Die Geste von Mr. Spock
"Führung mit Gartenschere" im jüdischen Teil des Zentralfriedhofs

„Lebensnaher“ Schulunterricht – der Begriff scheint etwas daneben gegriffen zu sein, wenn es um ein Friedhofs-Projekt geht. Für unseren Fall stehen uns ja noch die Variationen „praxisnah“ oder „wirklichkeitsnah“ zu Verfügung. Schüler und Schülerinnen des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums pflegten auf dem Wiener Zentralfriedhof vernachlässigte jüdische Grabstätten.
Tatort Resselpark
Vom zweijährigen Sohn angestiftet: Der Löwenzahn-Unhold

Betretungsverbot wie zu Kaisers Zeiten? Erst Joseph II. machte notgedrungen Zugeständnisse an die Bevölkerung, um eventuelle Revolutionen gegen den herrschenden Adel wie in Frankreich zu unterbinden. Dennoch: Untertanen müssen hörig sein! Hellhörig. Das ist die Story von einem, der sich eine 105-Euro-Strafe nicht gefallen lassen wollte.
Abschreckungshilfe
eingSCHENKt
Wir öffnen die Archive des Schweigens. Eine Studie zur Nicht-Inanspruchnahme von Sozialhilfe wurde vor ein paar Tagen präsentiert. Berichtet wurde darüber wenig. Stellen Sie sich vor, eine Studie zum „Missbrauch von Sozialleistungen“, sie hätten bestimmt darüber in der Zeitung gelesen, im Radio gehört, im TV gesehen. Was heißt gelesen. Aufmacher in der Kronenzeitung, Diskussion im ORF, wilde Forderungen im Radio.
Die Passion der Selbstvorwürfe
Meine Kinder sind süchtig (1)

Immer wenn ich in der Unterführung am Karlsplatz auf dem Weg zum Naschmarkt bei den Streetworkern vorbeikomme, trifft mich der Anblick der Kinder, die sich dort um Spritzen oder Drogenersatzprogramme anstellen, mitten ins Herz. Meine beiden Kinder waren selbst einmal drogenabhängig. Sie haben es geschafft, wegzukommen. Ein mehrteiliger Bericht von Karin Mandel.
Illustration:FCB KOBZA,BERNDFLIESSER,KERSTINHEYMACH
Erste Klasse Leben
eingSCHENKt
Als die Titanic den Eisberg rammte und sank, waren die Chancen für die Passagiere zu überleben sehr ungleich verteilt. Von den an Bord befindlichen 2200 Personen überlebten in etwa 700. Die Überlebenschancen richteten sich nach der Klassengrenze – je nachdem welche Kabine man sich leisten konnte. Von 100 weiblichen Passagieren der ersten Klasse haben 90 überlebt, von den Frauen der dritten Klasse nur mehr die Hälfte. Von den Männern der zweiten und dritten Klasse haben 9 bzw. 14 von 100, von jenen der ersten Klasse immerhin noch 31 von 100 das Unglück überlebt.
Die Ungleichheit vor dem Tod ist nicht mit der Titanic versunken, sondern aktueller denn je. Ganz stark in den ärmeren Ländern der Welt, oder auch in den USA – Stichwort Flut von New Orleans –, aber auch im reichen Österreich.
"Betteln ist kein soziales Problem"
Über Augustin-VerkäuferInnen und andere großstädtische Gefahren. Ein Landtags-Protokoll
Die wörtlichen Protokolle der Sitzungen unserer VolksvertreterInnen im Wiener Rathaus, aus dem Internet leicht verfügbar, sind Lehrmaterial für die Populismusforschung. Im Folgenden Ausschnitte aus der Landtagsdebatte zum Bettelverbot, die vor einigen Wochen stattfand. Die Beiträge von Rechtspolitikern suggerieren, Wien zähle zu den unsichersten Großstädten der Welt. Als ob die No-Future-Situation insbesondere für slowakische und rumänische Roma nicht hinreichend dokumentiert wäre, behaupten die ausgewählten RednerInnen unisono, hinter der Bettelei dieser Menschen stecke kein soziales Problem. Tatsächliche Hinweise auf Gruppenreisen von „Betteltouristen“ werden zur Konstruktion einer „Bettlermafia“ missbraucht. durch inflationäre Wiederholung soll, so das populistische Kalkül, in der Stadt Angst vor ihr entstehen, als ob die „Mafia“ eine reale Erscheinung wäre. Ein zweifacher Doktortitel, wie die Dokumentation zeigt, schützt nicht vor tiefstem Stammtischniveau ...
Edi kocht
Fünfmal in der Woche gibt es im Haus St. Josef ein Mittagessen zum Kleinstpreis
„In der Lacknergasse gibt’s das beste Essen“ lautet der
allgemeine Tenor im Augustin-Vertriebsbüro. Damit dieses Angebot zustandekommen kann, ist Engagement von vielen Seiten notwendig.
Vergessensabschnitte
eingSCHENKt
Frühförderung betrifft nicht nur Kinder mit Bedarf an Sprachunterstützung, sondern allgemein Kinder aus sozial schwächeren Elternhäusern. Bei den 4- bis 6-Jährigen gehen Kinder armutsgefährdeter Eltern deutlich weniger in den Kindergarten (57 %) als nicht arme Kinder (75 %). Weiters kommen von den zehn Prozent, die beim Lesen am schlechtesten abschneiden, mehr als zwei Drittel (68 %) aus deutschsprachigen österreichischen Familien. Rund 14 Prozent der Schüler mit Migrationshintergrund erreichen beim Pisa-Test sogar die beiden höchsten Leistungsstufen. Ganze 45 Prozent liegen im Durchschnitt aller getesteten 15-Jährigen. Das heißt: 59 Prozent der MigrantInnen lesen gleich gut oder besser als der Durchschnitt der Schüler deutscher Muttersprache. Hier ist nicht der ethnische, sondern der sozioökonomische Hintergrund bestimmend.
"Null Toleranz gegen Rassismus" in der Polizei?
ZARA Geht's mich was an?
Um sich einen Überblick über die Verwirklichung der Menschenrechte in Österreich zu verschaffen, traf sich Thomas Hammarberg, Menschenrechtskommissar des Europarats, mit Bundeskanzler, MinisterInnen und NGOs in Wien. Am Ende seines Besuchs forderte er unter anderem menschenrechtliche Schulungen für die Polizei, und mehr Menschen mit Migrationshintergrund in Uniform.
Bellevue für alle!
Wie Reinhard Seiß uns half, den Begriff Sozialmissbrauch neu zu denken
Ohne aufrechte Beamte, die bereit waren, offen zu sprechen, wiewohl sie meistens anonym bleiben wollten, wären ihm viele Informationen verschlossen geblieben, sagt Reinhard Seiß. Der Raumplaner hat mit seinem Buch „Wer baut Wien?“ Furore gemacht. Das Thema: Die Ausschaltung der Stadtplanung im Interesse einer Kumpanei von Kommunalpolitik und Baukapital. Im Augustingespräch mit Reinhard Seiß ging es vor allem um die Frage, was mit öffentlichen Geldern passiert, die eigentlich dazu dienen sollten, auch Einkommensschwachen gute Wohnqualität zu erschließen.
Nummer 56 hat ein Gesicht
Die Arbeitslosenpolizei – Auszüge aus einer Recherche von Christine Werner (1)
Eine packende Recherche über die Praxis der österreichischen Arbeitslosenverwaltung hat die GAV-Autorin, Netz- und Aktionskünstlerin Christine Werner unternommen. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags „edition uhudla A“ bringt der Augustin einen dreiteiligen Vorabdruck aus dem noch nicht im Handel erhältlichen Buch „Die Arbeitslosenpolizei“. Der Titel lässt keinen Zweifel zu: Dieses Buch würde den Ruf des AMS als Institution der Hilfe für Arbeitssuchende demolieren – wenn er nicht schon demoliert wäre.
Die Heroes der „Tage der freien Fahrt“
Neue Bewegung in Sachen Nulltarif - und die Pioniere der „Gratis-Linie D“:
Für alle, die aus sozialen Gründen „schwarzfahren“, und für deren LobbyistInnen sorgten zwei Meldungen dieses Frühlings zunächst für Euphorie: Der Wiener SPÖ-Landesparteitag hatte den SJ-Antrag nach „Freifahrt für Obdachlose und SozialhifeempfängerInnen“ mit Mehrheit beschlossen; Bürgermeister Häupl reagierte mit der kolportierten Erklärung, der Nulltarif werde „noch heuer umgesetzt“.
Versöhnung statt Strafe
Im „Häferl“ steht die Vision der gefängnisfreien Gesellschaft zur Debatte
Die Gefängnisse sind voll. Der Diskurs über die Möglichkeit einer gefängnislosen Gesellschaft scheint vom Zeitgeist erstickt zu sein. Der Augustin scheint mit einer verstockten Beharrlichkeit gegen den Strom zu schwimmen, wenn er den Sinn des staatlichen Strafens grundsätzlich in Frage stelllt und Alternativen dazu in die (fehlende!) Debatte wirft, die weit über die bloß reformerische Forderung nach mehr Menschlichkeit im Strafvollzug hinausgehen. Umso erfreulicher, wenn auch anderswo über die „Utopie“ der Zukunft ohne Gefängnisse palavert wird.
Minister für (Selbst)Inszenierung?
Arbeitslosenanwalt Herbert Pochieser zu Erwin Buchinger
Die Redaktion hat es für sinnvoll gehalten, jemanden um einen Kommentar zum Interview mit dem Sozialminister zu bitten, der von der „Selbstinszenierungssucht“ Erwin Buchingers ausgeht und Interviews mit PolitikerInnen dieses Typs von vornherein problematisch hält, weil sie dem sich Inszenierenden gewollt oder ungewollt entgegen kämen. Die Wahl fiel auf Herbert Pochieser, der als einer der wenigen Rechtsanwälte, der Arbeitslose juristisch gegen das AMS vertritt, das Gewicht seiner Erfahrungen wirken lassen kann.
Rund um die Uhr
Fremde Mutter - Tagebuch einer pflegenden Annäherung (8)
Meiner demenzkranken 92-jährigen Mutter geht es zunehmend schlechter. Sie wohnt mit mir und meinem Mann in unserer Wohnung in Wien, nachdem sie von Berlin nach Wien übersiedelt worden ist, weil die Verwandten die Betreuung nicht mehr leisten wollten. Wir betreuen sie rund um die Uhr, wie das etwa 80 Prozent der Angehörigen von Pflegefällen, insbesondere die Frauen, tun – ein gesellschaftspolitisches Problem. Jeden Tag die bange Frage: Zeit, zu gehen?
Wie ein halber Bus - aber brutto!
Ein Interview mit Sozialminister Erwin Buchinger
Der Stellenwert dieses Interviews wurde uns bereits vor Beginn des Gesprächs klar gemacht: Nach zwanzig Minuten vertrösteter Wartezeit wurden wir freundlich empfangen und ins allgemeine Händeschütteln mit der sich verabschiedenden Vizebürgermeisterin Brauner einbezogen. „Sie müssen schon entschuldigen“, meint Buchinger dann zu uns, „aber jede Minute mit der Frau Vizebürgermeisterin ist 10.000 Euro Wert.“ Wir wussten das zu schätzen und entschieden uns für eine höflich verbale Demutsgeste.
Die ehrlichste Gage
Zur baldigen Abschaffung der Straßenmusik-Verordnung
Der Musiker Walther Soyka hat am Freitag, den 13. April (
F 13) an dem „kleinen Wiener Akkordeonfestival“ im U-Bahnnetz teilgenommen, weil er dessen Zielsetzung unterstützt: Beseitigung der bürokratischen Hürden für die Straßenmusik in der „Hauptstadt der Musik“. Dem Augustin berichtete er, welche Rolle die Straße in seiner Künstlerbiografie spielte und wie wenig die Hüter der Verordnung vom Sinn der Kunst begreifen.
Der Bote als schlechte Nachricht
"Neger raus": SOS Mitmensch widerspricht Institut für Graffiti-Forschung
Soll man die Stadt von den "Neger raus"-Parolen säubern?
Norbert Siegl vom Institut für Graffiti-Forschung (IGF) verneinte in unserer Ausgabe 200 diese Frage mit folgender Begründung: Über Graffiti kommen gesellschaftlich verdrängte Inhalte zum Vorschein. Eine oberflächliche Zerstörung dieser Inhalte kommt einer Verdrängung des Verdrängten gleich. Die Position rief heftigen Widerspruch von Menschenrechts-NGOs und Antirassismus-Initiativen hervor. Hier eine Stellungnahme von Philipp Sonderegger, Sprecher von
SOS Mitmensch.
Der Pflegestufenschätzer fand Stufe 2 angemessen...
Fremde Mutter - Tagebuch einer pflegenden Annäherung (7)
Meine demenzkranke Mutter wohnt seit fast eineinhalb Jahren mit mir und meinem Mann in unserer Wohnung in Wien, nachdem sie von Berlin nach Wien übersiedelt worden ist, weil die Verwandten die Betreuung nicht mehr leisten wollten. Wir betreuen sie rund um die Uhr, wie das etwa 80 Prozent der Angehörigen von Pflegefällen, insbesondere die Frauen, tun – ein gesellschaftspolitisches Problem. Die fremde Frau, die ich seit Jahrzehnten nur von Besuchen kenne, ist uns ans Herz gewachsen.
Eine Uni gegen das Vergessen
Argentiniens 'Madres' als Volksbildnerinnen
Am 30. April 1977 marschierten erstmals Mütter vor dem Regierungssitz auf der „Plaza de Mayo“, um Aufklärung über das Verschwinden ihrer Töchter und Söhne zu fordern. Es sollte ein langer Marsch werden, denn erst jetzt stehen erstmals Militärs vor Gericht, die den Genozid an 30.000 Menschen zwischen 1976 und 1983 zu verantworten haben. Die „Madres“, heute Frauen im Alter von 80 bis 90 Jahren, sind also noch lange nicht an ihrem Ziel. Auf dem Weg dorthin betreiben sie eine Bibliothek, ein Literaturcafé, eine Buchhandlung, einen Verlag, eine Zeitung, ein Radio, eine Druckerei und seit acht Jahren eine Volksuniversität.
Zwischen Angst und Schabernack
Fremde Mutter - Tagebuch einer pflegenden Annäherung (6)
Meine demenzkranke Mutter wohnt seit fast einem Jahr mit mir und meinem Mann in unserer Wohnung in Wien, nachdem sie von Berlin nach Wien übersiedelt worden ist, weil die Verwandten die Betreuung nicht mehr leisten wollten. Wir betreuen sie rund um die Uhr, wie das etwa 80 Prozent der Angehörigen von Pflegefällen, insbesondere die Frauen, tun – ein gesellschaftspolitisches Problem. Die fremde Frau, die ich seit Jahrzehnten nur von Besuchen kenne, wird uns immer vertrauter.
Kriegerdenkmalsaversion
Helmut Kraus, Peter Wagner, Wolfram Kastner, Josef Schützenhöfer etc. haben was gemeinsam:
Österreich ist übersät mit "Heldendenkmälern". Manche würdigen die Gefallenen des Ersten Weltkriegs (natürlich nur die "Unseren"), die meisten die Gefallenen beider Weltkriege (natürlich nur die "Unseren"). Eine der Botschaften solcher Denkmäler lautet: Wer sich der "Heldenpflicht" entzog, etwa durch Desertion, war ein Feigling - milde ausgedrückt. Der Wiener Lehrer Helmut Kraus versuchte, ein in seinem Gymnasium unhinterfragt überdauendes Denkmal dieser Art durch beigefügte Info-Tafeln inhaltlich "umzudrehen". Sein Projekt reiht sich ein in eine Serie von Initiativen, Kriegerdenkmäler zu entschärfen.
Abschaffen? Demokratisieren!
Geschworenenrecht aus der Sicht eines mündigen Geschworenen
Kürzlich war im Augustin viel Skeptisches über LaienrichterInnen zu lesen. Anlässlich einer Diskussion über "Fehlverhalten der Justiz" hatte Staatsanwalt Walter Geyer darauf hingewiesen, dass Geschworenenprozesse in vielen Rechtsstaaten nicht mehr existierten. Sie seien "generell ein diskussionsbedürftiges Rechtsmittel, weil das Laienurteil zwar einmal durch Berufsrichter aufgehoben und der Fall einem neu zusammengesetzten Geschworenengericht zugeführt werden könne, dieser zweite Laienspruch dann aber in jedem Fall unwiderrufbar sei." (Ausgabe Nr. 194) Die Gefahr, dass Laien zu einem Fehlurteil kommen, sei allerdings keineswegs geringer, als jene von Irrtum oder Willkür seitens der Berufsrichter, räumte der Staatsanwalt ein. Im Folgenden ein im Grunde positiverer Blick auf das Geschworenenrecht - und zwei konkrete Prozessberichte des Autors als Geschworener.
Kölnisch Wasser vermischt mit Schweiß
Briefe an den Vater
Hallo Vater! Wie geht es dir? Wie geht es dir mit meinen Geschwistern? Hast du dich an sie gewöhnen können? Oder suchst du wieder nach deiner Einsamkeit, indem du dich in deinen Obstgarten zurückziehst? Du hast dir wahrscheinlich deine Pensionszeit sehr leicht vorgestellt. Du hast dir gedacht, ich fange dort an, wo ich alles stehen lassen habe. Die ersten Jahre deiner Pensionierung waren sowohl für dich als auch für mich, meine Mutter, aber auch für deine anderen Kinder sehr schwer. Du warst mit der Erziehung deiner Kinder nicht zufrieden. Die ganze Schuld hast du versucht, auf meine Mutter zu schieben. Deine Aussagen gingen immer in folgende Richtung: Ich habe mein ganzes Leben für euch aufgeopfert usw. Uns hast alle wie kleine Kinder behandelt. Dabei war dein jüngster Sohn von acht Kindern schon 20 Jahre alt. Du hattest schon Enkelkinder. Die Vorwürfe meiner Mutter waren aber auch nicht anders: Ich habe die acht Kinder allein groß gezogen!
Seelsorge muss stören
Bischof Krenn ist Geschichte. Dem Pfarrer von Paudorf ist trotzdem nicht fad
In der Aschermittwochs-Messe hatte der Pfarrer den Offenen Brief an einen der reichsten österreichischen Steinbruchunternehmer und an einen der größten Grundbesitzer des Landes vorgelesen. Die Gläubigen hatten nicht Amen dazu gesagt, sondern heftig applaudiert. Für den Karfreitag und den Ostersonntag war die Fortsetzung dieser hierzulande nicht eben üblichen Fusion von Liturgie und Revolte, von Gottesdienst und Bürgerinitiative angesagt. Die beiden christlichen red letter days waren daher in unserem redaktionellen Arbeitskalender dick markiert.
Mann ist Mann
Fremde Mutter - Tagebuch einer pflegenden Annäherung (5)
Meine demenzkranke Mutter wohnt mit mir und meinem Mann in unserer Wohnung in Wien. Wir betreuen sie rund um die Uhr. Sie ist von Berlin nach Wien übersiedelt worden, nachdem die Verwandten die Betreuung nicht mehr leisten wollten. 80 Prozent der Pflegefälle werden von ihren Angehörigen zu Hause betreut. Zwischen der fremden Frau, die ich seit Jahrzehnten nur von Besuchen kenne, und allen an der Betreuung Beteiligten entsteht eine Beziehung, die letztlich auch bereichernd ist.
Manchmal trifft Omsch ins Schwarze
Fremde Mutter - Tagebuch einer pflegenden Annäherung (4)
Meine Mutter wird seit einem dreiviertel Jahr von mir und meinem Mann in unsrer Wohnung in Wien und im Häuschen im Waldviertel betreut. Wir haben aber nicht gewusst, wie schwer demenzkrank sie ist. Sie ist von Berlin nach Wien übersiedelt worden, nachdem die Verwandten die Betreuung nicht mehr leisten wollten. Zwischen der fremden Frau, die ich seit Jahrzehnten nur von Besuchen kenne, und allen an der Betreuung Beteiligten entsteht eine Beziehung, die letztendlich auch bereichernd ist.
Wir betreuen nicht. Wir stärken.
Was im Amerlinghaus abläuft: Was in 2 Sätzen nicht zu erklären ist
Eine der lebendigsten Wiener Ecken des subkulturellen Lebens ist in einem inzwischen alles andere als subkulturellem Grätzl zu entdecken. Umgeben von „teurem Pflaster“, hippen Lokalen, unschmuddeligen Galerien und für Wohlhabende sanierten Wohnungen hinter musealen Fassaden pulsiert eine „Brutstätte“ sozialer und politischer Projekte. Ohne das Amerlinghaus hätte die Laientheatergruppe des Augustin ungünstigere Wachstumsbedingungen vorgefunden; ohne das Amerlinghaus wäre die Chronik der Augustin-Feste um einige rauschende Kapitel ärmer. Lisa Grösel und Walter Ratley, zwei vom Amerlinghaus-Team, berichteten über ihre Arbeit.
Einfahrer Unterschrift
Nachrichten aus der Schuldenfalle (2)
Viele Arbeitslose suchen ihr Erwerbsglück in der Selbständigkeit. Das ist wahrscheinlich richtig. Was sie allerdings nicht ahnen können, ist, dass sie von einem Tag auf den anderen schutzlos sind. Vor allem gegenüber raffinierten Fallenstellern.
"Da warten noch Hunderte"
Prekäre Arbeitsverhältnisse im Call-Center: Betroffene erzählen
Werner hatte mit Notstandshilfe und geringfügiger Beschäftigung zu wenig Geld zum Leben. Seither arbeitet er bis zu 68 Stunden in der Woche im Call-Center - je nach Arbeitsangebot. Krankheit oder Urlaubsbedürfnis sind in diesen Zeiträumen ein existenzielles Problem, weil sonst das Geld im nächsten Monat fehlt. Bei einem Stundenlohn zwischen 6 und 8 Euro Brutto mausert sich die Flexibilität zur Flexploitation.
Kolonialware Mädchen
Es ist keine Lösung, wenn Dein Kind in Europa seinen Körper verkaufen muss ...
Kunst spricht, meint Joanna, die über Zwangsprostitution aufklären möchte. Sie drehte einen Film gegen Frauenhandel und zeigte ihn in Nigeria. Ein Spielfilm und ein Buch sind in Planung.
„Siechtum wird fortgesetzt“
„Steuerinitiative“ für gerechtere Verteilung des Reichtums beobachtet ÖGB von innen:
Die Gründungsmitglieder der überfraktionellen „Steuerinitiative“ im ÖGB sind Funktionäre aus unterschiedlichen Gewerkschaften und Fraktionen des ÖGB. Ihr gemeinsamer Nenner: Sie halten eine Änderung des Steuersystems für das zentrale Mittel, um eine gerechtere Verteilung des gesamtwirtschaftlichen Reichtums in unserer Gesellschaft zu erwirken. Ihrer Website
www.steuerini.at entnehmen wir den enttäuschten Kommentar zum vergangenen ÖGB-Kongress – und setzen damit das ÖGB-Watching fort, das Lutz Holzinger im Augustin Nr. 194 einleitete.
Mein Vorwurf, mein Nachwurf. Meine Tochter?
Fremde Mutter - Tagebuch einer pflegenden Annäherung (3)
Meine Mutter wird nun schon seit einem dreiviertel Jahr von mir und meinem Mann betreut. Wir haben nicht wirklich gewusst, worauf wir uns da einlassen. Mutter ist von Berlin nach Wien übersiedelt, und niemand hatte uns gesagt, wie schwer demenzkrank sie ist. Nun lebt die fremde Frau, die ich seit Jahrzehnten nur von Besuchen kenne, in unserer Wohnung in Wien und an den Wochenenden in unserem Häuschen im Waldviertel. Langsam entsteht eine Beziehung zwischen allen an der Pflege Beteiligten.
Mindestsicherung: Wo Armutsbekämpfung endet und Hartz IV beginnt
eingSCHENKt
Das im Regierungsprogramm vorliegende Konzept ist keine Grundsicherung, sondern eine Sozialhilfereform, deren Eckpunkte noch sehr unklar sind. Drauf steht „bedarfsorientierte Mindestsicherung“, drinnen ist eine Reform der Sozialhilfe. Wie diese „Sozialhilfe neu“ ausschauen wird, bleibt relativ vage.
Glauben’s, das jetzt was besser wird?
Binationale Ehepaare werden weiter kriminalisiert
Die Initiative „
Ehe ohne Grenzen“ wird am siebenten Februar ein Jahr alt. Zu feiern gibt es allerdings wenig, denn das Menschenrecht auf Familienleben für binationale Ehepaare bleibt vorerst auch unter der neuen Regierung verwehrt. In der SPÖ, die das verantwortliche Fremdenrechtspaket 2005 mit beschlossen hat, regt sich aber mit Barbara Prammer, Caspar Einem und Neo-Justizministerin Maria Berger prominenter Widerstand. Am 13. Dezember wurde der Initiative auf Einladung der Nationalratspräsidentin der Ute-Bock-Preis 2006 im Parlament verliehen.
„Schmeiss mich doch in eine Kiste“
Fremde Mutter - Tagebuch einer pflegenden Annäherung (2)
Wenn 80 Prozent der zu pflegenden Menschen von ihren meist weiblichen Angehörigen betreut werden, weist das auf einen akuten Pflegenotstand hin. Ich pflege meine demenzkranke Mutter nun schon ein halbes Jahr. Unverhofft bin ich in diese Situation geraten und ich habe nicht wirklich gewusst, worauf ich mich da einlasse. Der Pflegealltag ist belastend. Es wächst aber eine Beziehung zwischen meiner mir fremden Mutter und allen an der Pflege Beteiligten. Ohne fremde Hilfe geht es nicht, doch woher nehmen?
Als Aktionär bei Agrana
Einmal im Jahr frühstücken wie ein Kaiser
Wir setzen unsere Berichte aus der Welt der AktionärInnen fort. Nach den Aktionärsversammlungen von Uniqa (Ausgabe Nr. 183) und Do&Co (Nr. 188) beobachtete der Augustin ähnliche Rituale auch in der Hauptversammlung der Agrana. Für Augustin-LeserInnen ist diese Gesellschaft eine „alte Bekannte“: Als Agrana die Zuckerfabrik in Hohenau zusperrte, berichteten wir über den Schock, den diese Entscheidung eines zum global player gewordenen Unternehmens in der niederösterreichischen Gemeinde auslöste.
Lohnarbeit? Kein Lebenszweck!
Die Gewerkschaftsreform erfordert neues Denken
Bei der Stilisierung der Arbeit als Lebenszweck der Menschheit dürfte die Arbeiterbewegung dem Kapital auf den Leim gegangen sein. Die Unternehmer sind " aus ein und demselben Grund " zwar an der Arbeitsmoral, nicht aber an der Vollbeschäftigung der Lohnabhängigen interessiert. Kann vom bevorstehenden Bundeskongress des ÖGB (22. bis 24. Jänner) eine Wende in dieser Frage erwartet werden?
Im letzten Zimmer der Baracke
Briefe an den Vater
Hallo Vater! Wie geht es dir? Wenn du nach meinem Befinden fragst gut. Es ist wieder ein Jahr vom Leben abgezogen. Immer noch die Fragen Überleben, Arbeit usw. ... Als ich noch in der Türkei war, bis zu meinem 16. Lebensjahr, habe ich mir solche Fragen überhaupt nicht gestellt. Je älter man wird, desto mehr beschäftigt man sich wahrscheinlich damit.
"Ein Mann hat wie ein Mann zu sein"
Irgendeine Identität zu haben ist üblich: als Türke, als Mann ...
Seine "Gastarbajteri-Fotos" stellt er in der Türkei aus, die Bilder, die er im Zeitraum von 20 Jahren in seinem türkischen Dorf machte, in Österreich. Der Künstler und Sozialarbeiter Mehmet Emir, der mit einem Kunststudium an der Akademie begann, zum Thema Männlichkeit in drei Generationen.
Harry Potter und der Name, den man nicht nennt
eingSCHENKt
Voldemort, so heißt der mächtige Zauberer, der nach Harry Potters Leben trachtet und am liebsten die ganze Welt beherrschen will. Die Bewohner der Zauberwelt wagen es gar nicht, Voldemorts Namen auszusprechen. Stattdessen sagen sie. „Er, dessen Namen man nicht nennt“ oder „Du weißt schon wer“. Nur wenige, unter ihnen Harry Potter und der Direktor der Zauberschule Hogwarts, Professor Dumbledore, nennen Voldemort so wie er nun mal heißt. „Nenn ihn Voldemort“, rät ihm Dumbledor. „Nenn die Dinge immer beim richtigen Namen. Die Angst vor einem Namen steigert nur die Angst vor der Sache selbst“.
Fremde Mutter
Tagebuch einer pflegenden Annäherung (1)
Unverhofft kam die Journalistin Bärbel Mende-Danneberg in die Situation, ihre demenzkranke Mutter zu pflegen, ohne wirklich zu wissen, worauf sie sich da einlässt. Im Laufe der Zeit wächst eine Beziehung zwischen ihr, der fremden Frau und allen Beteiligten. Den Pflegealltag beschreibt Mende-Danneberg als „belastend, zermürbend, trotzdem aber insgesamt abenteuerlicher und menschlich bereichernder als sämtliche Allinclusiv-Urlaube zusammen“. Ohne fremde Hilfe geht es nicht. Doch die ist teuer und rar. Wenn 80 Prozent der zu pflegenden Menschen von ihren Angehörigen, meist weiblich, betreut werden, weist das auf einen akuten Pflegenotstand hin. Der Augustin publiziert das Tagebuch des Alltags mit der „fremden Mutter“ in acht Teilen.
Systemische Gewalt im Heim
Ex-Pflege-Ombudsmann Vogt: Großanstalten neigen zur Entgleisung
Am 31. Dezember vergangenen Jahres wurde entsprechend einer politischen Entscheidung in Wien das trotz seines kurzen Bestehens äußerst erfolgreiche Amt des Pflege-Ombudsmanns abgeschafft. Werner Vogt, Inhaber dieses Amtes, war als kompromissloser Kritiker des Systems der Altenpflege zum Störfaktor geworden. Zwei Wochen vor dem Finaltag kündigte Vogt in einem Gespräch mit Augustin-Mitarbeiter Martin Schenk an, dass die Politik ihn nicht hindern werde, weiterhin die Rechte der in das „Entmündigungssystem Altenpflege“ Geratenen im Auge zu behalten. Das Gespräch fand im Geriatriezentrum Wienerwald (besser als Lainz bekannt) statt.
Willkür und Selbstkontrolle
Ein Abend im „Häferl“ zum Thema „Fehlverhalten der Justiz“
Ein Mann klagt nach unfassbaren Fehlhandlungen die Republik. Sein Anwalt erhält die Ladung zur Verhandlung. Der Richter Dr. V., LG f. ZRS Wien, weist den Anwalt an, den Saal zu verlassen. Dann weist er die Klage mit der „Begründung“ ab, der Kläger sei nicht anwaltlich vertreten. Offensichtlich ein Fehlverhalten der Justiz. Die Frage ist nur: Handelt es sich um eine seltene Entgleisung?
Rand und Zentrum, Aug in Aug
Warum, weshalb und wieso Raiffeisen-Konrad den Augustin einlud
Ich schrieb über zwei Aktionärsversammlungen im Augustin. Nach dem Artikel über das Treffen der Aktionäre der Uniqa-Versicherung meldete sich der Pressesprecher der Raiffeisenkassa in der Redaktion. Die Geschichte sei nicht "objektiv" gewesen. In dem Bericht war nebenbei auch von der Kritik eines unzufriedenen Aktionärs an den Geschäften der Versicherung und der Involvierung des Chefs der mächtigen österreichischen Genossenschaftsbank, Generalanwalt Dr. Christian Konrad, die Rede.
Aus der Platanenperspektive
Hände weg vom Lueger-Platz
Ein Tiefgaragenprojekt am Lueger-Platz erregt die Gemüter. Schließlich gibt es schon mehr als zwanzig geförderte Großgaragen in der City, die zumeist nicht ausgelastet sind. Noch dazu befürchten viele, die wunderschöne Platane könnte dabei zu Schaden kommen. Sie selbst fürchtet das auch und gewährte deshalb dem Augustin ein Exklusivinterview ....
Ich will nicht mitheucheln
Dora Schimanko fand endlich Zeit, die Geschichte ihrer Familie niederzuschreiben
Vor mir sitzt eine jugendlich wirkende Frau, deren Blick zwischen offener Neugierde und gesunder Skepsis schwankt. Als Dora Schimanko beginnt, mir ihre Büchersammlung vorzuführen, merke ich bald, dass wir dafür ein paar Tage extra bräuchten. Ihr Wissen aber bezieht die Mittsiebzigerin auch auf die aktuelle Weltsituation, die sie kritisch und wach beobachtet. Wie auch in ihrem neu erschienenen Buch über die Geschichte ihrer Familie und ihrer selbst (siehe Kasten) ist während des Interviews etwas immer präsent: menschliche Wärme und der tiefe Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit.
Jagd im Mandelbaumgarten
Briefe an den Vater
Hallo Vater! Es ist Freitagabend. Nach einem anstrengenden Tag nach der Arbeit gehe ich noch fort. Mit einem Freund treffe ich mich. Es wird sehr spät. Zu Fuß möchte ich nach Hause gehen. In dem Moment kommt der Nachtbus. Es sind viele junge Leute drin. Nach 3 Stationen steige ich aus. Viele steigen aus. In der Dunkelheit durch die raschelnden Herbstblätter, ein bisschen durch Alkohol angeheitert, schlendere ich stadtauswärts. Hinter mir Schritte von Stöckelschuhen. Wie ein galoppierendes Pferd entfernen sich diese Schritte von mir.
Gefängnisse abschaffen?
Leider kein Koalitionsverhandlungsthema
"Ohne Gefängnis - eine Utopie?" fragen die Referenten einer Publikumsdiskussion in der Passage-Galerie des Künstlerhauses, und Robert Sommer vom Augustin moderiert. Das Thema scheint in Zeiten explodierender Häftlingszahlen out zu sein, dennoch füllt sich der Ausstellungssraum. Jedenfalls gehen den VeranstalterInnen des Events die Sitzgelegenheiten aus, und die Diskussion verläuft vom Start weg so angeregt, dass sie selbst kaum zu Wort kommen.
Deine trügerischen Fotos aus Wien
Briefe an den Vater
Hallo Vater! Es ist wieder fast ein Monat vergangen seit meinem letzten Brief. Das Leben ist in Wien gleich geblieben. Was sich geändert hat: Es gibt sehr viele Hochhäuser mit sehr viel Glas, und es gibt U-Bahn-Verlängerungen. Ansonsten ist Wien immer noch für mich eine museale Stadt. Viel Geld wird in die Museen und in alte Theaterstücke und in die Oper hineingepumpt. Auch die amerikanischen Musicals verschlingen ganz schön viel Geld. Aber sonst seitdem du weg bist, hat sich nicht sehr viel geändert. Jetzt ist es bei mir in der Wohnung sehr ruhig. Ich kann nicht einmal zu Hause frühstücken. In meiner Jugendzeit habe ich mit meinen sieben Geschwistern und drei Cousins und einem Onkel mütterlicherseits die Speisen auf dem Boden auf einer Decke in einer großen Schüssel serviert bekommen. Da flogen die Löffel in der Luft. Wer am schnellsten die Fleischstücke aus der Schüssel herausfischen konnte, war der Held. Das Zimmer, in dem sich unser tägliches Leben abspielte, war nicht einmal 25 Quadratmeter. Wir waren mit meiner Mutter dreizehn Personen.