Mit dem Satz gegen den Zeitgeist verschworen …
Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 3
Kraus und die Sprache II
„Die Besonnenheit, die es verbietet, in einem Satz zu weit sich vorzuwagen, ist meist nur Agent der gesellschaftlichen Kontrolle und damit der Verdummung.“
Theodor W. Adorno
„Meinungen, Richtungen, Weltanschauungen – es kommt doch zuerst und zuletzt auf nichts anderes an als auf den Satz. Die ihn nicht können, fangen beim Lebensinhalt an, welchen sie infolgedessen nicht haben und welcher da ist, wenn der Satz gelingt...
Wien I., Stephansplatz
43. Ausfahrt
Groll stand in der Konditorei Aida am Stephansplatz an einem Stehtisch. In der Hand hielt er ein großes Glas Schnaps. Er war aus dem Haas-Haus gekommen, dessen Do-und-Co-Restaurant im Spätherbst 2005 in den beiden obersten Stockwerken nach gründlicher Renovierung neu eröffnet worden war. Grolls Ziel war nicht das Restaurant gewesen, sondern die Behindertentoilette im Keller, die seinerzeit, weil Architekt Hollein auf eine derartige Einrichtung ve...
Die wahre Amour fou – Kraus und die Sprache I
Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 2
„Ein Geisteskranker, den man nach dem Grunde seines jahrelangen Schweigens fragte, behauptete: ‚Weil ich die deutsche Sprache schonen wollte.’“
C.G. Jung, aus „Der Inhalt der Psychose“ (1908)
Hass muss produktiv machen?
Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus – Teil 1
Da ich zu keiner Partei gehöre, beleidige ich alle Parteien.
(Lord Byron)
Weil unser öffentlicher und mündlicher Strafproceß die Popularklage nicht kennt, habe ich ja zum Zwecke der öffentlichen, schriftlichen Popularklage die Fackel gegründet.
(Karl Kraus)
2024 wird sich Karl Kraus Geburtstag zum hundertfünfzigsten, 2036 sein Todestag zum hundertsten Mal jähren. Ich will nicht so lange warten und erwähle mir 2006 zum Kraus-Jahr....
Keine Minute Lohnarbeit
Branko Andric (1942–2005)
Branko Andric ist tot. Jener Branko Andric, dessen Augen noch vor neun Monaten von der Titelseite des Augustin schlau herunterlächelten. Als Headline hatten die Redakteure den Titel eines von Brankos Gedichten "Mamin mali seksualnac" gewählt, dessen deutsche Übersetzung "Mamas kleiner Sexueller" sich etwas holprig ausnahm, aber – den Gesetzen des Sensationsjornalismus folgend – neugierig machte.
Sie lesen, als ob sie beteten
Nigerianische Dichter in Wien und (unfreiwillig) in den Bergen
Das literarische Klima in Wien und Graz wird im letzten halben Jahr ziemlich aufgeheitert dank nigerianischer Dichter, die hier leben, aber in der eigenen Tradition schreiben. Sie schreiben auf Englisch, Poetry, manchmal auch Kurzgeschichten – und es wäre schade um diese Gedichte, wenn man sie inkompetent ins Deutsche übertrüge.
Wien I. Mölkerbastei
Der Dozent hatte Groll eines Tages auf das restaurierte Liebenbergdenkmal aufmerksam gemacht, das dem ehemaligen Wiener Bürgermeister und Verteidiger Wiens gegen die türkische Armee gewidmet war. Groll betrachtete die Statue und fuhr sich mit dem Handrücken übers Gesicht, als müsse er eine Spinnwebe zerreißen. Und tatsächlich, es war eine Spinnwebe der Erinnerung, die sich Grolls bemächtigt hatte. Er erinnerte sich an den Frühsommer des Jahres 1...
Aktion "Hunger auf Kunst und Kultur" weitete sich aus
Brot für alle, Spiel für alle
Die Aktion "Hunger auf Kunst und Kultur" ist eine Kooperation der österreichischen Armutskonferenz mit diversen VeranstalterInnen im kulturellen Bereich. Sie ermöglicht sozial Schwachen einen Gratiszugang zu Theater, Musik, Film oder Museum. Wenn der Staat seiner Pflicht nachkäme und sich darum kümmern würde, dass nicht immer mehr Menschen draußen aus dem Spiel bleiben, würde sich die Aktion erübrigen ...
Erinnerung an Lienz, Osttirol
Wiener Ausfahrten
An einem lauen Sommerabend saß Groll beim Binder-Heurigen in Groß-Jedlersdorf und las Zeitung. Hochwasser hatte einige Täler Tirols und Vorarlbergs schwer in Mitleidenschaft gezogen. Ortschaften waren verwüstet, Tausende verloren ihr Hab und Gut. Groll war allein, der Dozent weilte in Osttirol bei einer Sportveranstaltung, die sich Iron Man nennt. Nicht dass der Dozent sich selber den Strapazen aussetzte, er wollte die Teilnehmer aus der Nähe s...
Seit 10 Jahren für einen Journalismus des Unspektakulären
Den Leuten Mut zum Schreiben machen?
Begeistert war er überhaupt nicht, von der Idee eines Interviews im Augustin. Aber der Augustin ist ja schließlich kein autoritär geführter Betrieb. Dort entscheidet nicht das Diktat des Einzelnen, sondern das des Plenums – und das genehmigte das Unterfangen. Ein Gespräch mit dem Redakteur und Zeitungsgründer Robert Sommer anlässlich 10 Jahre Augustin.
Ausdauernd, wie man ihn nicht kennt: Sechs Jahre an einem Buch
Franzobels neue Seiten
Wer glaubt, dass gute Literatur und schneller Trash ein Widerspruch sein müssen, kennt den Schriftsteller Franzobel (noch) nicht. Nach dem viel beachteten Stück Hunt oder Der totale Februar, über die Bürgerkriegswirren 1934, legt er nun sein bisher größtes Werk in Buchform vor: Das Fest der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik.
Interview mit der Neomillionärin, Dichterin und politischen Aktivistin El Awadalla
Blaue Buchtln, orange Buchtln
Im Frauencafé in der Lange Gasse waren sich die Besucherinnen einig: Super, dass eine politisch so aktive Frau wie die El gewonnen hat! Hunderte von Gratulationsmails und so nette SMS habe sie gekriegt, erzählt El Awadalla und nimmt die Gelegenheit des Augustin-Interviews gleich zum Anlass, sich bei allen GratulantInnen herzlich zu bedanken. Auf der Gassn gratuliern mir immer noch die Leut, obwohls jetzt schon acht Wochen her ist. Da kommen ...
Beethoven im Strafgefangenlager
24. Ausfahrt
Groll stand stirnrunzelnd vor dem restaurierten Konzerthaus und notierte die Aufschrift "Ehret Eure deutschen Meister". Der Dozent gesellte sich zu ihm.
Muttis kleiner Sexueller
"Alle unsere Vorbilder haben Teller gewaschen": Branko Andric, Urbanist
In Wien ist er eher als Zeichner bekannt, in Novi Sad als unangepasster Literat und als grau gewordenes Faktotum des dortigen experimentierfreudigen PunkRockJazz-Schmelztiegels. Vielleicht wird ihn Europa bald als Filmstar kennen. Als einen, der einen obdachlosen Gastarbeiter in Wien spielt– und in vielen Aspekten auch sich selbst.
Des Mummenschanz geheime Botschaft
Wiener Ausfahrten
Der Dozent fand Groll an der 24-Stunden Tankstelle Ecke Gerasdorferstraße/Brünnerstraße in Wien-Floridsdorf. Groll stand neben einem Kübel mit Schnittblumen. Er aß einen Schokoriegel und nippte zwischendurch an einer Dose Bier.
Das sind Sie ja! rief der Dozent und sprang vom Rad. Ich dachte, Sie seien in der Innenstadt, bei den Installationen zur Erinnerung an den 60. Jahrestag des größten Bombenangriffs, der gegen Wien geflogen wurde.
D...
Kopftuch, pfiffig umgemodelt
Ignoranz bedeutet, den Anderen aus dem Blickfeld zu verdrängen
Die Wirtschaftswissenschafterin und Lehrerin für Religion und Rechnungswesen Gülmihri Aytac übersetzte Friederike Mayröcker ins Türkische und gab das Buch „so gehe ich tag und nacht. 13 texte nach veysel“ heraus. Fragen beantwortet sie kurz und bündig. Z. B. nach der in den Medien sehr beliebten Unterdrückung der Frau im Islam: „Frauenunterdrückung gibt es überall. Es ist nicht einmal so sehr deswegen, weil Männer Frauen unterdrücken, sondern wei...
Zwischen den Zeilen liegt der Sinn
Walter Pichler, literarisches AUGUSTIN-Urgestein
Walter, du Lump. Wie stellst du dir das eigentlich vor. Jetzt hast du schon monatelang nichts mehr für den AUGUSTIN geschrieben. Hat dir jemand die Lust aufs Schreiben ausgetrieben?
"Altlinke und Alt68er", 2. Teil: Elfriede Jelinek
Ein Hund namens Floppy
Elfriede Jelinek, "bekannte Staatsdramatikerin einer jetzt freilich schon vergangenen Pracht", habe die "faule Flut ihrer Dichtkunst" über Österreich ergossen, obwohl sie den Österreichern versprochen habe, ihre Stücke nicht mehr aufzuführen. So war´s in der Kronenzeitung vom 28. Mai zu lesen. Wenige Tage zuvor war die Feindin Nummer 1 in der sonntäglichen Schriftsteller-Portrait-Serie nach Nennings Art gewür(di)gt worden. Bleibt nur zu sagen: "N...
Charles Ofoedu stellt seinen 'Fall' dar
Der Hungerkünstler als 'Drogenboss'
Im Buch "Morgengrauen" beschreibt der Schwarze Charles Ofoedu seine dreimonatige Untersuchungshaft - und wie Afrikaner in Wien leben.
Jesus Christus am Mexikoplatz
Als ich geboren wurde, wusste ich noch nicht, dass ich bin. Aber kaum, dass ich ein bissl laufen konnte, lernte ich, dass ich in einer Welt geboren war, die ich nicht ganz begreifen konnte.
Rollstuhlfahrer Groll deckt Porno-Mafia auf
Ein stetiger Strom von Brüsten
Die Rebellion des Lesenden gegenüber dem Buchautor besteht darin, daß er, der Lesende, das Buch liest wie er will. Egal, wie der Autor sein Buch angelegt hat, er hat auf die Lesart keinen Einfluß. Die Freiheit der Lektüre ist grenzenlos. Sie kann sich auf die Geschichte, die das Buch erzählt, konzentrieren, oder auf den Bau der Sätze (es soll auch Spezialisten des Einstiegs geben: Leserinnen und Leser, die sich hauptsächlich dafür interessieren, ...