Gitarre spielen und dabei singen, das ist banal. Tausendmal gesehen und gehört. Jedoch streichen oder singen – beides zusammen geht kaum, meint der Laie. Tatsächlich sieht man selten eine Geigerin, die streichend singt. Jelena Popržan macht das mühelos. Sie bratscht und wechselt parallel, wenn es sich ergibt, von der Opern- zur Pop-Stimme. Rina Kaçinari hätte ihre Partnerin nie kennen gelernt, wenn es damals in Prishtina einen Cello-Lehrer für sie gegeben hätte.
Filmpräsentation im Kino am Spittelberg. Das „graue“ Haus in der „Schwarz“au ist bunt maskiert, und die Masken tun ihr Werk. Sie verhüllen und enthüllen zugleich, verbergen Gesichter, entlarven unsinnige Zwänge zur angeblichen Besserung, machen Personen unkenntlich und Schicksale sichtbar. Siebzig Minuten lang, Szene auf Szene, spielen die Gefängnisfrauen sich selbst in der Glitzerschminke außerirdischer Feen. Tragik im Prunkkleid wirkt unbeschwert – und das Publikum lacht. Wir lachen. Wir lassen uns vom Film demaskieren, und das ist wahrscheinlich eines der größten Komplimente, die sich ein dramaturgisches Konstrukt verdienen kann.
Sie verweigerte sich in radikaler Weise der Öffentlichkeit, gab keine Interviews, ließ sich nicht fotografieren, ihre letzten Lesungen absolvierte sie Ende der 70er Jahre: Marianne Fritz ist, auch zwei Jahre nach ihrem Tod, die große Außenseiterin des österreichischen Literaturbetriebs. Ihre Hinterhofwohnung im siebenten Bezirk ist geblieben, was sie war: ein einziges – für Außenseiter enigmatisches – Archivsystem. Die Autorin des folgenden Beitrags teilt die Jelinek’sche Ehrfurcht vor Marianne Fritz: „Es ist ein singuläres Werk.“ Der im März für eine interessierte Gruppe erstmalig geöffnete Arbeitsraum der Fritz ist Teil dieses singulären Werks.
„Pension F.“, die anarchistische Mischung aus Revue, Mediensatire und Trash, in der – entgegen den Ankündigungen und Erwartungen des voyeuristischen Boulevards – keine einzige Szene im Keller des Inzesttäters Josef F. aus Amstetten spielt, wird vom 15. bis 18. April wiederaufgeführt. Da jeder Abend seine eigene Dynamik hat, ist auch ein Mehrfachbesuch empfehlenswert.
Dem Tode, in Kärnten als „Sensenmann“ bezeichnet, den angeblich verminderten Vergnügungen im Alter und den „Kinderschändern“ kündet die Künstlerin Maria Lassnig ihren Widerstand an. Mit viel Kraft, Energie und Härte reflektiert sie in knalligen Farben geschlechtliche Themen.
In welchem Ausmaß Kulturschaffende zu den „working poor“ zählen, zu denen, die trotz intensiver Arbeit sich nichts leisten können, zeigt die Studie „Zur sozialen Lage der Künstler und Künstlerinnen in Österreich“. Das mittlere Monatseinkommen der KünstlerInnen liegt mit rund 1000 Euro deutlich unter dem der österreichischen Gesamtbevölkerung (2006: monatlich 1.488 Euro). Unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze leben 37 Prozent der Kunstschaffenden – dieser Anteil beträgt in der Gesamtbevölkerung 13 und unter allen Erwerbstätigen 7 Prozent. Zwei weitere Kulturschaffende haben dem Augustin freimütig Auskunft über ihre Lage gegeben. Der erste Teil dieser „Fallstudien zur Studie“ erschien in Ausgabe Nr. 244.
Sandra Selimovic ist das, was man ein Multitalent nennt. Selbstbewusst als Tänzerin, beeindruckend als Schauspielerin und kreativ als Choreographin zeigt sie, was man alles schaffen kann, wenn man den Mut und den Willen dazu hat. Sandra ist Migrantin aus Serbien – und sie gehört zur Volksgruppe der Roma.
Fleischerei, Projekt Theater Studio, Experimentaltheater. Das Theater in der Kirchengasse 44 hat viele Namen. Seit über fünfzehn Jahren verwirklicht Eva Brenner mit ihrem Team vielfältige Theaterprojekte. Vor allem die Inszenierungen literarischer Texte von AutorInnen wie Marlene Streeruwitz, Werner Schwab oder Ingeborg Bachmann haben das Theater bekannt gemacht.
Vergangenen Monat hat in Wien das Festival „Roter Oktober“ stattgefunden, das Teil des interkulturellen Autorentheaterprojekts Wiener Wortstätten von Hans Escher und Bernhard Studlar ist. Wer wie wann und mit wem geschrieben hat, lesen Sie hier ...
Aus Österreich nach Afrika flüchten!? Ja, das führte Johnny im Schilde, doch er schaffte es nicht einmal ins Flüchtlingslager Traiskirchen. Aber, er traf Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, und solche, die diesen unter die Arme greifen. Für Johnny lautet daher das Gebot der Stunde: die Gesellschaft verändern – er wird daher Fernsehmoderator für prekäre Lebenssituationen.
Ludwig Hirsch, Musiker und Schauspieler, feiert dieser Tage sein 30-jähriges Bühnenjubiläum. Aus diesem Anlass wurde das Gesamtwerk neu aufgelegt. Eine Würdigung.
Nach seiner Aufsehen erregenden filmischen Bestandsaufnahme zur Welternährung „We Feed The World“ legt Filmmacher Erwin Wagenhofer mit seiner neuen Dokumentation „Let’s Make MONEY“ den Finger in die nächste Wunde von Weltkonzernen, die anonym und ausbeuterisch agieren. Im Gespräch mit dem Augustin nennt er einiges, was stinkt, beim Namen.
Kunst? Für Tina Leisch war die Kunst nie ein Heiligtum ästhetischer Perfektion, sondern viel mehr ein nützliches Werkzeug für Interventionen im sozialen oder politischen Raum. Mit ihrem Film „Gangster Girls“ wird sie bei der diesjährigen Viennale zweifellos Aufsehen erregen (Anm. d. Red.: Die Aufführungen erfolgten knapp nach Redaktionsschluss). Erstens weil sie ein weitgehend tabuisiertes Thema aufgriff: das Leben von weiblichen Strafgefangenen in der Schwarzau, Österreichs einzigem Frauengefängnis. Und zweitens weil der Film in seiner Aussage wie auch in seiner künstlerisch-ästhetischen Umsetzung sehr gelungen ist.
Wieder hat der „Cirque du Soleil“ sein weißes Grand Chapiteau in Wien aufgeschlagen und mit ihm einer der spannendsten Artisten mit einer einzigartigen Lebensgeschichte: Dergin Tokmak hat sich mit dem Engagement bei der glamourösen Zirkustruppe einen Lebenstraum erfüllt. Seinen gesamten Soloauftritt tanzt er auf Krücken und ist fast so etwas wie ein Star geworden im aktuellen Programm „Varekai“, das noch bis 2. November am Rotundenplatz zu sehen ist.
Einst hatte der Aufzug, der in Peter Dworaks Himmelsatelier hinaufführte, eine gepolsterte Sitzbank aus Mahagoniholz. Heute ist er ersetzt durch einen Lift der üblichen Art, in genormter Ausführung, steril, funktionell, glatt. Da oben, im letzten Stock eines bürgerlichen Hauses in der Kettenbrückengasse im 5. Wiener Gemeindebezirk wohnt er, der ernsthaft arbeitende Zeichner und Maler Peter Dworak. Man kennt ihn im Grätzel. Er ist tatsächlich eine auffallende Erscheinung.