mich, aber ich soll ihnen die Hockn abnehmen und mir selbst eine Hockn suchen.
Brausebäder, Lakritzengläser, Halskrawatten
Mit der geborgten Hasselblad flanierte R. Niedermeyer durch "mein Wien"
Zeugnisse eines Verlustprozesses, die Schauplätze vor ihrer Zu-Tode-Modernisierung, der Zustand vor dem Verlöschen der für wertlos erklärten städtischen „Altlasten“ vor dem Hintergrund der Angleichung der Weltstädte in der Ästhethik des Neoliberalismus – das Thema vergangener und zukünftiger Fotoreportagen im Augustin ist auch jenes von Ronnie Niedermeyer. Mit einer ausgeliehenen Hasselblad unterwegs, hat der Wienbeobachter die Suj...
Zwa Semmeln und an hoiba Lita Müch
Unlängst geh i spazian. Kumm i bei an Greißler vurbei und denk i ma, do geh i eine, weu es gibt jo eh nimmamehr so vü davon. Griaß i wia sa sis ghört und es schaut recht passabl aus do drin. A klans Stehtischerl, wo ma an Kaffee trinken kaun, und ollas in oin lauter leckare Sochn. So Bio und so, des is jo jetzt modern. Ned? Hot si hoid ollas verändat, de Bauern mochn ka Gschäft mea, oiso samma auf Bio umgstiegn.
eine grossartige geste
das leben als großes wort und als erinnern
das leben in tausend gewesenen welten
mit menschen gelebt und verloren
so viele verloren
in der zeit
im leben
in sich selbst
so viel zerbrochen und zerstört
Unser gemeinsam entwickeltes Märchen
Es war einmal ... und genauso fängt auch unser Märchen an.
Es war einmal, in einem großen Wald. Die Morgenluft ließ den Frühling verspüren. Überall konnte man den Duft von Waldmeister und Leberblümchen riechen.
Reich, was heißt schon reich?
In der Vorstadt
Vorweihnachtszeit: eine Punschglocke hängt auch über dem Floridsdorfer Spitz. Vor einem Punschstandl des Arbeitersamariterbundes, ein Herr in mittleren Jahren, im Trainingsanzug, nach dem 5.Punsch räsonierend.
Temperatursturz
Isolde zog sich das Stirnband über die Ohren, die abgetragenen Handschuhe über die Finger und schlüpfte in die warmen Schuhe. Zum Schluss zog sie sich den grauen Mantel über. Sie ließ sich Zeit. Sie wollte nicht nach draußen.
Frei, zügig
„Die Gedanken sind frei“ – lassen Sie mich ein wenig mit meinen Gedanken für Sie spielen – vielleicht führt Sie so ein Spiel zu ein paar Freiheiten gegenüber Ihren eigenen Gedanken. „Freizügigkeit“ bedeutet juristisch etwas anderes als in der Alltagssprache. Im Fremdenrechtspaket 2005 ist mit diesem Begriff im neoliberalen Freisprechstil eine seltsame Veränderung durchgeführt worden.
25 Jahre Regenbogenhaus
Blitzsteins Lokalaugenschein
Ich kann mich erinnern, als wäre es gestern gewesen, da ging ich auf Anraten meines Therapeuten das erste Mal ins Regenbogenhaus. Mein Therapeut sagte mir, das sei ein Verein für gegenseitige Nächstenliebe und dass ich mir das ansehen solle. Die Nächstenliebe fand ich zwar nicht (die hatte offenbar gehört, dass ich komme und sich vor mir versteckt), auf diese Weise dauerte das Osterfest erstmals in meinem Leben ein ganzes Jahr, bis ich anfin...
Eine beneidenswerte Ehe
Nein, ich glaube nicht, dass meine Geschichte etwas Besonderes ist, es gibt leider auch schlimmere. Aber erst jetzt bin ich in der Lage, darüber zu reden. Ein paar Wunden werden nie heilen und bleiben mir für immer erhalten. Allerdings muss ich zu meiner Geschichte erwähnen, dass ich heuer den Sechziger feierte.
Geboren bin ich in Bratislava und seit einundvierzig Jahren lebe ich in Wien. Um meine Kindheit zu verarbeiten – auch damit kämpfe...
Nach dem Mittagspapperl das Verdauungshatscherl
Lostage, Zehnter Neunter Nullsechs
Nach dem Essen sollst du flott marschieren, um hineingestopfte Kalorien zu verlieren. Zwar ist eine derbere Version dieses Spruches im Umlauf, wo die Frau zur Sexpuppe degradiert wird, aber so was weise ich dezidiert von mir, ist auch mein Verhältnis zum anderen Geschlecht nicht ganz friktionsfrei. In der vorliegenden, sozusagen politisch korrekten Form, habe ich mich heute nach üppig ausgefallener Speisenaufnahme dazu ermuntert, was gegen den ...
Heirat ist Geiselnahme unter Mitwirkung des Staates
Ein Lebensbericht.
Wo kommen Sie her? Und ursprünglich? Diese zwei Fragen begleiten mich mein ganzes Leben und mit meinen einundsechzig Jahren kann ich sie nicht mehr hören. Ich beantworte sie nur karg: Heidelberg! Mein Leben, das ist ein Weg voller Tretminen, die ich immer wieder, ohne es richtig zu wissen, berühre.
Ungestüm abgeklärt
Julius Mendes Überlegungen zur Sexuellen Welle
Eine Neuerscheinung ist zu preisen, deren zugrunde liegende Lebensweisheit ihres Autors manche so genannte 68er über einstige Selbstgewissheiten zu nachdenklichem Lächeln hinreißen wird. Zugleich trübt ein großer Schatten die Freude über den langen Atem einer nonkonformistischen Persönlichkeit.
...
Ein Wienerlied aus Ägypten
Über Ursula und Tarek Eltayeb. Oder: Arabistik kann ein Leben füllen
Was macht ein Afrikaner in einer Stadt ohne Dattelpalmen? Eh klar. Er geht ins Palmenhaus. Wie aus dem sudanesischen Betriebswirt Tarek Eltayeb ein österreichischer Dichter wurde ...
Bala bala für Unvermittelbare
Gestrandete in der Maschinerie des AMS? Tagebuch eines Kursteilnehmers
Wie Recht hatte Karl Öllinger, Sozialsprecher der Grünen, als er im Parlament Kritik an "vollkommen sinnlosen und geradezu entwürdigenden AMS-Kursen ohne Ausbildungswert" übte, die zum Teil mehr an Strafvollzug als an aktive Arbeitsmarktpolitik" erinnerten? Das AMS dementiert. Es könne natürlich unbefriedigende Einzelfälle geben, meint AMS-Vorstand Herbert Böhm. Aber 60 Prozent aller SchulungsteilnehmerInnen hätten nach sechs Monat...
Karl Kraus und die Eitelkeit
Die vorletzte Anstiftung zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 29
„Eitelkeit und Geltungssucht dieses Schriftstellers kannten keine Grenzen, sein Ehrgeiz wurde nur von seiner Selbstgerechtigkeit übertroffen.“
Marcel Reich-Ranicki
Flanieren im Orient
Von der temporären Zweckentfremdung eines Stundenhotels
Am Sonntag, 6. Mai 2007, ist Österreichs berühmtestes Stundenhotel, das „Orient“ am Tiefen Graben im Zentrum Wiens, Schauplatz der „Langen Nacht der Liebe“. Für eine Veranstaltung zum Internationalen Hurentag (2. Juni) habe er jedoch sein Hotel nicht zur Verfügung gestellt, erklärt Chef Schimanko junior dem Augustin. Grund: Das Puff-Image des Orient ist Geschichte und soll Geschichte bleiben.
Peter Altenberg, der Gerade-Schreiter – eine Collage
Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 28
„Ich werde immer kürzer in meinen Gedankengängen, und das heißt also immer besser, immer weniger zeitraubend! Zum Schluss werde ich gar nichts mehr sagen. Das wird das Beste sein. Da wird mich einer nur anschaun brauchen und sagen: ‚Ich weiß schon!’ Eine kann es jetzt schon, sie heißt ‚Paula’!“
Peter Altenberg
Karl Kraus und die Juden
Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 27
„Einem Juden zu begegnen ist eine Wohltat, gesetzt, dass man unter Deutschen lebt. Die Gescheitheit der Juden hindert sie, auf unsere Weise närrisch zu werden, zum Beispiel ‚national’.“
Friedrich Nietzsche
Von Reiseschriftstellern, Bildungs- und Wissenschaftlhubern
Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 26
„Gelehrsamkeit, die – Staub, aus einem Buch in einen leeren Schädel geblasen.“
Ambrose Bierce
„Es hat jemand mit großem Grunde der Wahrheit behauptet, dass die Buchdruckerei Gelehrsamkeit zwar mehr ausbreitet, aber im Gehalt vermindert hätte. Das viele Lesen ist dem Denken schädlich. Die größten Denker, (…), waren grade unter allen den Gelehrten, die ich habe kennen gelernt, die, die am wenigsten gelesen hatten.“
Georg ...
Kölnisch Wasser vermischt mit Schweiß
Briefe an den Vater
Hallo Vater! Wie geht es dir? Wie geht es dir mit meinen Geschwistern? Hast du dich an sie gewöhnen können? Oder suchst du wieder nach deiner Einsamkeit, indem du dich in deinen Obstgarten zurückziehst? Du hast dir wahrscheinlich deine Pensionszeit sehr leicht vorgestellt. Du hast dir gedacht, ich fange dort an, wo ich alles stehen lassen habe. Die ersten Jahre deiner Pensionierung waren sowohl für dich als auch für mich, meine Mutter, aber ...
Verhasste Handelsgesellschaft
Richards Schuberths Piratenkomödie ?Wartet nur, bis Captain Flint kommt!?
Nach Freitag in Sarajevo hat Richard Schuberth eine weitere Komödie zum Thema Gott und Welt vorgelegt, diesmal in Form einer Piratenburleske, bei der die Lesenden (später die ZuschauerInnen) lange Zeit nicht checken, ob die Handlung in einer sagen wir Pötzleinsdorfer Bobo-Wohnung oder in einem anarchistischen Sektor des Ozeans spielt. Ein angehängtes, aber ungewohnt eigen-artiges Glossar und ein angehängter Essay machen Schuberths ...
Die Nordsee und die neue Regierung
Wiener Ausfahrten
Anfang Februar 2007 saßen Groll und der Dozent in einer Nordsee-Filiale. Die beiden waren in das Studium von Zeitungen vertieft. Vor Groll lag ein Holzbrett, auf dem sich ein geöffnetes Schweizermesser und ein Stück Schinkenspeck von der Fleischerei Wild aus Gaweinstal im Weinviertel befanden. Hin und wieder schnitt er ein paar Stücke ab und schob dem Dozenten ein paar Scheibchen zu, die dieser mit einem wohlwollenden Nicken entgegennahm. Gro...
Wien-Floridsdorf.
Lob der Post!
Der Dozent saß in einem Café am Floridsdorfer Spitz und schrieb in sein Notizbuch. Hin und wieder hob er denBlick und starrte in den dichten Schneefall, der Straße und Gehsteig bedeckte. Nur wenige Passanten waren unterwegs, der scharfe Wind und die tiefenTemperaturen machten den Aufenthalt im Freien unerquicklich. Groß war daher die Überraschung des Dozenten, als er einen weiß angezuckerten Rollstuhlfahrer insLokal rollen sah. Umständlich...
Im letzten Zimmer der Baracke
Briefe an den Vater
Hallo Vater! Wie geht es dir? Wenn du nach meinem Befinden fragst gut. Es ist wieder ein Jahr vom Leben abgezogen. Immer noch die Fragen Überleben, Arbeit usw. ... Als ich noch in der Türkei war, bis zu meinem 16. Lebensjahr, habe ich mir solche Fragen überhaupt nicht gestellt. Je älter man wird, desto mehr beschäftigt man sich wahrscheinlich damit.
Jagd im Mandelbaumgarten
Briefe an den Vater
Hallo Vater! Es ist Freitagabend. Nach einem anstrengenden Tag nach der Arbeit gehe ich noch fort. Mit einem Freund treffe ich mich. Es wird sehr spät. Zu Fuß möchte ich nach Hause gehen. In dem Moment kommt der Nachtbus. Es sind viele junge Leute drin. Nach 3 Stationen steige ich aus. Viele steigen aus. In der Dunkelheit durch die raschelnden Herbstblätter, ein bisschen durch Alkohol angeheitert, schlendere ich stadtauswärts. Hinter mir Sch...
Deine trügerischen Fotos aus Wien
Briefe an den Vater
Hallo Vater! Es ist wieder fast ein Monat vergangen seit meinem letzten Brief. Das Leben ist in Wien gleich geblieben. Was sich geändert hat: Es gibt sehr viele Hochhäuser mit sehr viel Glas, und es gibt U-Bahn-Verlängerungen. Ansonsten ist Wien immer noch für mich eine museale Stadt. Viel Geld wird in die Museen und in alte Theaterstücke und in die Oper hineingepumpt. Auch die amerikanischen Musicals verschlingen ganz schön viel Geld. Aber...
Back to the Lovara-Roots
"Was wolltet ihr immer schon über die Roma wissen?", fragt Gilda Horvath keck
Neben den Burgenland-Roma bilden die ursprünglich aus Ungarn stammenden Lovara die österreichische Volksgruppe der Roma. Die Gesamtzahl der in Österreich lebenden Roma ist wahrscheinlich zehnmal größer. Als Dunkelziffer wird 45.000 kolportiert. Roma aus Ex-Jugoslawien bilden die Mehrzahl. Die Mitglieder der Familie Stojka zählen zu den international bekannten VIPs der Wiener Lovara. Vielleicht ist übermorgen ein anderer Lovara-Name, der gl...
Tuchlauben
Wiener Ausfahrten
Schräg gegenüber vom Hochholzerhof, der BAWAG-Zentrale, befindet sich das Nobelrestaurant Fabios. Wer in der Wiener Gesellschaft auf sich hält, lässt sich hier in der Auslage von vorübereilenden Passanten bewundern. Wer sehr auf sich hält, sitzt im Freien; wessen Reichtum älter als sechs Monate ist, sitzt eine Reihe weiter, und wer weder reich noch sonstwie aus der Menge hervorragt, bestreitet für einen FPÖ-Ableger Interviewtermine m...
Die Briefe des "Deutschen"
Briefe an den Vater
Nach langer Zeit gehe ich wieder in ein Konzert. Es spielt eine bulgarische Jazzgruppe. Ich tanze. Anschließend wird Balkan-Musik aus der Dose gespielt. Gegen 5 Uhr verlasse ich das Lokal. Über den Schwarzenbergplatz und den Ring komme ich gegenüber der Oper an. Es hat viel geregnet. Über das nasse Grün gehe ich weiter. Eine Bratwurst bestelle ich. Bei diesem Würstelstand wird auch Pizza und Kebap verkauft. Die beiden in der Würschtelbude ...
Wem gehört der öffentliche Raum?
Die Jagd auf den Zettelpoeten Seethaler wirft eine Frage auf
Wie nennt man in der Sprache Brechts eine Justiz, die Helmuth Seethalers Zettelgedichte sowohl als öffentliches Ärgernis als auch als Verkehrssicherheitsstörung verfolgt und die Aufdringlichkeit der kommerziellen Rolling Boards für stadtgemäß hält?
Feiern mit Leopold Bloom
Palm macht Urlaub von Mozart und zelebriert James Joyce
Die freie Kunstrepublik AugartenStadt hat den 16. Juni zu ihrem ersten offiziellen Feiertag erklärt. Den weltweit als Bloomsday bekannten Termin erklärt sie zum Tag der Freiheit der Kunst. James-Joyce-Kenner, Autor, Regisseur und Aktionist Kurt Palm skizziert im Folgenden die Entstehung und Bedeutung des Feiertages. Palm ist einer der Zeremonienmeister der Bloomsday-Rituale, die an den Schauplätzen Gaußplatz 11 (Wien 20) und Bunkerei (Aug...
Die Geschichte deines Überlebens
Briefe an den Vater
Hallo Vater!
Wie geht es dir? Ich hoffe, gut. Ich bin immer noch in Wien. Gestern war ich im Café Leopold. Ich stand an der Bar. Eine Touristengruppe von fünfzehn Leuten stürmte herein. Das Lokal war voll. Nachdem die Touristen weggegangen waren, schrie eine Frau durchs ganze Lokal; Wie geht es dem Vater? Ich verstand sie nicht. Sie schrie noch lauter: Wie gehts dem Vater? Darauf antwortete ich: Gut. Sie hatte unsere Geschichte ...
Mir sieht man es nicht mehr an
Briefe an den Vater
Hallo Vater!
Es ist 2 Uhr in der Früh. Ich kann nicht schlafen. In der Küche sitze ich, neben mir der Kühlschrank, wie in jeder modernen Wienerwohnung. Ich lausche dem Rauschen der Wienernacht. Die anderen sind schon eingeschlafen. Mir gehen so viele Sachen durch den Kopf. Übrigens, bei mir sind es auch am 18. März 25 Jahre geworden, seit ich in dieser Mozartstadt bin. Glaube mir, mir sieht man nicht mehr an, dass ich einer von euch bin. Ic...
Karl Kraus und die Frauen II
Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 9
„Der Hass gegen die Frau ist immer nur noch nicht überwundener Hass gegen die eigene Sexualität.“
Otto Weininger
Karl Kraus und die Frauen I
Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 8
„Und besser noch Ehe brechen als Ehe biegen,
Ehe lügen. So sprach mir ein Weib:
Wohl brach ich die Ehe, aber zuerst brach die Ehe mich.“
Friedrich Nietzsche
„Was weiß die Welt, wie Weiber sich erwärmen!
Mit seinem Maß nur mag der Mann sie messen,
was drüber ist, verachten und vergessen,
und was darunter, minniglich umschwärmen."
Karl Kraus
...
Kraus und die Psychowissenschaften
Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 7
„Ich war sehr stolz auf die Stelle, die Sie mir gewidmet haben, und dann wieder verärgert darüber, dass Sie eine Verbeugung vor Karl Kraus machen können, der auf der Skala meiner Hochachtung eine unterste Stelle einnimmt.“
Sigmund Freud in einem Brief an Arnold Zweig
„Wahnverpflichtet durchs Leben wanken – das könnte immer noch ein aufrichtigerer Gang sein als der eines Wissenden, der sich an den Abgründen entlang tastet.“
...
Vom Wettlauf der Satire mit der Realität
Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 6
„Kraus hatte den schärfsten Blick für das Niedere, Lächerliche, Verlogene, Armselige, das sich in Drucklettern, in Buch und Zeitung manifestiert, und eine überlegene Kunst, es in satirisches Licht zu rücken, in ein Licht von erbarmungsloser, zerstörender Grellheit.“
Alfred Polgar
Witz als Waffe im Kerker des Humors
Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 5
„Witz ohne Ernst ist nur ein Niesen des Verstandes.“Heinrich Heine
„Aus allen Winkeln des Lebens muss ihm der Humor zuströmen, den er nicht hat, und er würde selbst die Zündholzschachtel verschmähen, die nicht einen Witz auf ihrem Deckblatt führte.“
Karl Kraus
„Er beneidet den Humor des Andern, wie ein junger Grind die alte Krätze.“
Karl Kraus
...
Mit dem Satz gegen den Zeitgeist verschworen …
Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 3
Kraus und die Sprache II
„Die Besonnenheit, die es verbietet, in einem Satz zu weit sich vorzuwagen, ist meist nur Agent der gesellschaftlichen Kontrolle und damit der Verdummung.“
Theodor W. Adorno
„Meinungen, Richtungen, Weltanschauungen – es kommt doch zuerst und zuletzt auf nichts anderes an als auf den Satz. Die ihn nicht können, fangen beim Lebensinhalt an, welchen sie infolgedessen nicht haben und welcher da ist, wenn der Sat...
Wien I., Stephansplatz
43. Ausfahrt
Groll stand in der Konditorei Aida am Stephansplatz an einem Stehtisch. In der Hand hielt er ein großes Glas Schnaps. Er war aus dem Haas-Haus gekommen, dessen Do-und-Co-Restaurant im Spätherbst 2005 in den beiden obersten Stockwerken nach gründlicher Renovierung neu eröffnet worden war. Grolls Ziel war nicht das Restaurant gewesen, sondern die Behindertentoilette im Keller, die seinerzeit, weil Architekt Hollein auf eine derartige Einrichtun...
Die wahre Amour fou – Kraus und die Sprache I
Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 2
„Ein Geisteskranker, den man nach dem Grunde seines jahrelangen Schweigens fragte, behauptete: ‚Weil ich die deutsche Sprache schonen wollte.’“
C.G. Jung, aus „Der Inhalt der Psychose“ (1908)
Hass muss produktiv machen?
Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus – Teil 1
Da ich zu keiner Partei gehöre, beleidige ich alle Parteien.
(Lord Byron)
Weil unser öffentlicher und mündlicher Strafproceß die Popularklage nicht kennt, habe ich ja zum Zwecke der öffentlichen, schriftlichen Popularklage die Fackel gegründet.
(Karl Kraus)
2024 wird sich Karl Kraus Geburtstag zum hundertfünfzigsten, 2036 sein Todestag zum hundertsten Mal jähren. Ich will nicht so lange warten und erwähle mir 2006 z...
Keine Minute Lohnarbeit
Branko Andric (1942–2005)
Branko Andric ist tot. Jener Branko Andric, dessen Augen noch vor neun Monaten von der Titelseite des Augustin schlau herunterlächelten. Als Headline hatten die Redakteure den Titel eines von Brankos Gedichten "Mamin mali seksualnac" gewählt, dessen deutsche Übersetzung "Mamas kleiner Sexueller" sich etwas holprig ausnahm, aber – den Gesetzen des Sensationsjornalismus folgend – neugierig machte.
Sie lesen, als ob sie beteten
Nigerianische Dichter in Wien und (unfreiwillig) in den Bergen
Das literarische Klima in Wien und Graz wird im letzten halben Jahr ziemlich aufgeheitert dank nigerianischer Dichter, die hier leben, aber in der eigenen Tradition schreiben. Sie schreiben auf Englisch, Poetry, manchmal auch Kurzgeschichten – und es wäre schade um diese Gedichte, wenn man sie inkompetent ins Deutsche übertrüge.
Wien I. Mölkerbastei
Der Dozent hatte Groll eines Tages auf das restaurierte Liebenbergdenkmal aufmerksam gemacht, das dem ehemaligen Wiener Bürgermeister und Verteidiger Wiens gegen die türkische Armee gewidmet war. Groll betrachtete die Statue und fuhr sich mit dem Handrücken übers Gesicht, als müsse er eine Spinnwebe zerreißen. Und tatsächlich, es war eine Spinnwebe der Erinnerung, die sich Grolls bemächtigt hatte. Er erinnerte sich an den Frühsommer de...
Erinnerung an Lienz, Osttirol
Wiener Ausfahrten
An einem lauen Sommerabend saß Groll beim Binder-Heurigen in Groß-Jedlersdorf und las Zeitung. Hochwasser hatte einige Täler Tirols und Vorarlbergs schwer in Mitleidenschaft gezogen. Ortschaften waren verwüstet, Tausende verloren ihr Hab und Gut. Groll war allein, der Dozent weilte in Osttirol bei einer Sportveranstaltung, die sich Iron Man nennt. Nicht dass der Dozent sich selber den Strapazen aussetzte, er wollte die Teilnehmer aus der ...
Aktion "Hunger auf Kunst und Kultur" weitete sich aus
Brot für alle, Spiel für alle
Die Aktion "Hunger auf Kunst und Kultur" ist eine Kooperation der österreichischen Armutskonferenz mit diversen VeranstalterInnen im kulturellen Bereich. Sie ermöglicht sozial Schwachen einen Gratiszugang zu Theater, Musik, Film oder Museum. Wenn der Staat seiner Pflicht nachkäme und sich darum kümmern würde, dass nicht immer mehr Menschen draußen aus dem Spiel bleiben, würde sich die Aktion erübrigen ...