ico_youare10g.gif ZEITUNGDICHTER INNENTEIL
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Fürchtet euch nicht!

Gottfrieds Tagebuch

13.12.
«We got him!», lautet die lapidare Meldung zur Festnahme von Saddam Hussein.

Die Bank, dein freundliches Raubritterkonsortium

Gottfrieds Tagebuch

17. 8.
Einer meiner absolut glaubwürdigen Spione hat mich von der Tatsache in Kenntnis gesetzt, dass ein_e Fahrradsekretär_in gesucht wird. Diese Person soll Radwege und diverse Veranstaltungen zur Bewerbung des Radfahrens planen, sich mit den Herstellern in Verbindung setzen und überhaupt viel zu viel tun.

«Wo ist nur der lustige Gottfried hingekommen?»

Gottfrieds Tagebuch

Tanzveranstaltungen waren mir immer schon ein Gräuel. In dieser Hinsicht bin ich hauptberuflicher Bewegungslegastheniker.

a spiagl fia de mizzi-tant

i kenn ane, de hot imma ois bessa –
scheena und mea, und vuaoin vüü gressa.
egal wos du mochst, si waas wos dazua –
und waunnsd ia wos sogst, gibts aafoch ka ruah.

Piräus – Erinnerung an die «Costa Concordia»

Der Herr Groll

Nach der chaotisch verlaufenen Anreise und der daraus resultierenden Verspätung konnte Groll froh sein, noch ein paar Strahlen der untergehenden Sonne im Fährhafen von Piräus zu erhaschen. Mit seiner Begleiterin trank er ein paar Gläser leichten Weißweins, dazu nahmen sie Zaziki, gefüllte Weinblätter, Oliven und Fladenbrot.

Das Geklimper ihrer alten Hände

Sie klimpert wieder, immer dieses unaufhörliche Klimpern. Mit der rechten Hand, manchmal nimmt sie die linke dazu, klimpert dann mit beiden, synchron in spiegelbildlichen Bewegungen, nimmt die linke wieder zurück und klimpert mit der rechten weiter. Es sind nicht kräftige Bewegungen, so dass bloß ein Tapsen zu hören ist, selbst wenn sie beide Hände braucht. Selten zwischendurch mal wird’s ein Klopfen, kann sich kurz steigern, und wenn die Finger ihre gegengleichen Bewegungen verlieren, kommt ein Rhythmus hinein, könnte sein ein feiner Galopp. Meist aber bloß dieses tapsige Klimpern mit einer Hand, unaufhörlich, unermüdlich.

heit geh i mit mia ins kino.

und wia kumman goa net z’spät,
weu i mit mia rechzeidig von daham weggeh.

de koatn kriag ma a gaunz gschwind,
weu i sofuat waß, wo i sitzn wü.

Eine andere Volkswagen-Story

Herr Groll auf Reisen – 178. Folge

Reifnitz am Wörthersee ist das Zentrum des alljährlichen Golf-GTI-Treffens, weit über Hunderttausend begeisterte Automobilisten aus ganz Europa kommen dort in der warmen Jahreszeit für drei Tage zu einem wilden Stelldichein zusammen. Die Einnahmen der Tourismusbetriebe aus dem Massensaufen sind aus den örtlichen Budgets nicht mehr wegzudenken.

Vom Vorzeigeunternehmen in die moderne Sklaverei!

Die österreichische Post

Es ist lange her, als die österreichische Post ein Prestige-Unternehmen war. Damals als Mitarbeiter_innen noch auf unbestechliche Betriebsrät_innen zählen konnten. Die Gewerkschaft stand auf der Seite der Angestellten. Heute ist weder Betriebsrat noch Gewerkschaft in der Lage, Partei zu ergreifen. Entweder hat man ihnen das Wort verboten, oder man hat sie «eingekauft».

Wir sind uns selbst fremd

Mehmet Emirs Brief an die Mama

Hallo Mama!
Ich weiß, Dir geht es nicht besonders gut. Wie geht es Vater? Solltest Du nach meinem Befinden fragen – Allah sei Dank – ich kann nicht wirklich klagen, aber arbeiten muss ich viel! Und verliebt habe ich mich auch schon lange nicht mehr. Heutzutage ist es schwer, sich in meinem Alter zu verlieben.

Nicht von gestern

Das Tulpenfieber

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So neu sind platzende Finanzblasen und Wirtschaftskrisen gar nicht, wo Makler als bloße Vermittler sich schlagartig bereichern, während die eigentlichen Erzeuger und Käufer in die rohe Zwiebel beißen. 


Roma – überall und nirgendwo in Wien

Diese Schuhe, darin die Füße … seine Schritte sind ausbalanciert: sie sind zwei wassersicheren Schiffen auf dem wilden Ozean des Lebens ähnlich. Schaue dir seine kleine Schwester an. Sie ist hübsch, wenn Marin den Arm um ihre Schultern legt. Für Marin gleicht es der Pause zwischen Ein- und Ausatmen. Das alles hat sich schon in seinem jungen siebenjährigen Leben ganz natürlich eingebaut. Schon mit vier Jahren hatte er Musikern aus seinem Dorf die Mundharmonika weggenommen. Ausgeborgt ohne Pardon.


Blaugrau

Ich, Hubert Mehlmann, geboren 1961 in Wien, schreibe, male und mache gerne Sport. Ich habe ein fast abgeschlossenes Betriebswirtschaftsstudium und arbeitete als Journalist. Ich habe mich in den letzten Jahren immer mehr für soziale Projekte eingesetzt – ich bin nicht nur der Meinungs-, sondern auch der Gedankenfreiheit verpflichtet.


DICHTER INNENTEIL - Andi Kleinhansl - 22.09.2011 mehr lesen »

Roma – Stephansplatz

Sobald ich gehe, denken die Leute, dass ich das immer tue. Das war schon immer so. Das Leben will es aber anders … ich kenne einen echten Sandler, und wenn man ihn fragt, wie es ihm geht, antwortet er manchmal: «Es muss gehen, sonst gehe ich …»
Karpaten, Kaukasus, Litauen, Moldawien, Ungarn … Urgestein, nennt man mich. Oder: Halbgott, das geschah aber auf dem Dachboden einer Studentin, im deutschsprachigen Raum.
DICHTER INNENTEIL - Ruud van Weerdenburg - 22.09.2011 mehr lesen »

Leben am Friedhof. Oder Geister mit Aussicht

Am Küchentisch

Sie glauben doch nicht an Geister? Nicht nur das Zimmer von Traude Veran hat Aussicht auf die Gräber unten im Innenhof, auch umgekehrt, die Toten haben eines nach oben! Glauben Sie uns, Traude und ich, wir sprechen über Geister, jüdische Geister aus dem 16. Jahrhundert, die aufsteigen und zu uns sprechen, durch den morschen Friedhofsgarten umrandet vom Senior_innenheim in der Rossau, die Ahnengebeine tief verteilt, sehr tief vergraben, unter kunstvoll gemeißelten 400 Jahre alten Steinen.

In der Zentrifuge

Paris und die Banlieues, aufgelodert 2005 in sozialer Wut aus einer Machtlosigkeit heraus, schienen so lange her…

Außerdem waren die damaligen Barrikaden und ausgebrannten Geschäfte und Autos, quer übers ganze Land verteilt, nur eine Vorhut der kommenden Kämpfe ohne Programm und Chancengleichheit. Dann kam 2007 – wenig überraschend, aus Amerika – die Wirtschaftskrise und die flächendeckende Plünderung der Staatskassen zur Rettung maroder Unternehmen.

Man müsste dich wo hineinschreiben

Am Küchentisch (7. Teil)

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Als ich mich zum Küchentisch setzen wollte, bemerkte ich, meine Notizen in Wien liegen gelassen zu haben, während ich mich auf den Weg machte in meine Waldviertler Schreibstube, und ich dachte nach, was die Essenz des Gesprächs mit Gemma Salem vor zwei Wochen gewesen war. Ich stand wieder kurz davor, die Geschichte einer Frau zu schreiben, die über sich hinausgewachsen war und die uneigenartig unwillig ist, klein beizugeben, sich unterkriegen zu lasen. (Die meisten Autorinnen werden zu häufig unbeachtet links liegen gelassen, zu häufig erniedrigt, zu häufig in der Luft zerrissen. Das fällt doch auf! Da fliegen akademische Verbalinjurien den Demütigen um die Ohren, sodass einer die Tragik des sportivsten Wettlesen Österreichs nie nie vergehen wird.)


Kochen macht einsam – so manche Arbeit auch

Feminismus reloaded – Ein Frauenschicksal

Ich wohne in der Vorstadt. Um mir ein Essen zuzubereiten, muss ich folgende Schritte erledigen:
1) Einkaufen, benötigt mindestens eine Stunde inkl. Heimtransport
2) Kochen, mindestens eine halbe Stunde.
3) Abwaschen und Aufräumen auch mindestens eine halbe Stunde.
... also zwei Stunden, ohne noch gegessen zu haben und zwar alleine am Stadtrand. Und das um die beste Zeit des Tages.

Es lebe die Revolution!

Ihr da oben, wer und was immer ihr seid und wer immer noch stolz darauf ist, dort dabei zu sein, schnallt euch an! Jawohl, lasst uns die Bastille stürmen! Reißt die Mauern nieder! Zerlegen wir die festgefahrenen Systeme! Legen wir die Finanz, die nur für einige wenige wirklich gut funktioniert, in Schutt und Asche! Unter die Guillotine mit der Ungerechtigkeit! Allons! Allez! Vive la Revolution!
Und das Ganze werden wir ein wenig subtiler angehen als bisher gewohnt. Ihr werdet es nicht merken, bis ihr es bemerken werdet. Kürzlich kam die Sprache bei Kaffee und Kuchen auf vermeintlich lapidare Dinge wie schief hängende Bilder oder schief montierte Lichtschalter. Das ist manchen egal, die meisten aber reagieren darauf. Einige reden sich schiefe Dinge gerade, so wie ungerechte Dinge korrekt gequatscht werden, weil es halt angeblich nicht anders geht. Viele begradigen die Dinge aber, so sie dazu in der Lage sind. Manche leben mit schiefen Dingen, aber nicht gut.
DICHTER INNENTEIL - Walter Schaidinger - 15.06.2011 mehr lesen »

Mein erster und letzter Bloomsday?

Marketing bleckt die Zähne und Jungfrauen opfern sich freiwillig

Ich stehe da mit meinem Brot, mit einem Gorgonzolabrot und das Glas Burgunder im Blick und die andere Hand im Hosensack. Was tut sie dort? Nein, ich bin nicht Bloom und sitze nicht am Strand. Ja, ich habe etwas Besonderes in der Hand. Was, sie wissen es natürlich: eine Zitronenseife von Sweny.


Wir sind wieder in aller Munde

Lehrerdienstrecht – wider Vorurteile und unangebrachte Emotionalität

Endlich wird es ein neues Dienstrecht geben, das die Ungerechtigkeit behebt, die einer einzelnen Berufsgruppe soviel Privilegien gewährt … So tönt es aus allen Ecken und vielen Medien
DICHTER INNENTEIL - Irmgard Bauer - 18.05.2011 mehr lesen »

Schlussplädoyer eines Tierschützers

article_1726_dicht-plaedoyer©chrismos_160.jpg Chris Moser, Künstler und Angeklagter im so genannten Mafiaprozess, § 278a, gegen 13 Tierrechts- und Tierbefreiungsaktivist_Innen, hielt am 1. April 2011 im Schwurgerichtssaal Wiener Neustadt ein Schlussplädoyer, das mit Beifall des Publikums aufgenommen wurde. Das Urteil war bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt – der Angklagte ist von seinem Freispruch überzeugt.
DICHTER INNENTEIL - Chris Moser - 05.05.2011 mehr lesen »

Es leckt im Sprach-Rohr

Aus dem Haus ragt ein Sprach-Rohr.

Aber selbst,
wenn man sein Hör-Ohr ganz nahe dran hält,
versteht man nicht,
was herausdringt.

Sieht man mit dem Seh-Auge genauer hin,
erkennt man in der Dunkelheit des Rohres
einzelne Worte,
die sich verschwommen im Ohr widerspiegeln.

Kommt die Riech-Nase zum Einsatz,
wendet sie sich dankend ab
dort drinnen
ist alles ganz fürchterlich abgestanden.

DICHTER INNENTEIL - Meike Kolck-Thudt - 05.05.2011 mehr lesen »

Kaiserinnenschmarren mit Petra Unger

Am Küchentisch (4. Teil)

article_1713_dicht-küchentischnr.4_160.jpg Es sprießt und riecht und erwacht zu neuem Leben, ich spaziere von der Pilgrambrücke Richtung Café Rüdigerhof, denke an das kommende Gespräch über die Politik, die Gleichstellung, die Demokratie, und da erscheint sie mir wieder, so en passant, um die Ecke, die Wut, und sie ist gut, dass die Wut weiblich ist, denn wie würde die klingen, der Wut, nein, die sind wir, wir Frauen sind wütend, und wir haben allen Grund dazu. Wir halten die Perspektive aufrecht, dass die ewig gleiche misogyne Stimmung sich ändert. Ob wir allerdings eine wirklich humanitäre Wende in einem einzigen kurzen Leben erleben, bezweifle ich. Als ich jung war, dachte ich, sie geht Schlag auf Schlag, die Revolution, die Demonstration, auf die Straßen gehen. Aber Schritte bewegen sich eben auch zurück, retour in Zwänge und in herrschaftliche Unterdrückung, in Kontrolle über unsere Weiblichkeit und unsere Körper, über Intimas, wie die Sexualität, die Liebe, die Nähe, die Ehe, die Kinder, die Erziehung, die Arbeit, die Krankheit, die Unmündigkeit, die Drecksarbeit, die Karenz, die Chancenlosigkeit, die Zwangsarbeit, und über all die Beschnittenen, die Zugenähten, die Vergewaltigten, die Missbrauchten, die Jungen wie die Alten, die Frauen.

Knackwurst I

Knackwurst I

Knackwurst ist immer gut.
Bananen nur in den
seltensten Fällen.


Knackwurst II

Knackwurst kann Leben retten;
die Bibel nicht.

Ende eines Wehrsprechers

Herr Groll auf Reisen – 163. Folge

article_1706_dicht-wr.ausfahrten©mari_160.jpg Der Dozent eilte auf die Straßenüberführung zum Linzer Hauptbahnhof zu. Während er auf das Grün-Signal wartete, hatte er eine Vision. Sein Freund Groll stand vor einem Würstelstand und tat sich an einer Wurst gütlich. Dazu trank er Bier aus einem Plastikbecher. Er sei wohl überarbeitet, dachte der Dozent und rieb sich die Augen. Groll war immer noch da. Auch er hatte den Dozenten jetzt gesehen. Er hob eine Bierflasche zum Gruß. Mit wenigen Schritten war der Dozent bei seinem Freund.
«Was machen Sie in Linz, Freund Groll?» Er streckte Groll die Hand hin, der aber konnte nur mit der Schulter zucken, da er in einer Hand den Becher mit dem Bier und in der anderen ein Stück Wurst hielt.

Tierisch unmenschlich

Gehörten Kriegsausbrüche einstmals noch zur zeitlichen Ausnahme, sind sie durch die Weltumspannung des Marktes zum Dauerzustand geworden, sozusagen zu einem Anzeichen des modernen Zeitalters.

Ein Beispiel von Zivilcourage?

Da sitz ich, oder, besser gesagt, da steig ich neulich in die Straßenbahn, den Fünfer. Mich friert, ich zwäng mich rasch an zwei Leuten vorbei und steuere schnell einen Platz an, weiter vorn im Waggon. Erst als ich eine Minute sitze, bemerke ich, aus meiner Pelzkappe hervorlugend, warum ich mich nicht gleich beim Einstieg hingesetzt habe: Die Zwei beim Einstieg sind die ganze Zeit in einen heftigen Disput verwickelt. Einen sehr ungemütlichen, bedrohlichen. Eigentlich redet nur der Mann mit dem roten Gesicht und dem Schnauzbart. Reden ist der falsche Ausdruck. Er schreit jetzt. Ich hör es laut durch die Ohrenklappen meiner Kappe.
DICHTER INNENTEIL - Wolfgang Glechner - 10.03.2011 mehr lesen »

Erinnerung an Peter Kreisky

Herr Groll auf Reisen–160.Folge

article_1669_wr.ausfahrten_160_160.jpg Sie standen auf einer Aussichtsplattform in Drobolach und schauten über den Faaker See. Steil ragte der Mittagskogel hinter dem Südufer empor. Groll erzählte dem Dozenten von einem Nachmittag im April des Jahres 2001.
«Ich war mit Freunden in der ‹Casa Barbara›, einer Pizzeria in Rosegg. Eva Brenner hatte eingeladen; Lore Heuermann, die Malerin, war da, ein Fürst Liechtenstein, einige Schauspieler und Ärzte – und Peter Kreisky. Es war im Mai 2001, und es war die große Zeit Jörg Haiders. Der Landesfürst regierte unumschränkt, er war mit seiner FPÖ zur zweitstärksten Kraft geworden und hatte Wolfgang Schüssel zum Kanzler gemacht. Er, der sich stets beklagte, ausgegrenzt zu werden, zog die Fäden.»
Der Dozent lächelte wissend.

Die Narren und die Pfarrer(sfrauen)

Die Ankündigung einer Faschingssitzung der «Obersdorfer Faschingsgilde», die am 27. Jänner im Volksheim der niederösterreichischen Kleinstadt Herzogenburg über die Bühne ging, hatte mein laienethnologisches Interesse erweckt. Faschingsumzüge waren mir, dem aus der Provinz Zugewanderten, vertraut, aber den Fasching in Form von Gilden-Sitzungen assoziierte ich mit dem deutschen Karneval.

Das Neue Wörterbuch des Teufels – die letzte Folge

YZ

Yellow Press
Institutionalisierte Dummheit und beliebteste Ausrede der zahlreichen Dummköpfe in den sogenannten Qualitätsmedien.

träumer-gastarbeiter

Gedichte

träumer-gastarbeiter

schau her ich schreibe ein gedicht
über mich und dich und uns und euch
und hin und her bla bla bla das ist mein
kleines poetisches melodramatisches
mein unvermeindliches gedankenspiel
nur damit wir näher zusammen kommen
bin ich jetzt genug assimiliert
bin ich kultiviert zivilisiert
bin ich dir ähnlich und nah
bin ich dir wert und gleichgestellt
und du sagst mir klare einfache worte
träume nur weiter du gastarbeiter
und jetzt husch husch ins bett

DICHTER INNENTEIL - Marinko Stevanović - 09.02.2011 mehr lesen »

Am Küchentisch (1. Teil)

Mein Weg zu Maria!

article_1650_kuechentisch_160.jpg

Über Neujahr verkrieche ich mich ins Waldviertel, in mein winziges Hexenhaus. Baba Jagas Hütte. Ich reite hin auf dem Stößel im Mörser und brauche Archaisches und Elementares. Schnee, Feuer im Ofen, gutes Essen, wärmende Haut. Mehr nicht. Das macht mich glücklich. Wintersonnenwende, Bratäpfel, Rodeln, kalte Finger und gefrorene Füße tauen vor dem heißen Ofen. Ja es ist Zeit, ich mache mich auf den nachbarschaftlichen Weg. Wieder Maria sehen, denke ich. Nachbarn aufsuchen. Mit Menschen reden, zuhören.


Die Arbeitsverweigerer

Vor dem Wiener Burgtheater. Es ist noch zeitig am Vormittag, zwei arbeitslose Schauspieler schwingen ihre Besen und kehren die Straße. Nach einer Weile unterbrechen sie ihre Tätigkeit, ohne jedoch ihre Besen aus der Hand zu legen, und beginnen ein Gespräch.
DICHTER INNENTEIL - Roman Müller-Balac - 27.01.2011 mehr lesen »

Reisen

Gedicht

Über Weiz
in die Schweiz,
mit einem Anorak
in die Camargue,
auf Knackwurst in Essig und Öl
nach Gföhl,
mit einem Bleistift
nach Neustift am Wald.


Echte Muslime sind so

«Er packt das Auto fertig, und erst als er als Letztes das Navigationsgerät einstellen will – der Schock: Wo ist der Rucksack?»

Schwer bepackt verlassen sie das Wiener AKH. Bücher, Folder, Roll-up, Taschen, Rucksack – sie kommen vom Kongress für Body Psychotherapy und haben dort einen Informationsstand betreut. Beim Auto angelangt wird eingeladen. Was kommt wohin und wie soll alles geschlichtet werden. Irgendwann ist – so glauben sie – alles verstaut. Er ist bereit, die lange Rückfahrt in den Norden Deutschlands anzutreten. Davor fahren sie noch zu ihr nach Hause, bereiten ihm eine Wegzehrung und trinken einen Abschiedskaffee – so glauben sie.
DICHTER INNENTEIL - Regina Trotz - 17.12.2010 mehr lesen »

SCS – das erste Mal

«Welche bedeutende öffentliche Einrichtung Ostösterreichs verfügt über eine eigene Autobahnabfahrt?
A) der Stephansdom
B) das Praterstadion
C) das Parlament oder
D) die SCS?»

von echten frauen und männern

(fast ein gedächtnisprotokoll)

personen: sie, sie2, er, er2
und ein abwesender
– der eigentlich anwesend war

er: oiso geh, i maan …
sie: wos is?
er: ah; nix …

pause
DICHTER INNENTEIL - Pesata Andrea - 22.11.2010 mehr lesen »

Was bitte heißt eigentlich Integration?

Mit politischem Getöse sowie etwas Schaum vor dem Mund wird derzeit allenthalben die Integrationskeule gegen die hierzulande lebenden Ausländer geschwungen. Aus allen Partei- und Fernsehprogrammen und lustvoll sekundiert von den Stammtischen dröhnt die scheinbar unmissverständliche Aufforderung, dieser Personenkreis möge sich gefälligst besser integrieren und anpassen. Worin diese Anpassungsleistung denn nun konkret bestehen soll, wird aber so gut wie nie dazugesagt, höchstens mal auf die Wichtigkeit von Deutschkenntnissen hingewiesen.

Sind wir denn nicht Kinder unserer Zeit?

Ein neues Studienjahr hat soeben begonnen. Der Audimaxismus feiert seinen ersten Geburtstag und die Diskussion über die «verschulten» Universitäten kann weitergehen – an dieser Stelle mit der Facette zielorientiertes Handeln versus Engagement.
DICHTER INNENTEIL - Magdalena Schrefel - 20.10.2010 mehr lesen »

Flamenco auf einer kurdischen Hochzeit

Das nackte Leben spezial:

article_1578_türkhochzeit_160.jpg Mehmet Emir ist Sozialarbeiter beim Augustin. Daneben beschäftigt er sich intensiv mit der Kunst des Fotografierens. Von seinen Heimatbesuchen im kurdischen Teil der Türkei kehrt er immer mit Fotoserien zurück – darunter auch Dokumentationen von Hochzeitsfesten.

Zusammenreissen

Ich bin verspannt. Rechts in meinem Nacken zieht es ganz fürchterlich, wenn ich meinen Kopf drehe. Ich habe meinen Schal vergessen, und das feuchtkalte Wetter und der Wind, der eisig durch die U-Bahn-Stationen pfeift, tragen nicht gerade zur Besserung meines Zustands bei. Ich steige in den überfüllten Wagon, in dem sich das wintertypisch unangenehme Mikroklima aus kalter Luft und dem Dampf, der aus aufgezippten und aufgeknöpften Winterjacken ausströmt, gebildet hat. Neben mir eine ziemlich überspannte Lady, zu stark geschminkt und zu leicht bekleidet, die mit schriller Stimme in ihr Mobiltelefon kreischt.
DICHTER INNENTEIL - Hester Lukits - 23.09.2010 mehr lesen »

Theiss-Auen

Am Rand vom Städtchen, da fließt die Theiß. Dort ein schneller Fluss! Niemand weiß das besser als jemand, der versucht hat, gegen den Strom zu schwimmen.
DICHTER INNENTEIL - Magdalena Heinrich - 08.09.2010 mehr lesen »

schein + wiaklichkeit

turnsäle haben immer etwas maskulines –
das muss wohl am geruch liegen.
vielleicht lag die unruhe einiger mütter
fussballtrainierender knaben daran;
ganz sicher lag sie jedenfalls auch am trainer.
die ersten, wenigen kinder liefen bereits in der halle,
als eine mutter verstärkt mit den wimpern
zu klimpern begann.

Die Fahrt mit dem Railjet

Wiener Ausfahrten Nr. 148

article_1554_wr.ausfahrten_280_160.jpg Der Dozent traf Groll bei der Schnellbahnbrücke über die Brünner Straße. Groll hielt mit einem Fernstecher Ausschau nach einem Zug. Er sei auf der Suche nach der lichten Zukunft, den Doppelstockgarnituren mit Panoramafenstern, sagte Groll, die Frage seines Freundes vorwegnehmend.
Der Dozent war erstaunt. «Seit wann interessieren Sie sich für die Bahn? Ich dachte, Ihr Herz schlägt nur für die Schifffahrt?»

Gedichte von Andreas Kleinhansl

Auf einen Berg gehen

Steil geht es nach oben,
wir müssen unsere Muskeln
anstrengen, atmen, gehen.
Aber es kann auch schön sein.
Als Belohnung gibt es die Aussicht,
Sonnenschein oder eine gute Jause.
Wann bist Du zuletzt
auf einen Berg gegangen?



Wenn ich Sie ansehe ...

Gott in Weiß

Therapeutische Hilfe erbeten, aber als Demonstrationsobjekt im Hörsaal der Universitätsklinik gelandet. Über den Umgang mit einer «Nervenkranken».

Massenauflauf

Hitze:
Flirrender Asphalt, und wenn sich irgendwo ein Stückchen Schatten findet, dann ist es auch nicht mehr. Nur Schatten und nur ein Stückchen. Ich beeile mich, eines zu erreichen, versuche meine Füße, die heiß gelaufen sind, darin zu kühlen. Kaum ist man angekommen, ist der Schatten auch schon wieder vorbei und man steht abermals auf der heißen Straße. Mutterseelenallein. Eine Geisterstadt. Nur die heiße Luft traut sich noch, sich zu bewegen.
DICHTER INNENTEIL - Roman K. - 16.06.2010 mehr lesen »

Mathematischer Alptraum zur Mohnblüte

Maturazeit. Der Mohn und der Holler blühen einmal im Jahr, dann wenn tausende SchülerInnen für die Matura lernen und schwitzen. Die Alpträume haben jedoch immer Saison, das ganze Jahr hindurch. Alptraum Matura: Ein kollektives Trauma? Es braucht keinen Krieg und keine untergriffigen Pfarrer, es braucht keine Verletzungen und Verwundungen, um Alpträume auszulösen. Unsichtbar sind die Spuren, die in unserer Festplatte Erinnerung eingebrannt sind. Betroffen sind die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten Biografien, betroffen sind jene, die die Matura geschafft haben. Sie haben an sich keinen Grund für schlechte Träume und doch stellen sie sich regelmäßig ein.

Getrennte kaiserliche Schlafzimmer

Aus der KULTURPASSage

Ich freute mich sehr, als meine Tochter aus Tirol anrief und mir sagte, dass sie zu Ostern auf Besuch zu mir nach Wien komme. Da wir beide noch nie im Schloss Schönbrunn gewesen sind, gingen wir am Ostersonntag hin. Sie wollte mich einladen, aber ich hatte ja einen Kulturpass und konnte somit gratis hinein.
Im Schloss interessierten uns besonders die Zimmer von Kaiserin Elisabeth (genannt Sisi) und Kaiser Franz Josef. Besonders erstaunt waren wir, dass es in jedem Raum, den wir betraten, einen offenen Kamin gab. Die Kaiserin hatte nicht nur ein wunderschönes Bad, sondern auch einen „Fitnessraum“, den sie täglich benutzte. Ich hatte zwar schon gehört, dass sie sehr sportlich gewesen sein soll, aber mit so etwas habe ich nicht gerechnet.
DICHTER INNENTEIL - Annemarie Stöger - 21.04.2010 mehr lesen »

Sucht

Abhängigkeiten sind nichts Schlechtes. Mein Leben hängt davon ab, dass ich regelmäßig ein- und ausatme. Wenn ich leben will, muss ich weiteratmen. Das eine hängt vom anderen ab. Wenn ich eine Zigarette rauche, ist das nicht anders. Mein Leben und diese Zigarette hängen voneinander ab. Eine Zigarette sind fünf Minuten meines Lebens. Sie ist ein Stück der verrinnenden Zeit in meiner Hand, und sie macht mir das Ein- und Ausatmen erst so richtig bewusst. Die Zigarette hilft mir, die innere Ruhe wiederzufinden. Darauf will ich nicht verzichten, nicht heute und nicht morgen.
DICHTER INNENTEIL - Olaf Lingenhöle - 08.04.2010 mehr lesen »

Das neue Wörterbuch des Teufels

E

Ehe

Die einzige gesellschaftlich akzeptierte Form der Asexualität.

Ehre

Die Würde witzloser Troglodyten und deren beliebtester Vorwand für Mord- und Totschlag, von den witz- und würdelosen Troglodyten unserer Tage vor allem wegen ihrer wenigen edlen Aspekte verspottet.

Eifersucht

Die panische Angst, dort draußen in der weiten Welt könnte jemand existieren, der noch unwiderstehlicher ist als man selbst und dass der eigene Partner gerade dieser Unperson über den Weg läuft. Die Eifersucht – ob begründet oder nicht – ist stets das Eingeständnis der eigenen Austauschbarkeit.

Sie betteln und sie stehlen…

In Favoriten begegnen sich bei einem Sammelcontainer für Altkleider rumänische Jungs und eine Passantin. Es kommt zu einer nicht geplanten Übergabe.

Dušica ist ganz leise geworden

Nachruf für Dajcar Dusica

Vor mehr als 30 Jahren hat Österreich dringend 250 ausgebildete Diplomkrankenschwestern aus dem damaligen Jugoslawien angefordert. Dušica und ihre Freundin waren dabei – sie schlugen hier ihre Zelte auf.
Nach großem persönlichem Unglück verfiel sie in schwere Depressionen, infolge derer sie für den Rest ihres Lebens ständiger Behandlung und Betreuung bedurfte, bis sie schließlich ihr Leben berufsunfähig an der Armutsgrenze dahinfristete.

Dušica wird ohne jegliche Zeremonie in Wien eingeäschert und ihre Urne in den Kosovo überstellt. Ein Abschiednehmen ist daher nicht möglich, nur ein kurzer Nachruf:

Die Ausmusterung

article_1449_AusmusterungUboot_160.jpg Ein U-Boot samt Besatzung reichte der aus St. Johann in Pongau stammende und in Bayern lebende Künstler Stefan Rohrmoser im Jahr 2009 für den Förderpreis des Landes Salzburg ein. Die TeilnehmerInnen des geladenen Wettbewerbs mussten ihre Arbeiten ausgehend von der Fabel "Die Grille und die Ameise” (siehe unten links) des französischen Schriftstellers Jean de La Fontaine (1621–95) gestalten.
Im Konzept des Bildhauers stellt ein U-Boot den perfekten Schauplatz für das Aufeinandertreffen von Kreativität und Vernunft in einem politschen Rahmen dar (siehe unten rechts). Rohrmoser schnitzte über fünfzig Figuren, die die potenzielle Crew darstellen, doch nur knapp vierzig wurden schlussendlich auch “angeheuert”. Der Rest fiel der “Ausmusterung” (zugleich der Titel des Kunstwerks) zum Opfer – einer Ausmusterung zugunsten des kreativen Auftretens: “Mit diesen Individualisten wäre aber kein Krieg zu gewinnen”, so der Bildhauer.
DICHTER INNENTEIL - Stefan Rohrmoser - 24.02.2010 mehr lesen »

Krisensuppe und Inseratenstrecke oder Wie alles zusammenhängt

Wiener Ausfahrten Nr.136

Im Jänner 2010 war es so klirrend kalt, dass Groll seine Abneigung gegen Kaffeehäuser vergaß und den Dozenten im Café Central in der Herrengasse traf. Einem Kaffeehaus, das nur über Stufen erreichbar war, muss man in allen zivilisatorischen Fragen misstrauen, dachte Groll. Er hatte sowohl eine Dose Löscafé als auch eine Stulle mit Weinviertler Speck bei sich, und in einer Thermoskanne hielt er Wasser für den Kaffee bereit.
Der Dozent half Groll über die vielen Stufen ins Innere des Lokals. Rasch hatten die beiden einen freien Tisch gefunden. Groll goss heißes Wasser in eine mitgebrachte Tasse und rührte Kaffeepulver auf. Währenddessen legte der Dozent drei Zeitungsartikel auf den Tisch. Er müsse darüber mit Groll sprechen, es gehe um bedeutende republikanische Fragen.

Der Palast, der nicht Palast bleiben durfte

Heute kann Udo Lindenberg hier nur mehr auf die Wiese pinkeln

article_1429_Palast3_Aug2006_160.jpg «So deutsch ist das höchste Haus der Welt», titelt Anfang Jänner der „Spiegel“. Das Haus, das fast einen Kilometer hoch ist. Der Burj Chalifa in Dubai. Was hat das mit Mario Langs Fotochronik vom Abriss des Palastes der Republik im ehemaligen Ostberlin zu tun. Man ahnt es. Die Stahlträger des Palastes, in dem die DDR-Volkskammer tagte und in dem sich das Volk (Ausnahme: die Punks der DDR) vergnügte, z. B. beim legendären Udo-Lindenberg-Konzert 1983, wurden nach dessen Abriss 2006 eingeschmolzen. Eine türkische Firma verkaufte die Tonnen nach Dubai. Da freut sich der deutsche Patriot und sein Kleinformat, der „Spiegel“: Mit deutschem Stahl kann man leicht Rekordwolkenkratzer bauen, so könnte die Botschaft lauten, und in modifizierter Form, formuliert für DDR-NostalgikerInnen, lautet sie so: Die DDR lebt; nie war ihr Stahl dem Himmel näher.

Der Teufel als Verfasser des Wörterbuchs?

article_1428_biercepierce_160.jpg In der nächsten Augustin-Ausgabe wird Richard Schuberths Aphorismenserie „Das Neue Wörterbuch des Teufels“ starten. Diesmal beschäftigt sich der Autor aber noch mit dem bärbeißigen Schriftsteller und Journalisten Ambrose Bierce (1842–1914), dem Verfasser des alten satanischen Lexikons, seiner angeblichen Boshaftigkeit und den Parallelen zu Karl Kraus.

Ambrose Bierce und das Wörterbuch des Teufels

Richard Schuberth, Autor der Karl-Kraus-Serie, startet wieder durch

article_1418_ambrosebierce_160.jpg Da er den geistreicheren Witz besaß, blieb Ambrose Bierce an Popularität stets hinter seinem Kollegen Mark Twain zurück. Mit seinem „Wörterbuch des Teufels“ schrieb er sich in die Liste der großen Aphoristiker der Literaturgeschichte ein. Doch auch als Vater der modernen Short-Story und Meister der unheimlichen Literatur lädt er zur Wiederentdeckung ein.

Von den zerstörerischen Selbstheilungskräften des Marktes

Wirtschaftskrise? Hauptsache, die Geschäfte laufen (2)

article_1405_krise2_160.jpg Für unsere Serie zur Weltwirtschaftskrise haben wir uns zuletzt mit einem Banker in einem Beisl zu einem Interview getroffen. Nachdem er plötzlich weg war, sind wir mit Arbeitern am Nebentisch ins Gespräch gekommen. Uns hat der von ihnen erwähnte „französische Brauch“ interessiert, der den Abgang unseres Gesprächspartners offensichtlich beschleunigt hatte. Hier ihre Erklärung:

Von Goldeseln und Zombies

Wirtschaftskrise? Hauptsache, die Geschäfte laufen (1)

Zu Beginn unserer Serie zur Weltwirtschaftskrise stellen wir die Frage, ob diese Krise bald vorüber sein wird, einem Experten. Bei unserem Zusammentreffen im Vorstadtbeisl überrascht uns der Fachmann mehrfach. Weder kommt er – wie wir uns klischeehaft vorgestellt haben – im Nadelstreif, noch überfordert er uns mit statistischem Material. Wir erhalten verständliche Antworten:

Baumrindenritzen

article_1386_bäumegrenzsoldaten_160.jpg Nein, es ist kein Motorrad, das knatternd den Hügel vor seinem Haus hinaufdonnert, und er träumt auch nicht von einem schrillen Zahnarztbohrer in seinem Mund, in seinen Schlaf dringen die Geräusche einer Motorsäge, die in den Wald heult, Anlauf nimmt, ihre Drehzahlen hören lässt, rasselt, rattert, bereit ist, den Todesstoß zu versetzen, und jetzt ist es so weit.


DICHTER INNENTEIL - Gabriele Vasak - 04.12.2009 mehr lesen »

Arcade

Die Idee ist zeitgemäß - das System ist ganz einfach:

article_1385_somafreistadt_160.jpg Unter dem Motto „Wir schaffen ein nachhaltiges Lebensmittel- und Agrarsystem“ fand in Freistadt, Oberösterreich, von 20. bis 22. 11. 2009 ein Kongress des "Agrarbündnis Österreich" mit etwa 80 TeilnehmerInnen statt. Die Themenvielfalt war beachtlich bis unpackbar, deshalb eine Rückschau auf ein kleines, aber wichtiges Erlebnis am Rande der Konferenz.
DICHTER INNENTEIL - Michael Schütte - 04.12.2009 mehr lesen »

Der Swarovski-Song

Wie ein Liedchen laufen lernte:

Dass Kinder dazu neigen, ein dynamisches Eigenleben zu entwickeln, weiß ich natürlich, schließlich bin ich dreifache Mutter. Dass das mit Songs auch so sein kann, war mir bis vor kurzem neu. Vor allem, weil die Liedermacher, heute Songwriter, eigentlich abgeschrieben sind.

Kaufsucht

Und die Überzeugung, nicht die Einzige zu sein, ist auch kein Trost

Bei meinen Recherchen zu dem Thema Kaufsucht lernte ich Frau Susanne R. kennen. Eine Frau Anfang vierzig, die in gut situierten Verhältnissen aufwuchs, bis vor drei Jahren beruflich äußerst erfolgreich war und ein respektables Gehalt bezog. Heute lebt Frau R. am Existenzminimum. Nach exzessiver Kaufsucht und zwei Selbstmordversuchen lebt Frau R. heute in einer Sozialwohnung am Rande der Gesellschaft mit all den Vorurteilen über Sozialhilfeempfangende.

See in Sicht

In Ostdeutschland wird aus Kohleabbaugebiet ein Freizeitparadies

Niederlausitz.jpgIn der ostdeutschen Niederlausitz befindet sich derzeit „Europas größte Landschaftsbaustelle“: Wo einst malocht (übersetzt: gehackelt), die Kohle aus der Erde geholt wurde, sollen sich die Leute schon bald erholen können. Einst das Energiezentrum der DDR, wird hier der Welt größte künstliche Seenlandschaft entstehen.
Eine Schiffsanlegestelle und eine Uferpromenade gibt es schon. Auch ein „Seehotel“. Allein der See fehlt noch. Aber der ist bereits in Sicht und kommt jedes Jahr ein Stück näher. Im Jahr 2015 soll er endgültig angekommen sein. Und Großräschen wird sich dann mit Recht See-Stadt nennen können. Jenes Großräschen in Ostdeutschland, das immer eine Bergbaustadt war.


Ein Jahr Rentner

6. 7.
Es ist geschafft. Mein letzter Arbeitstag. Ich bin endlich Rentner. Jetzt geht mein Leben richtig los. Ich will einfach das machen, woran mich diese verdammte Arbeit immer gehindert hat. Möchte weiter kreativ sein und Bienen züchten.
7. 7.
Ich stehe früh auf, und weiß gar nicht, was ich zuerst tun soll. Der Rasen muss gemäht werden, ich will das Dach reparieren, ich muss die Wasserhähne entkalken, ich will ein Vogelhäuschen bauen und endlich mal „Krieg und Frieden“ lesen. Treffe vor dem Haus meinen Freund Jupp. Er ist auch Rentner. Er läuft unrasiert im Jogginganzug rum und sieht aus wie Jörg Kachelmann nach 30 Tequilas. Er schaut den ganzen Tag Nachmittagstalkshows oder löst Kreuzworträtsel. Das wäre nichts für mich. Ich löse nur das in der „Hör Zu“.
12. 7.
Ich mähe erst mal den Rasen, repariere das Dach und fange mit einem Vogelhäuschen an.
Das Leben ist wunderbar.

DICHTER INNENTEIL - Oskar Walch - 23.10.2009 mehr lesen »

Sonnenaufgang über Assisi

Der heilige Franziskus und seine Familie

Der Theologe und Autor Adolf Holl verfasste auf Wunsch der Augustin-Redaktion Hintergründiges zu Franz von Assisi. Anlass dafür ist die liturgische Posse mit Gesang „Transkatholische Vögel“, die im brut-Theater Mitte Oktober über die Bühne gehen wird (siehe Seite 28 der Ausgabe 260).
DICHTER INNENTEIL - Adolf Holl - 09.10.2009 mehr lesen »

Tür 10

Ich saß wieder einmal sinnlos in der Gegend herum und mein Freund der Alkohol wandte sich – dank meiner leeren Taschen – sukzessive von mir ab.
Die Finanzkrise schien selbst den letzten Obdachlosen erfasst zu haben. Jeder, den ich fragte, hatte genauso wenig wie ich.
Ich erinnerte mich wieder an all die alten Säcke, die da mit mehr oder weniger starken Schmerzen auf Parkbänken oder Wiesen eingeschlafen oder nur eingenickt waren und nie wieder munter wurden.
DICHTER INNENTEIL - Werner Steinermann - 28.09.2009 mehr lesen »

Urlaubspost vom Hietzinger Kai

"Radio Stimme", die Sendung der NGO Initiative Minderheiten auf Orange 94.0, brachte im Sommerprogramm eine Kurzserie mit dem Titel „Urlaubspost". Dort wurde Reisepost von RedakteurInnen zu unterschiedlichen Destinationen vorgelesen – Berichte über ferne Länder, aber auch über ein befremdliches Amt mit der Anschrift Hietzinger Kai 139 aus der Feder eines arbeitslosen Wissenschafters.
DICHTER INNENTEIL - Gerd Valchars - 14.09.2009 mehr lesen »

Impressionen aus Georgien

Georgien_1.jpg"CCCP" - Auf diese Buchstabenkombination stieß Christian Sturm während seiner Reise nur ein einziges Mal

 

Georgien_3.jpgMarktstand in der Stadt

Georgien_2.jpgSchafärsche


DICHTER INNENTEIL - Christian Sturm - 11.08.2009 mehr lesen »

Mein Name sei ...

"Blaue Augen" - Geschichten aus dem Frauenhaus (1)

Stell dir vor, du begegnest deinem Traummann und landest wegen ihm im Frauenhaus. Unvorstellbar, doch tägliche Realität. Auch in Österreich.

Baustelle - Bitte Entschuldigung!

Während ich studierte, musste ich oftmals zwischen ihrem Elternhaus Graz und Wien pendeln. Auffallend dabei ist, dass sich dreißig Jahre danach am Bahnhof Meidling nichts Wesentliches verändert hat. Die Bahnsteige waren schon damals eine Dauerbaustelle und sind es bis heute geblieben. Wo die Schnellzüge ankommen, gibt es keinen Lift nach unten, also müssen alle Reisenden ihre Koffer und Kinderwägen selber runtertragen.

John Cage sammelt Altwaren im Stuwerviertel

Dem Taxichauffeur möchte ich eigentlich verständlich machen, dass, obwohl er mich vor den in allen Farben blinkenden Eingängen abzusetzen hat, ich im dunklen Hauseingang verschwinden werde, eben da wohne. Nimmt er an, ich mit meinem Nicht-Wiener Deutsch – er habe es sofort gehört, Schweiz, sagt er in seinem melodiösen Türkisch-Deutsch – sei hier beschäftigt, nehme bloß den Haupteingang, um durch eine Hintertür ins Anschaffungslokal zu kommen? – Soll er sich denken, was er will, hier sind eben allerhand Leute zu Hause. Und ich dazu. Max-Winter-Platz, 2. Bezirk, Wien.

Unsere Gesellschaft verroht - na und!?

Der Wiener und die Wienerin sind ja mit den politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen nicht nur national, sondern auch international quasi per du. Es ist eine Freude zu sehen, zu hören und zu spüren, wie groß die Leidenschaft ist, wenn es darum geht, dem Gegenüber mitzuteilen, wie schlecht alles sei und welch Idioten überall das Sagen hätten. Natürlich ist es eine Frechheit, dass die da oben auf Staatskosten irgendwo hin zu einem G20-Gipfel fliegen, um bei einem guten Essen die Probleme unserer Zeit zu erörtern, weil lösen können sie diese ja eh nicht. Der Obama und der Faymann sollen lieber zum Heurigen nach Stammersdorf gehen, um dort gemeinsam mit der Merkel und dem Sarkozy beim Bauernschnapsen über die Wahnsinnspreise des grünen Veltliners nachzudenken.
DICHTER INNENTEIL - Flugsaurier - 20.05.2009 mehr lesen »

Der Schreibtischrevolutionär Messenhauser

In keiner anderen deutschsprachigen Stadt hatten die Revolutionäre des Jahres 1848 zunächst so viel Erfolg wie in Wien. Die alte Ordnungsmacht zog sich zeitweise vollkommen zurück. Der letzte Kommandant der Aufständischen war ein Gemäßigter – und wurde zu einer tragischen Figur.
DICHTER INNENTEIL - Kurt-Martin Mayer - 06.05.2009 mehr lesen »

Erfahrungen und Vorschläge einer Ex-AMS-Kundin

In der letzten Ausgabe des Augustin (250) forderte ein AMS-Berater, unter dem Pseudonym „Gustav gAMS“, auf, alternative Konzepte zu den oft als „AMS-Zwangskurse“ bezeichneten Schulungen zu entwerfen. Darüber hinaus freue er sich auf einen regen Erfahrungsaustausch, ließ er die Augustin-LeserInnen wissen. Prompt erhielt die Augustin-Redaktion eine ausführliche und facettenreiche Replik einer Leserin:

Hoffentlich gewinnt Rapid ...

Ein Zimmer im Arbeitsmarktservice, vormals Arbeitsamt, irgendwo zu Wien.

Berater: Und?

Heinrich: Hat nicht geklappt ...

B: Warum nicht?

H: Was weiß ich? „Wir halten Sie in Evidenz“, hieß es. Das Übliche.

B: Die Firma hat bei mir angerufen. Sie hätten sich geweigert, Überstunden zu machen ...

DICHTER INNENTEIL - Karl-Heinz Pieler - 08.04.2009 mehr lesen »

Wie man Schmetterlinge beschäftigt

Statue.jpgDiese Geschichte bildet den Prolog zum inhaltlichen Schwerpunkt „Arbeitsmarktservice“ (AMS) der nächsten Augustin-Ausgabe. Es wird darin eine Auswahl an Erfahrungsberichten, aber auch an Prosatexten von aktuellen und ehemaligen „KundInnen“ des AMS veröffentlicht, die der Augustin in den letzten Monaten erhalten hat. Dazu an dieser Stelle nur noch so viel: Die Unzufriedenheit mit dem AMS hat eine große Dimension angenommen.


DICHTER INNENTEIL - Galina Toktalieva - 25.03.2009 mehr lesen »

Kunstschlange lebte im "Wood Quarter"

Eine Kunstschlange meldet sich zu Wort (1)

Eine Persiflage auf Graz als Kulturhauptstadt im Jahr 2003 war der Ausgangspunkt einer Serie von kurzen Texten einer Steirerin, die nun in Wien lebt. Als Anspielung auf das Kunst- und Gastronomieprojekt „Les Vipères“ im Kunsthaus Graz und auf die „so populären Ich-AGs“ wählte die Autorin das Pseudonym „Erste Grazer Kunstschlangen AG“ – AG sind obendrein auch ihre Initialen. Der Augustin veröffentlicht in dieser und in den nächsten Ausgaben bissige Kurzprosa mit der Kunstschlangenfigur „S“ als Protagonistin. Der erste Teil behandelt, was „S“ im Waldviertel mit Männern erleben konnte und musste.
DICHTER INNENTEIL - Erste Grazer Kunstschlangen AG - 11.03.2009 mehr lesen »

An der alten Donau

Wiener Ausfahrten Nr. 115

ausfahrten_donau.jpgNach einem Besuch im China-Restaurant „Sichuan“ an der Arbeiterstrandbadstraße in Wien-Donaustadt hatte Groll trotz der herrschenden Februarkälte noch eine kleine Verdauungsfahrt an der Alten Donau unternommen. Beschwingt durch das „Rindfleisch in der Sauce der tausendunddrei Geschmacksrichtungen“ und den „Seetangsalat nach Tsingtao-Art“ war Groll bis zum Wasserpark hochgekurvt und befand sich nun auf dem Rückweg zu seinem Wagen. Vor dem Eingang zum „Bundesbad“ war er überrascht, seinen Hietzinger Bekannten, den Dozenten, anzutreffen. Der war wie stets mit dem italienischen Rennfahrrad unterwegs: Um seinen Hals baumelte ein Paar Eiskunstlaufschuhe.


Bekanntschaften

Texte von Frauen aus der Justizanstalt Schwarzau (5. und vorläufig letzter Teil)

Sammy Kovac war von 2003 bis 2007 in der JA Schwarzau inhaftiert. Sie ist eine der Protagonistinnen in Tina Leischs Film „Gangster Girls“. Im Laufe der Arbeit an dem Film begann sie zu schreiben. Hier Teil 5 ihrer Erinnerungen. Im ersten Teil („Der Tag“) erzählte Sammy, wie sie wegen eines Spielzeugpistolenüberfalls auf eine Trafik ins Gefängnis kam. Im zweiten Teil („Das Leben in der Haft“) berichtete sie über Konflikte unter den gefangenen Frauen. Im dritten Teil („Der Wasserkocher“) erfuhren wir, wieso sie in der Haft erneut eine Verurteilung bekam. Im vierten Teil beschrieb sie das Dilemma der Verräterinnen.

Die Kunst, mit Gewinn ein Buch zu lesen

Aus der Schreibwerkstatt

Lesen ist immer ein sich Auseinandersetzen mit beidem – dem Stoff, den man liest und der eigenen Lesart. Und gar, wer schreiben will, muss lesen! Deshalb ist das jüngst erschienene Hitlerbuch des mehrfach preisgekrönten Schriftstellers, Fotografen und Filmemachers Uwe Bolius eine Fundgrube für uns tapfere Schreiberleins, weil er darin auch sehr ausführlich seinen eigenen Zugang zur Autorentätigkeit offen legt. Und dann: Er ist im selben Bezirk zu Hause wie der Augustin, und die Hauptfigur seines Buches ist eine Frau, die im selben Alter wie Hertha Kräftner und wie diese als Folge männlicher Brutalität in den Freitod gegangen ist. Und: Es besteht die Möglichkeit, ihn zu einer Lesung und Diskussion in die Schreibwerkstätte einzuladen. Jedenfalls werden wir das versuchen. Aber nun zum Buch „Hitler von innen“.

Der Wasserkocher

Texte von Frauen aus der Justizanstalt Schwarzau

Sammy Kovac war von 2003 bis 2007 in der JA Schwarzau inhaftiert. Sie ist eine der Protagonistinnen in Tina Leischs Film „Gangster Girls“. Im Laufe der Arbeit an dem Film begann sie zu schreiben. Der Augustin veröffentlicht Sammys Berichte über ihre Zeit hinter Gittern. Im ersten Teil erzählte Sammy, wie sie wegen eines Spielzeugpistolenüberfalls auf eine Trafik verurteilt wurde. Im zweiten Teil berichtete sie über Konflikte unter den gefangenen Frauen. Hier der dritte Teil.

Info:
Mehr über die „Gangster Girls“ auf www.gangstergirls.at.
Der Film läuft am 27.März 2009 im Stadtkino an.


Der Tag

Texte von Frauen aus der Justizanstalt Schwarzau (1)

Sammy Kovac war von 2003 bis 2007 in der JA Schwarzau inhaftiert. Sie ist eine der Protagonistinnen in Tina Leischs Film „Gangster Girls“. Im Laufe der Arbeit an dem Film begann sie zu schreiben. Der Augustin veröffentlicht in den nächsten Ausgaben Sammys Berichte über ihre Zeit hinter Gittern. Hier der erste Teil.

Durchsichtig

Es regnet stark. Von den Büschen und Bäumen tropft das Wasser, Regenduft liegt schwer in der Luft. Ich besuche meine Mutter, 88, dement und seit zwei Jahren verstummt. Sie hat gebissen, um sich geschlagen, geschrien, hat HeiminsassInnen attackiert, hat es nicht mehr ausgehalten in ihrer sprachlosen Isolation. Jetzt ist sie hier gelandet. Ich gehe langsam durch die parkähnliche Anlage, zögere meine Ankunft hinaus. Mir ist ein bisschen mulmig – es ist mir, als beträte ich eine Welt, in der, schrecklich und bezaubernd zugleich, alles ein wenig „ver-rückt“ ist. Natürlich überrascht mich das nicht, denn ich bin im „Steinhof“.

Die Arbeitskraftzurichter

Tafelklässlerische Umgangsformen im abz*office service

Pünktlichkeit, Pünktlichkeit, Pünktlichkeit! „In einer richtigen Firma müssen Sie auch pünktlich sein! Das zeugt von Verbindlichkeit gegenüber der Firma, also bitte!“ Schließlich soll hier im abz*office service, einem so genannten SÖB (Sozialökonomischer Betrieb) der Büroalltag von Frauen einer „richtigen“ Firma simuliert werden.

Früher war alles besser!

Was meine Oma aus dem Jahr 2027 zu berichten weiß

Aus den privaten Aufzeichnungen
von Danuta Pichler, 16 Jahre, 5. Oktober 2067

Meine Oma nörgelt immer an mir herum. Das kann ganz schön nerven. Aber wenn man bedenkt, dass sie die Einzige ist, die sich in unserer Familie über mich Gedanken macht, schätze ich ihre Kritik. Sie erzählt die bizarrsten Geschichten aus jener verrückten Periode, die man die „Roaring Twenties des 21. Jahrhunderts“ nennt.

Neun Stunden "Tauziehen" auf der Brücke

Tagebuch einer Befreiungsaktion. Teil 3

Die Medizinstudentin Barbara aus Wien hatte im Jänner 1979 auf einer USA-Rundreise die Vereinigungskirche, besser bekannt als Mun-Sekte, in San Francisco (SF) kennen gelernt und wurde Mitglied. Ihre Eltern, Johanna und Roman, und Barbaras Freund Fritz reisten, kurz nachdem sie davon erfahren hatten, nach San Francisco, mit der Absicht, sie zur Rückkehr zu bewegen. Je länger jemand Mitglied der Mun-Bewegung ist, hatten sie erfahren, desto schwieriger sei es, dass „Munies“ freiwillig die Bewegung wieder verlassen. Die Mun-Bewegung wendete damals in der Anwerbung von Mitgliedern Techniken an, die als extrem manipulativ bezeichnet werden und bei „AussteigerInnen“ starke Schuldgefühlte und schwere psychische Krisen auslösen können.

Hat die Macht mich klein gekriegt?

Ich habe eine kleine Pension, unter 800 Euro, ich bin besachwaltet. Ein Notar und das Gericht entscheiden in meinen Angelegenheiten. Und ich verkaufe Augustin. Meine Hobbys sind Wandern, Malen, Lesen, Musikhören. Gesundheitlich geht es mir momentan gar nicht gut, das ist der Grund, weshalb ich öfters ein Bier trinke, und dann geht es mir noch schlechter – psychisch und physisch. Ich kann mir einmal im Jahr eine Woche Urlaub leisten, nicht wie die meisten, die 5 Wochen und noch viel mehr haben. Aber daran will ich gar nicht denken.
DICHTER INNENTEIL - Andi Klein - 05.11.2008 mehr lesen »

Erfolglose Suche in San Francisco

Tagebuch einer Befreiungsaktion. Teil 2

Die Medizinstudentin Barbara aus Wien war im Jänner 1979 auf einer USA-Rundreise in die Fänge der Mun-Sekte in San Francisco (SF) geraten. Ihre Eltern, Johanna und Roman, und Barbaras Freund Fritz reisten, nachdem sie davon erfahren hatten, kurz entschlossen nach San Francisco, mit der Absicht, Barbara nach Österreich zurückzuholen. Denn je länger jemand Mitglied der Mun-Sekte ist, desto schwieriger sei es, unbeschadet wieder davon los zu kommen, hatten sie erfahren. Das Vorhaben war heikel, und viele „Befreiungsaktionen“ anderer waren bereits gescheitert. Jenny, eine einundzwanzigjährige Studentin aus Philadelphia, die vier Jahre vorher ein Jahr bei Barbaras Familie als Austauschstudentin verbracht hatte, kam ebenfalls mit nach SF.

Der Zug der Heimkehr

RuudFrau.jpgLangsam und unsicheren Schrittes stieg das Paar in den Zug. Beinahe alle Plätze der zweiten Klasse waren besetzt. Der angstvolle Blick der Frau wanderte durch den Waggon. Sie musste ein Plätzchen für Anselmo finden. Der arme Mann bewegte sich kaum; er war erschöpft und krank. Sie stützte ihn, und fast zog sie ihn hinter sich her. Unter den zahlreichen Passagieren, die alle aus der Provinz stammten und sich zwischen Tränen des Abschieds, wohlwollenden Ratschlägen und Worten des Grußes auf dem Bahnsteig und im Inneren des Wagens drängten, wurde ein Mann auf das alte Paar aufmerksam, und nachdem er den beiden den Weg frei gemacht hatte, half er ihnen noch, auf einer der Bänke Platz zu nehmen.


DICHTER INNENTEIL - Elsa Serur Osman - 22.10.2008 mehr lesen »

Meine Tochter war ein Munie

Tagebuch einer Befreiungsaktion.Teil 1

Die Mun-Sekte oder Vereinigungskirche war in den 70er Jahren eine der am aggressivsten agitierenden Jugendsekten. Sie wurde 1954 vom Koreaner Sun Myung Mun gegründet, der sich als zweiter Messias feiern lässt. Mun konnte sich mit den Fundraising-Aktivitäten seiner JüngerInnen ein großes Wirtschaftsimperium aufbauen. Auch Waffen befinden sich in seinem Sortiment. Heute ist die Mun-Vereinigung keine Jugendbewegung mehr. Mun und viele seiner AnhängerInnen sind in die Jahre gekommen. Sie sind aber immer noch aktiv. Hauptsächlich in den USA und in Asien, auch in Europa, zunehmend in Osteuropa. Die Bewegung ist politisch extrem rechts und antikommunistisch und besteht heute aus vielen Unterorganisationen, die auf den ersten Blick nicht auf Mun schließen lassen: Föderation für den Weltfrieden, Forum Ost, die Studentenorganisation CARP oder pure love, eine Bewegung für Enthaltsamkeit vor der Ehe.

Für Euch

Rappers in Prison

Talentförderung – der einzig denkbare Bonus des Einsperrens

Rapper.jpgWenn der Hip-Hop ins Gefängnis geht: entsteht da Gangsta-Rap? Nichts dergleichen auf der Vinylscheibe “Rappers in Prison” (auf den Markt gebracht durch das Label Hoanzl). Stattdessen eher Texte zum Thema Liebe. Auf den folgenden Seiten werden die textlichen Resultate eines von Beate Göbel geleiteten Kunstprojekts in der JA Favoriten vorgestellt. Ein Tagebuch gibt außerdem Einblick in Göbels Arbeitsweise. “Ramirez”, einer der Häftlinge, die durch ihre Mitarbeit an den LP-Produktion Potenziale an sich entdeckten, die ohne das kurze Eindringen der Kultur in den Strafvollzugsaltag versteckt geblieben wären, sagte in einer Pressekonferenz sinngemäß: Die Arbeit mit der Theaterfrau Göbel und dem Rapper Furious Steez hat größeren “Resozialiserungs”-Effekt als alle sonstige Häfen-Pädagogik zusammen genommen. Nach der Pressekonferenz musste “Ramirez” in eine “Besserungsanstalt” zurückkehren, die noch keinen Menschen verbessert hat.


Schachmatt

Die Augustin-Leute trauern um Christa Preslicka

Christa.jpgChrista war eine besondere Menschin. Sie hat versucht, mir den Begriff Nekrolog folgendermaßen zu erklären: „I schüda (schildere), du schreibst.“

Vor etwa einem halben Jahr saßen wir zusammen vor dem Computer, und Christa begann, mir ihren eigenen Nachruf zu diktieren. Irgendwie hatte sie die Lust am Leben verloren. Nekrolog war ihrer Meinung nach ein selbstverfasster Nachruf, wie er eigentlich nur Persönlichkeiten zusteht. Und damit hatte sie Recht: eine Persönlichkeit war sie zweifelsfrei!


Was Verordnungen so alles mit sich bringen können

Es war einer der üblichen Sonntagvormittage im Eckcafé. Die von der Putzfrau hochgestellten Stühle waren auf den frisch geputzten Boden gestellt, die Tischgestecke waren verteilt, die Kerzenstumpen ausgetauscht, an zwei Stammplätzen pflegte der Kellner sie am Vormittag gleich anzuzünden. Die Kaffeemaschine surrte, er selbst hatte sich einen doppelten großen Braunen in einem eigens für sich reservierten Häferl zubereitet.

Zur Vogel-Strauß-Politik mitten im Wahlkampf

Der Südtiroler Platz ist nur ungefähr 1200 Meter vom Reumannplatz entfernt, doch vernünftige Entscheidungen auf Ebene der Bezirkspolitik scheinen mir so weit weg wie ein auf dem Mars gelegtes Straußenei. Ähnlich fühle ich hinsichtlich der Bundespolitik. Nach 18-monatigem Koalitionsschlamassel dürfte es jetzt im Zeichen des Neuwahlkampfes sogar in der parlamentarischen Sommerpause gelungen sein, einige Gesetze zu beschließen!
Jetzt werden einige Wochen wieder die Hackeln fliegen und herrliche Versprechungen gemacht werden – Prost, Mahlzeit! Es kostet ja fast nichts! Im Zuge des „hitzigen Wahlkampfes“ bekommen wir vielleicht ein Paar Würstel umsonst: Es lebe der Wahlkampf!

Schein / Sein / Stein

Ein Brief aus dem sprichwörtlichsten Häfen Österreichs

Viele emotionale Schreie nach höheren Strafen. Viele wollen die Anlassfälle verwenden, um die Schraube anzuziehen. Rechte jubeln, links, zwo, drei, vier. Wir führen euch wieder in ein besseres Leben, volkt! Strache will, dass ihr euch gegen die Kriminellen bewaffnet, um Heim und Herd zu schützen. Im Wahlkampf wetterte er, dass Gefangene Saunazellen hätten und ob man ihnen nicht noch ein Whirlpool nachreichen wolle.

DICHTER INNENTEIL - Friedrich Olejak - 04.08.2008 mehr lesen »

Stylingtipps für AugustinverkäuferInnen

Als Verkäuferin im öffentlichen Raum sollten Sie folgende Regeln beachten: Kleiden Sie sich nicht, ziehen Sie sich an. Zu modische Stücke aus dem Caritaslager sind zu vermeiden, hingegen zeugen Reparatur- und Flickstellen von gutem Willen. Als Grundregel gilt: arm, aber sauber. Wie Sie das machen, ist ihr Problem.
DICHTER INNENTEIL - Christa - 22.07.2008 mehr lesen »

Flanieren in Havanna

Havanna.jpgJeden Morgen zwischen 7 Uhr und 7.30 Uhr höre ich einen Reisigbesen über den Asphalt kratzen. Es ist der Straßenkehrer, ein junger Mann, der jeden Abfall, jedes Stückchen Papier penibel auf seine große Schaufel aus Pappkarton kippt. Noch habe ich Zeit, im Bett zu bleiben, denn das Frühstück wird mir nicht vor 8.30 Uhr serviert. Ich wohne bei Estrella und Lourdes in einer ehemaligen Kolonialvilla in Havanna.


Der Fußball, die Weltpolitik und der liebe Gott

Wiener Ausfahrten

Ausfahrten.jpg(In der letzten Folge erzählte Groll vom Aufstieg des FC Voest Alpine Krems).„Leider dauerte die große Zeit der Mannschaft nur kurz. Die Kubaner emigrierten nach den USA weiter, die Tschechen wechselten zum Tennisverein und feierten dort Seriensiege, einzig die Zeppelzauers hielten dem Verein die Treue und taten, was sie am besten konnten, gegnerische Stürmer an der Mittellinie niedersäbeln. Sie nannten das ‚taktische Fouls’ im Gegensatz zu so genannten ‚Notbremsen’, die eingesetzt wurden, wenn doch einmal ein Stürmer die Verteidigerreihe hinter sich ließ und sich in Richtung Tor aufmachte.


WEGAner überfallen Veganer

Wien, 22. Mai 2008
Liebe Tante Evi!

Ich schreib dir ein Brief. Ich schreib ihn hier im Park. Und die Mama is auch da. Und die hilft mir beim Schreiben. Zu Haus traun mir uns nimma. Im Park trau ich mich, weil da sind die Männer nicht so schiach. Du ich hab so Angst um den Papa. Weil gestern sind ganz fremde Männer bei uns eingebrochen. In da Früh. Es war noch ganz finsta und mir haben noch geschlafen. Der Papa hat auch noch geschlafen. Und der Onkel auch. Auf einmal hats furchtbar kracht und die Tür is zerbrochen. Und Männer sin hereingrennt. Die hab ich nicht kennt. Wir haben auch nicht sehn können, wer das is. Sie haben so schwarze Masken aufgehabt und Pistolen. Wie die Räuber im Fernsehen. Wo ich immer gleich schlafen gehen muss. So was darf ich mir noch nicht anschauen. Hat der Papa gsagt. Aber gestern warn die auf einmal in unserer Wohnung.

Professor Analtiker spricht

kebab.jpg1. Vorlesung

Der Kebab & die türkische Seele

Guten Tag, ich bin Professor Analtiker, ich möchte heute über Fixierungen in der Psychologie reden und in diesem Zusammenhang auf die Fixierungen unserer türkischen Mitmenschen eingehen.Möchte daher besonders auf die phallisch-ödipalen Fixierungspunkte eingehen.
Sie wissen sicherlich schon vieles aus Ihrem Alltag über die Türken, ihre Eigenschaften und Verhaltensweisen.
Wenn sie mal durch die Straßen von Wien gegangen sind, dann sind Ihnen all die Kebabstände, die alle zehn Meter aufeinanderfolgen, sicherlich aufgefallen. Nun, jeder nur normal denkende Mensch fragt sich natürlich, warum dies so ist. Das heißt, warum wollen alle Türken unbedingt einen Kebabstand aufmachen?


Der Trauner Beitrag zu "68"

Maler, Dichter, Behindertenbetreuer: Der oberösterreichische Andreas Hofer

AndreasHofer.jpgDie 68er-Revolte begann in einigen Ländern schon Ende der 50er Jahre, während sie in Österreich mit der landesüblichen Verspätung und mit der landesüblich reduzierten Wildheit in der zweiten Hälfte der 70er Jahre. Gemessen am Konformismus der MitbürgerInnen war der aus Traun stammende Künstler, Gesundheitsmanager und psychiatrische Krankenpfleger Andreas Hofer dennoch ein „wilder Hund“.


Haefnlyrik

Muttertag

Mutter, du kannst dich nicht mehr bewegen.
Mutter, ich werde dich liebevoll pflegen.
Mutter, deine Hände, sie sind voller Falten.
Mutter, ich werde sie streicheln und halten.
Mutter, deine Augen sind traurig und leer,
Mutter, dein ganzes Leben galt mir,
Mutter, für alles danke ich dir.
Mutter, was ich dir noch sagen mag,
Mutter, für mich ist jeder Tag „Muttertag“.

DICHTER INNENTEIL - Chandal Koren - 08.05.2008 mehr lesen »

Neuer Schreib-Anlauf!

Ich möchte eingangs den treuen LeserInnen und Lesern des „Dichten Innenteil“ (früher Literatur-Werkstatt) für die Visitationen unserer Werke danken. Uns Schreibenden bringen die kleinen Prosa- und Lyrikstücke bares Geld, aber auch Ansporn und Selbstbestätigung. Beinahe jedes Quartal erscheint dort ein Werk von mir, worauf ich sehr stolz bin.

Geboren in Niederhollabrunn

Wie ich der Stimme meines Dichters Kramer gewahr wurde

Harald Maria Höfinger, Lehrer im Weinviertel, stellte uns einen Text zur Verfügung, der seine Annäherung an den Dichter Theodor Kramer beschreibt. An einen aus demselben Dorf. An einen, der emigrieren musste – als Jude und als Sozialist. Gegen die Gleichgültigkeit, mit der das Leben im Dorf ablief, so als hätte der Dichter nie gelebt, erwachte in Höfinger das Verlangen nach Kramers Versen ...
DICHTER INNENTEIL - Harald Maria Höfinger - 10.04.2008 mehr lesen »

Hocknstad

Ich teile die Leute nur noch ein in Stade und in Hocknstade. Die Stad’n haben eine Arbeit, aber sie halten die Pappen. Die Hock’nstadn haben keine Arbeit, aber sie halten auch die Pappen. Also, wo ist da der Unterschied?
Man hat es nicht leicht als Hocknstader, aber leicht hat es einen. Das AMS hat keine Hockn für mich, aber ich soll ihnen die Hockn abnehmen und mir selbst eine Hockn suchen.

DichterSemmeln !

Anfang Jänner, in der ersten Augustin-Schreibwerkstätte des heurigen Jahres, als viele ihre Weihnachtswünsche noch im Kopf und ihre Neujahrsvorsätze noch nicht gebrochen hatten, ja vielleicht sogar noch an dem einen oder anderen festhielten, um nicht gleich im Jänner frustriert zu werden und immer noch an das – sicherlich besser als das letzte Jahr werdende – neue Jahr glaubend, gab es folgende Schreibanregung zu bewältigen – um eben das alte, nicht so gute Jahr 2007 nicht vollends zu verdrängen:
"Stellt euch vor, es sei Silvester Nullsieben und ihr wäret eine oder meherereNnullsiebensil-vesterraketen und stündet kurz vor eurem Abschuss, also mehr oder weniger vor eurem Tod."

DICHTER INNENTEIL - Fräulein K.C., Traude Hlawaty, Lydia Rabl - 12.03.2008 mehr lesen »

Zwa Semmeln und an hoiba Lita Müch

Unlängst geh i spazian. Kumm i bei an Greißler vurbei und denk i ma, do geh i eine, weu es gibt jo eh nimmamehr so vü davon. Griaß i wia sa sis ghört und es schaut recht passabl aus do drin. A klans Stehtischerl, wo ma an Kaffee trinken kaun, und ollas in oin lauter leckare Sochn. So Bio und so, des is jo jetzt modern. Ned? Hot si hoid ollas verändat, de Bauern mochn ka Gschäft mea, oiso samma auf Bio umgstiegn.
DICHTER INNENTEIL - Strawinsky - 14.02.2008 mehr lesen »

eine grossartige geste

das leben als großes wort und als erinnern
das leben in tausend gewesenen welten
mit menschen gelebt und verloren
so viele verloren
in der zeit
im leben
in sich selbst
so viel zerbrochen und zerstört

DICHTER INNENTEIL - Peter Eltfeld - 31.01.2008 mehr lesen »

Unser gemeinsam entwickeltes Märchen

Es war einmal ... und genauso fängt auch unser Märchen an.
Es war einmal, in einem großen Wald. Die Morgenluft ließ den Frühling verspüren. Überall konnte man den Duft von Waldmeister und Leberblümchen riechen.

Reich, was heißt schon reich?

In der Vorstadt

Vorweihnachtszeit: eine Punschglocke hängt auch über dem Floridsdorfer Spitz. Vor einem Punschstandl des Arbeitersamariterbundes, ein Herr in mittleren Jahren, im Trainingsanzug, nach dem 5.Punsch räsonierend.

Temperatursturz

Isolde zog sich das Stirnband über die Ohren, die abgetragenen Handschuhe über die Finger und schlüpfte in die warmen Schuhe. Zum Schluss zog sie sich den grauen Mantel über. Sie ließ sich Zeit. Sie wollte nicht nach draußen.
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DICHTER INNENTEIL - Cornelia Koepsell - 21.11.2007 mehr lesen »

Frei, zügig

„Die Gedanken sind frei“ – lassen Sie mich ein wenig mit meinen Gedanken für Sie spielen – vielleicht führt Sie so ein Spiel zu ein paar Freiheiten gegenüber Ihren eigenen Gedanken. „Freizügigkeit“ bedeutet juristisch etwas anderes als in der Alltagssprache. Im Fremdenrechtspaket 2005 ist mit diesem Begriff im neoliberalen Freisprechstil eine seltsame Veränderung durchgeführt worden.

DICHTER INNENTEIL - ZEBOS - 07.11.2007 mehr lesen »

25 Jahre Regenbogenhaus

Blitzsteins Lokalaugenschein

Ich kann mich erinnern, als wäre es gestern gewesen, da ging ich auf Anraten meines Therapeuten das erste Mal ins Regenbogenhaus. Mein Therapeut sagte mir, das sei ein Verein für gegenseitige Nächstenliebe und dass ich mir das ansehen solle. Die Nächstenliebe fand ich zwar nicht (die hatte offenbar gehört, dass ich komme und sich vor mir versteckt), auf diese Weise dauerte das Osterfest erstmals in meinem Leben ein ganzes Jahr, bis ich anfing, andere Dinge zu finden, die ich nicht gesucht hatte, wie zum Beispiel: eine Holzwerkstatt, eine Keramikwerkstatt, eine Kerzengießerei. Es gab Gesprächsrunden und sogar an eine hauseigene Zeitung und auch an eine Musikgruppe kann ich mich erinnern.

Eine beneidenswerte Ehe

Nein, ich glaube nicht, dass meine Geschichte etwas Besonderes ist, es gibt leider auch schlimmere. Aber erst jetzt bin ich in der Lage, darüber zu reden. Ein paar Wunden werden nie heilen und bleiben mir für immer erhalten. Allerdings muss ich zu meiner Geschichte erwähnen, dass ich heuer den Sechziger feierte.
Geboren bin ich in Bratislava und seit einundvierzig Jahren lebe ich in Wien. Um meine Kindheit zu verarbeiten – auch damit kämpfe ich noch bis heute.

Nach dem Mittagspapperl das Verdauungshatscherl

Lostage, Zehnter Neunter Nullsechs

Nach dem Essen sollst du flott marschieren, um hineingestopfte Kalorien zu verlieren. Zwar ist eine derbere Version dieses Spruches im Umlauf, wo die Frau zur Sexpuppe degradiert wird, aber so was weise ich dezidiert von mir, ist auch mein Verhältnis zum anderen Geschlecht nicht ganz friktionsfrei. In der vorliegenden, sozusagen politisch korrekten Form, habe ich mich heute nach üppig ausgefallener Speisenaufnahme dazu ermuntert, was gegen den Altersspeck zu unternehmen. Ich bin auch eher ein Spagettisultan, aber mit den Jahren geht das Wohlstandsbäuchlein immer schwerer weg. Wenn ich mich normalerweise zuhause selbst bekoche, vergönne ich mir ein genussvolles Mittagsschläfchen, ehe ich per Rad oder zu Fuß meinen Bewegungsdrang befriedige.

Spiegeln der Gesellschaft

Erste Szene: Eine junge Frau, völlig fertig, verzweifelt, wird in einen Arrestwagen befördert. Ich weiß nicht, warum, denn ich komme gerade hinzu, als dieser Teil der „Szene“ beginnt. Sie weint, sie will raus, sie wird zurückgedrängt. Keiner spricht mit ihr. Nur: „Geng’an’s eine da. Führ’n sa se net so auf.“ Ich schaue der Frau, die ich nicht kenne, ins Gesicht. Verzweifelte Augen schauen mich an. Ich versuche eine Kontaktaufnahme mit ihr: „Was ist los?“ „Mischen s’sich da nicht ein, wir wissen schon, was wir tun.“ Der Wagen wird verschlossen, die Frau schaut mich durchs Fenster nochmals Hilfe suchend an. Ich kann nichts mehr tun.

Von Spekulanten und Verschwendern. Eine Posse aus der Wirtschaft

Wiener Ausfahrten Nr.79

Redaktionelle Mitteilung: Erwin Riess´ Dialoge zwischen Groll und dem Dozenten erscheinen üblicherweise in der Rubrik „Wiener Ausfahrten“. Vorliegender Text übersteigt das Fassungsvermögen dieser Rubrik. Die Redaktion gestattete dem Autor das Ausufern, weil sie es ebenso wie dieser schwer ertragen kann, dass die Bedeutung des BAWAG-Skandals so heruntergespielt wird.

Callcenter

Motivierte Callcenter Agents zur Mitarbeit in jungem, dynamischen Team gesucht. Flexible Arbeitszeiten und persönliche Entwicklungsmöglichkeiten. Vertragsverhältnis: freier geringfügiger Dienstnehmer. Bei Spaß am Telefonieren, Freude an leistungsorientiertem Denken und perfekten Deutschkenntnissen Bewerbung mit Lebenslauf und Foto an: …

DICHTER INNENTEIL - Simone Kremsberger - 29.08.2007 mehr lesen »

Heirat ist Geiselnahme unter Mitwirkung des Staates

Ein Lebensbericht.

Wo kommen Sie her? Und ursprünglich? Diese zwei Fragen begleiten mich mein ganzes Leben und mit meinen einundsechzig Jahren kann ich sie nicht mehr hören. Ich beantworte sie nur karg: Heidelberg! Mein Leben, das ist ein Weg voller Tretminen, die ich immer wieder, ohne es richtig zu wissen, berühre.

Der Spitzensport, das Mittlere, die Liebe. Eine Geschichte vom Wörthersee

Wiener Ausfahrten Nr.76

An einem milden und freundlichen Maitag saßen Groll und sein Freund, der Dozent, in der Erholungsanlage der Eisenbahner in Pörtschach am Ufer des Wörthersees. Groll beobachtete durch sein Fernglas den See und seufzte in regelmäßigen Abständen auf. Der Dozent las in der „Neuen Zürcher Zeitung“. Als Groll besonders tief seufzte, legte der Dozent die Zeitung beiseite und wandte sich Groll zu.

Mein größter Gegner – bin ich selbst

Aus den Aufzeichnungen eines Augustin-Verkäufers

Thema des vorigen Abschnitts war das Flüchtlingsheim, in dem ich wohne. Ich möchte noch auf die Verhaltensregeln im Heim zurückzukommen. Wir dürfen beispielsweise nicht öfter als 3 Nächte pro Woche auswärts übernachten. Wenn du nach 22 Uhr abends heimkommst, musst du 2 Euro bezahlen. Es ist nicht erlaubt, Alkohol oder Drogen im Heim zu konsumieren. Keine Raufereien, Streitereien oder laute Musik nach Mitternacht und so weiter und so fort. Für mich erscheinen diese Regeln vernünftig, um ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen.
DICHTER INNENTEIL - Nwokocha Philips - 20.06.2007 mehr lesen »

Kraus und die Nachwelt

Der letzte Teil der Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus

„Ein ganzer Kerl ist einer, der die Lumpereien nie begehen wird, die man ihm zutraut. Ein halber, dem man die Lumpereien nie zugetraut hat, die er begeht.“
Karl Kraus

Bala bala für Unvermittelbare

Gestrandete in der Maschinerie des AMS? Tagebuch eines Kursteilnehmers

Wie Recht hatte Karl Öllinger, Sozialsprecher der Grünen, als er im Parlament Kritik an "vollkommen sinnlosen und geradezu entwürdigenden AMS-Kursen ohne Ausbildungswert" übte, die „zum Teil mehr an Strafvollzug als an aktive Arbeitsmarktpolitik" erinnerten? Das AMS dementiert. Es könne „natürlich unbefriedigende Einzelfälle“ geben, meint AMS-Vorstand Herbert Böhm. Aber 60 Prozent aller SchulungsteilnehmerInnen hätten nach sechs Monaten wieder einen Job. Abgesehen davon, dass viele dieser Jobs erstens nicht dauerhaft, zweitens nur halbseidene freie Dienstverträge ohne soziale Absicherung, drittens ausbeuterische Verhältnisse fern jeder Kollektivvertragsregelung sind: Vielen Gestrandeten ist selbst dieser moderne Sklavenmarkt verschlossen. Das AMS weiß das –und bestraft dennoch Unvermittelbare, die Kurse schwänzen, welche aus ihrer Perspektive objektiv sinnlos sind. Dazu ein Erfahrungsbericht von Ernst Walter Stummer.
DICHTER INNENTEIL - Walter Stummer - 15.05.2007 mehr lesen »

Karl Kraus und die Eitelkeit

Die vorletzte Anstiftung zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 29

„Eitelkeit und Geltungssucht dieses Schriftstellers kannten keine Grenzen, sein Ehrgeiz wurde nur von seiner Selbstgerechtigkeit übertroffen.“

Marcel Reich-Ranicki


Karl Kraus und die Juden

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 27

„Einem Juden zu begegnen ist eine Wohltat, gesetzt, dass man unter Deutschen lebt. Die Gescheitheit der Juden hindert sie, auf unsere Weise närrisch zu werden, zum Beispiel ‚national’.“

Friedrich Nietzsche


Wien 20. Allerheiligenplatz

Wiener Ausfahrten Nr.69

Zwischen der Donaueschingenstraße und der Hellwagstraße auf der einen sowie der Engerthstraße und der Nordbahnstraße auf der anderen Seite liegt ein altes Wiener Stadtviertel, das in einem ausgedehnten Park seinen Mittelpunkt findet. Der alte Name des Bezirks – Zwischenbrücken – leitet sich davon ab, dass dieser Teil Wiens zwischen Donaubrücken und den Brücken über den Donaukanal lag, der ja einst ein Donauarm war und bis vor nicht allzu langer Zeit auch für die zivilisationsbringende Frachtschifffahrt genutzt wurde. Auf einer verwitterten Tafel an einem alten Bürgerhaus, das heute einen katholischen Jugendverein beherbergt, lebt der Name Zwischenbrücken fort.

Karl Kraus und der Nationalsozialismus II

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 25

„Menschen gehen aus und werden in einem verlöteten Sarg ihren Familien zurückgestellt.“
Karl Kraus, 1933

Karl Kraus und der Nationalsozialismus I

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 24

„Er wollte seine Ruhe haben, er wollte sein Leben weiter leben, er war feig schon vom Habitus her.“
Bruno Kreisky über Karl Kraus
„’Wann erscheint endlich –?’ ‚Warum erscheint nicht –?’ ‚Warum schweigt er, wo doch gerade jetzt –?’ ‚Er, der doch bekanntlich im Weltkrieg –’. Die einen geben die Hoffnung nicht auf; die andern stutzen und fangen an, ein ‚Mutproblem’ zu erörtern; die sich lange genug der danklosen Mühsal des Verehrertums (mitunter glühend) unterworfen haben, benützen die Chance der Frechheit: Wanzen, die richtig vermuten, dass wegen größerer Gefahr nicht Licht gemacht wird.
Karl Kraus


Die Nordsee und die neue Regierung

Wiener Ausfahrten

Anfang Februar 2007 saßen Groll und der Dozent in einer Nordsee-Filiale. Die beiden waren in das Studium von Zeitungen vertieft. Vor Groll lag ein Holzbrett, auf dem sich ein geöffnetes Schweizermesser und ein Stück Schinkenspeck von der Fleischerei Wild aus Gaweinstal im Weinviertel befanden. Hin und wieder schnitt er ein paar Stücke ab und schob dem Dozenten ein paar Scheibchen zu, die dieser mit einem wohlwollenden Nicken entgegennahm. Groll schätzte die Nordseefiliale wegen ihrer hellen Beleuchtung und der bequemen Beistelltischchen, die gut mit dem Rollstuhl unterfahrbar waren. Vom gastronomischen Angebot der Nordsee ließ Groll nur das Mineralwasser gelten, und das auch nur, wenn er die Flasche selber öffnen konnte. Das Essen konnte ihm gestohlen bleiben – abgestandenes Fett, ranzige Saucen, schlecht gewaschene und überteuerte Salate waren seine Sache nicht. Außerdem hatte Groll gelesen, dass der Nordsee-Eigentümer, ein deutscher Großbäcker, Pläne schmiedete, die Ankerbrot-Kette zu übernehmen. Groll betrachtete das als Anschlag auf seine Nahrungskette. Der Schinkenspeck aus dem Weinviertel war sein Protest gegen die Monopolisierung.

Karl Kraus, der Austrofaschist?

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 23

„Jetzt wissen wir aber auch, dass von der Natur Vernachlässigte wegen ihrer Missgestalt glühenden Hass auf alle Menschen werfen und, in ihrer Feigheit zu keinem anderen Verbrechen als der Heuchelei fähig, die Rolle eines ethischen Erziehers spielen.“
Felix Salten über Karl Kraus, 1934

Karl Kraus zwischen Fortschritt und Ursprung

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 22

Mein Widerspruch

Wo Leben sie der Lüge unterjochten,
war ich Revolutionär.
Wo gegen Natur sie auf Normen pochten,
war ich Revolutionär.
Mit lebendig Leidendem hab ich gelitten.

Wo Freiheit sie für die Phrase nutzten,
war ich Reaktionär.
Wo Kunst sie mit ihrem Können beschmutzten,
war ich Reaktionär.
Und bin bis zum Ursprung zurückgeschritten.

Karl Kraus

Wien-Floridsdorf.

Lob der Post!

Der Dozent saß in einem Café am Floridsdorfer Spitz und schrieb in sein Notizbuch. Hin und wieder hob er denBlick und starrte in den dichten Schneefall, der Straße und Gehsteig bedeckte. Nur wenige Passanten waren unterwegs, der scharfe Wind und die tiefenTemperaturen machten den Aufenthalt im Freien unerquicklich. Groß war daher die Überraschung des Dozenten, als er einen weiß angezuckerten Rollstuhlfahrer insLokal rollen sah. Umständlich schlüpfte der Mann aus der nassen Lederjacke.Dann wischte er Schneereste von Kappe und Hose und von den Speichen des Rollstuhls. Der Dozent sprang auf und eilte auf den Mann zu.

Karl Kraus zwischen alter und neuer Kunst

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 21

„Ich mag mich drehen und wenden, wie ich will, überall zeigt mir das Leben seine Verluste, da es entweder das Malerische dem Nützlichen oder das Nützliche dem Malerischen opfert.“
Karl Kraus
„Fürchte nicht, unmodern gescholten zu werden. Veränderungen der alten Bauweise sind nur dann erlaubt, wenn sie eine Verbesserung bedeuten, sonst aber bleibe beim Alten. Denn die Wahrheit, und sei sie hunderte von Jahren alt, hat mit uns mehr Zusammenhang als die Lüge, die neben uns schreitet.“
Adolf Loos

die rotweinmuse

trübpfützig blickt der tisch
aus telleraugen eins
und noch eins nimmt ihm
die serviererin ein blinder ist
er jetzt der wartet
dass neue gäste
nach ihm tasten
die satten fort die müden
noch nicht da
erst wenn der sonnenwinkel
sagt es ist halb sechs
und schon oktober drängt
spätsonnenstrahl
in meinem rücken
geh hinein
DICHTER INNENTEIL - Verena - 28.12.2006 mehr lesen »

Fünfundzwanzigster Zweiter Nulldrei

He, was läuft denn da, wenn jetzt schon Ärzte meine jahrzehntelange Nikotinabhängigkeit als harmlose Nebensächlichkeit abtun, mir sozusagen einen Freibrief ausstellen, munter weiterzupofeln, bis mir irgendein Krebs den Lebensfaden abzwickt? Da raten mir wohlmeinende FreundInnen, doch das schleichend gefährliche Laster aufzugeben, und dann kommt dieser eigentlich recht beeindruckende Professor vom Nikotininstitut daher, lässt mich in so einen Apparat hineinblasen und diagnostiziert dann, das reiche nicht fürs Rauchersanatorium Josefshof in Graz!

Karl Kraus und der Sozialismus II: Zu Unbotmäßigkeit und Adel verpflichtet …

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 20

„Sie sagen: Wer nicht arbeit’t, der soll auch nicht essen – und wissen gar nicht, wen Sie allen mit diesem Ausspruch zum Hungertod verurteilen.“
Johann Nepomuk Nestroy
„Die Demokratie teilt die Menschen in Arbeiter und Faulenzer. Für solche, die keine Zeit zur Arbeit haben, ist sie nicht eingerichtet.“
Karl Kraus

Die Länge der Nacht

Ist dir nicht bewusst, wenn du schläfst?
Ich habe schwere Schlafstörungen.
Aber ich finde meistens tiefe Entspannung
mit Yoga und autogenem Training.

DICHTER INNENTEIL - Melitta Stadlhofer, Natasha Towin - 15.12.2006 mehr lesen »

Kaffee

Man sagt mir: „Bitte, bitte geh
und schreib was über den Kaffee.“
Ich wink nur ab und sage: „Nein,
über Kaffee fällt mir nichts ein.“
Doch kaum zu Hause angekommen,
hab Kuli ich und Blatt genommen.
Und ohne langes Innehalten
ließ sich dann dieser Text gestalten:

DICHTER INNENTEIL - Marie Luise Angerer - 13.12.2006 mehr lesen »

Karl Kraus und Rosa Luxemburg

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus (und Rosa Luxemburg), Teil 19

„Ich bin unzufrieden mit der Art, wie man in der Partei meistens die Artikel schreibt. Es ist alles so konventionell, so hölzern, so schablonenhaft. Das Wort eines Börne klingt jetzt wie aus einer anderen Welt. Ich weiß – die Welt ist ja eine andere und andere Zeiten wollen andere Lieder haben. Aber eben ‚Lieder’, unser Geschreibsel ist ja meistens kein Lied, sondern ein farbloses und klangloses Gesurr, wie der Ton eines Maschinenrades. Ich glaube, die Ursache liegt darin, dass die Leute beim Schreiben meistenteils vergessen, in sich tiefer zu greifen und die ganze Wichtigkeit und Wahrheit des Geschriebenen zu empfinden. Ich glaube, dass man jedes Mal, jeden Tag bei jedem Artikel wieder die Sache durchleben, durchfühlen muss, dann würden sich auch frische, vom Herzen und zum Herzen gehende Worte für die alte, bekannte Sache finden.“
Rosa Luxemburg in einem Brief an Robert Seidel

Karl Kraus und der Sozialismus I: Die Sozialdemokraten

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 18

„Nur die Krawatte, die Krawatte mit den wimmelnden weißen Bohnen, die den Blick förmlich faszinieren! – So eine Krawatte ist ein Scheidungsgrund.“
Rosa Luxemburg über Karl Kautsky, um 1900

„Jede Annäherung an die Parteibande hinterlässt in mir ein derartiges Unbehagen, dass ich mir jedes Mal danach vornehme: drei Seemeilen weiter vom tiefsten Stand der Ebbe! (…) Nach jedem Zusammensein mit ihnen wittere ich so viel Schmutz, sehe so viel Charakterschwäche, Erbärmlichkeit etc., dass ich zurückeile in mein Mauseloch.“
Rosa Luxemburg, um 1900

Von den FürsprecherInnen zu den SelbstsprecherInnen

Linz, Ende Oktober 2006: Rund 70 Erwerbsarbeitslose, MitarbeiterInnen von Straßenzeitungen, psychisch Erkrankte, Menschen mit Behinderungen, Alleinerzieherinnen und MigrantInnen sind bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr drei Tage unter dem Motto "Sichtbar Werden" zusammen gekommen, um gemeinsam über Strategien gegen Armut zu beraten. Das von der Armutskonferenz koordinierte Projekt versteht sich als Beitrag zu einer umfassenden Strategie der Armutsbekämpfung unter Einbeziehung aller Akteure, wie sie beim europäischen Rat von Nizza von allen europäischen Staatschefs beschlossen wurde. Vom Augustin waren Michi und Traude in Linz. Im Folgenden Ihre jeweils persönlichen Eindrücke von einem der (noch?) raren Gelegenheiten, bei denen die Betroffenen und nicht – wie gewohnt - deren FürsprecherInnen den Ton angaben.

Das Regenwasser-Klo

Ganz Österreich leistet sich den Luxus, seine Fäkalien mit kostbarem Hochquellenwasser in den Kanal zu spülen. Das müsste nicht so sein, denn wenn sich jeder die Mühe machen würde, das Wasser aus dem Geschirrspüler, aus der Badewanne oder aus der Waschmaschine in einen großen Sammelspülkasten zu leiten, um es für das Klo zu verwenden, dann könnte man sehr viel Trinkwasser einsparen. Das Kloprojekt von Kamilla Blitzstein (sie ist 10 Jahre alt und meine Tochter) beschäftigt sich mit einer Regenwasserklospülung.
DICHTER INNENTEIL - Kamilla Blitzstein, Anton Blitzstein - 07.11.2006 mehr lesen »

Was hat Pimmel von der Psychiatrie?

Der Bettler Paolo Pimmel sitzt nach den ersten fünf Strafjahren Schwarz-Blau auf der Mariahilfer Straße mit seinem Hund Sally im Schaufenster der Bawag, streckt zur Tarnung seinen Hut vor und zieht Bilanz: das Sparpaket schnürt und würgt am Hals, die vorüberhastenden Passanten, die immer schon dumm waren, werden dümmer, und solche, die früher noch Anteil genommen haben, gleichgültiger.

DICHTER INNENTEIL - Markus Häm - 04.11.2006 mehr lesen »

Ohne Titel

mit 30
jo so kähnst bleibn
mit 40
detto
mit 50
oba jo
so soits bleibn
mit 60
nau?
wiari 70 ano?
DICHTER INNENTEIL - Fritz Babe - 03.11.2006 mehr lesen »

Kraus, Heine und die Folgen

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 17

„Was will die einsame Träne? Was will ein Humor, der unter Tränen lächelt, weil weder Kraft zum Weinen da ist noch zum Lachen?“
Karl Kraus
„Wahrheit im Fühlen und Denken hilft einem sehr viel in der Prosa, dem Lügner wird der gute Stil sehr erschwert.“
Heinrich Heine

DER GEDANKE

Wie die Welt,
wenn sie
plötzlich erwacht,

wie die Blume,
wenn sie
sich zur Sonne umdreht.
DICHTER INNENTEIL - Dusica Dajcar - 25.10.2006 mehr lesen »

Klein, sparsam, irritierend, provokant

Im Laufe der Zeit ist, fast ein wenig verwunderlich, auch der Raucher wieder etwas älter geworden. Mit dem Ergebnis, auch wieder neue Erfahrungen im Verkehr gemacht zu haben.
Einige konnte er bereits publizieren. Wie er früher einmal mit und auch ohne Lenkerberechtigung unterwegs war, zum Beispiel. Oder auch was ein Roller-Scooter auf dem Gehsteig bedeutet. Eine gänzlich neue Erfahrung war vor einem Jahr dazugekommen - das Bewegen eines führerscheinfreien vierrädrigen Vehikels, auch genannt Mopedauto.

Über die Probleme eines Drogenkonsumenten beim Ausstieg aus der Szene

Verletzt und verschmäht

Abgrundtiefe und schon Existenz bedrohende Ängste suchen mich in letzter Zeit heim. Furcht, die die fachmännische Bezeichnung „Phobie“ schon längst verdient und auf der Skala der Grausamkeit eigentlich schon eine Stufe höher anzusiedeln ist und sich lebensbedrohlich in dem Sinn darstellt, dass man nicht mehr von oben auf sie herabblickt und feststellt, dass sie einen an einem aktiven Leben hindert und Liebe zu Menschen zerstört, sondern dass man schon, besser gesagt, dass ich schon in einem Strudel von Assoziationen und Befürchtungen festsitze und im Kreis gedreht werde, metaphorisch und beinahe schon wirklich.


DICHTER INNENTEIL - Peter Kirchberger - 16.10.2006 mehr lesen »

Kalt erwischt. Eine Berlinerin in Wien

Als ich an einem knackig kalten Februartag in meiner Wunschstadt Wien nach durchfahrener Nacht am Westbahnhof todmüde ankam, durchströmte mich dennoch ein Glücksgefühl, obwohl mich mein voll gepackter Trolley mit jedem Schritt fast zu Boden riss in meinen vor Kälte abgestorbenen Fingern auf der Suche nach einem Zimmer.
DICHTER INNENTEIL - Helga Mareis - 14.10.2006 mehr lesen »

Kraus und Nestroy II

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus (und Johann Nestroy), Teil 16

„Ich habe allen Respekt vor Herrn Nestroy, wenn er auch gar keinen vor mir hat …“
Ferdinand Raimund
„An dem Tag, als ich arm und Sie reich geboren wurden, wurde ich Ihr Feind.“
Johann Nestroy
„Er hat die Katzbalgereien der Geschlechter mit Erkenntnissen und Gebärden begleitet, welche die Güterverwalter des Lebens ihm als Zoten anstreichen mussten, und er hat im sozialen Punkt nie Farbe bekannt, immer nur Persönlichkeit.“
Karl Kraus

Als Aktionär bei Do&Co. Oder: Das grosse Fressen

Wieder erhielt ich eine Aktie geschenkt, um an einer Aktionärsversammlung teilnehmen und darüber berichten zu können: Do&Co, das exklusive Fresseldorado, das vor einigen Jahren unter seinem Chef Attila Dogudan mit Hilfe der Raiffeisenkassa an die Börse ging, und nun als eines der erfolgreichsten Unternehmer der heimischen Wirtschaft gilt.

Kraus und Nestroy I

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus (und Johann Nestroy), Teil 15

„Was hat die Nachwelt für uns getan? Nichts! Das Nämliche tue ich für die Nachwelt.“
J. N. Nestroy
„Wenn Kunst nicht das ist, was sie glauben und erlauben, sondern die Wegweite ist zwischen einem Geschauten und einem Gedachten, von einem Rinnsal zur Milchstraße die kürzeste Verbindung, so hat es nie unter deutschem Himmel einen Läufer gegeben wie Nestroy.“
Karl Kraus

Karl Kraus, Wien und Umgebung

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 14

„In den Kehrichthaufen vor der Stadt zu lesen und suchen, was den Städten fehlt, wie der Arzt aus dem Stuhlgang und Urin.“
Georg Christoph Lichtenberg
„Kraus is known to be one of the greatest masters of the German language. His style is of such beauty that it can be hardly equalled by any of the present-day writers in the German tongue. This should be another reason for the American reading public to acquaint itself with his works.”
Chicago Daily News, 1929

Tuchlauben

Wiener Ausfahrten


Texte für Adrian

Lieber Adrian !

Es ist gut, dass du mir gezeigt hast, dass du beim Einschlafen gar keinen Abstand willst zwischen unseren Polstern: da können wir uns vorstellen, dass auch wirklich kein Abstand zwischen uns ist so, als wärst du in mich hineingekrochen und zugleich ich in dich derart, dass wir beide ein einziger geworden sind:
SOHN PAPA und PAPA SOHN
oder besser noch ohne und:
SOHN PAPA PAPA SOHN
oder
PAPA SOHN SOHN PAPA,
was ja, wie du siehst, beinhaltet, dass wir auch wieder auseinander hervor kriechen können, uns wiederum auseinander setzen können, damit jeder für sich auch das tun kann, was er alleine ganz besonders gut kann und ganz besonders gerne tut:
Du: stehen wir auf?
Ich: ja, das können wir.

Texte für Adrian 23. 10. 2005

DICHTER INNENTEIL - Ernst Kostal - 14.09.2006 mehr lesen »

Der Wunsch nach Beichte wird jedem Häftling erfüllt. Doch der nach einem Tanzkurs...

KultursorgerInnen und Seelenskulpteure

Plädoyer für eine Gleichberechtigung von Göttern und Musen, zumindest was ihre Funktion als Kas (Kaiserlicher Arrestschließer) betrifft. Tina Leisch, Textarbeiterin und Regisseurin – zuletzt realisierte sie ein Theaterprojekt mit Insassen der Jugendstrafanstalt Gerasdorf – sammelt Argumente für kulturelle Arbeit in den Gefängnissen.

... und Anna lächelte

Was ich heute hier schreibe, hätte ich nicht gewagt, zu erfinden. Es hat sich wirklich so zugetragen. Nur manchmal ist das, was ich in dieser Geschichte ausgelassen habe, schlimmer als das, was ich geschrieben habe.
Ob Anna und ich eine glückliche Ehe geführt haben? Lassen Sie mich das so ausdrücken: Nach zwölf Jahren Ehe ist vieles nur noch Alltag mit einem Spritzer Monotonie.

Da draussen wartet niemand auf so einen wie mich

Ich bin ein 59jähriger Exhäftling, der im Februar bedingt entlassen wurde. Meine Strafe hätte noch 18 Monate gedauert, insgesamt waren es fünf Jahre. Ich habe dabei zwei Weisungen bekommen, die ich einhalten muss. Die eine lautet, dass ich bei der Heilsarmee wohnen soll, da ich mir sonst keine andere Wohnmöglichkeit besorgen konnte. Aus finanziellen Gründen. Die andere: ich muss eine Alkoholtherapie während der drei Bewährungsjahre absolvieren.

Plädoyer für den Aphorismus

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 13

„Es gibt Schriftsteller, die schon in zwanzig Seiten ausdrücken können, wozu ich manchmal sogar zwei Zeilen brauche.“
Karl Kraus
„Die großen Aphoristiker lesen sich so, als ob sie einander gut gekannt hätten.“
Elias Canetti
„… aber ich blieb dabei, Aphorismen zu sagen, wo ich Zustände enthüllen sollte.“
Karl Kraus

Schrei um Würde aus Garsten

Als Strafgefangener sind meine Möglichkeiten, Kontakte mit rechtschaffenen Menschen zu knüpfen, fast unmöglich. Zumal ich 20 Jahre Freiheitsstrafe (unter Umständen danach SV) zu verbüßen habe. Die Freiheitsstrafe endet mit 15. Jänner 2018. Nun wirft sich für mich nach acht Jahren Haft die Frage auf, wie ich mich nach der Strafe unter jenen Menschen integrieren soll, die mich naturgemäß kategorisch ablehnen!
DICHTER INNENTEIL - Erich Knäb - 10.08.2006 mehr lesen »

Hilfe, ich werde bedauert

Oft sind bürokratische Hürdenläufe auf Ämter vorprogrammiert. Um eine bestimmte Information vom Amt zu erlangen, wähle ich hoffnungsfroh eine Nummer und erreiche die Vermittlung. Kurz schildere ich meine gegenwärtige Situation - also dass ich im Rollstuhl sitze etc. - und erwarte nun, an die richtige Nebenstelle weiter verbunden zu werden. Doch ich habe die Rechnung ohne das Telefonfräulein gemacht. Als ich nämlich erwähne, dass ich eine Rollstuhlfahrerin bin und daher diese bestimmte Auskunft für mich sehr wichtig sei, erwecke ich plötzlich ein immenses Mitgefühl. Anstatt mich einfach weiter zu verbinden, werde ich von ihr ob meiner Situation mit Anteilnahme überhäuft. Sie fragt mich, wie ich denn damit fertig werde. Sie hätte nämlich dasselbe Geburtsdatum wie ich und sei sehr betroffen von meinem schweren Schicksal.
DICHTER INNENTEIL - Paula Engel - 09.08.2006 mehr lesen »

Karl Kraus und die Justiz

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 12

„… eine Gemeinschaft wird unendlich mehr durch das gewohnheitsmäßige Verhängen von Strafen verroht, als durch das gelegentliche Vorkommen von Verbrechen.“
Oscar Wilde
„Das Gesamtwerk von Kraus hat den Charakter eines gigantischen Protokolls von einer endlosen Gerichtsverhandlung angenommen, in der die ganze zeitgenössische Welt unentwegt unter Anklage stand.“
Ernst Krenek

Meine Cousine

Milanka. Hinter Nina und Sara stand sie leicht gebückt, eine Zigarette hielt sie in der Hand. Lange Aschenspur. Pagenkopf blondiert. Das Gesicht kantig dunkel, ein gelblicher Teint, Augenbrauen dünn gezupft, spitzes Kinn, Wangen eingefallen, leichter Damen-Schnurrbart. Ringe unter den Augen.

Über unser aller Demenz

„Wenn ein Mensch etwas für ein paar Euro stiehlt, dann passiert es sofort, dass ihn die Polizei jagt, und die Zeitungen und das Fernsehen berichten davon. Er wird sofort bestraft, es folgen Gefängnis, Familientragödien; Alkoholprobleme und Obdachlosigkeit sind dann in diesem Fall auch nicht selten. Wenn aber mächtige Funktionäre Millionen veruntreuen, wird das mit Handschuh behandelt, damit gottbewahre sich diese Sauhunde mit der Wahrheit nicht belästigt werden, “ schimpft Rudi, weil dieses Thema momentan die breite Masse beschäftigt und unser Stammtisch zugegeben Teil der breiten Masse ist.

Kraus und der Krieg

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 11

„Der Ursprung allen Krieges ist Diebsgelüst.“
Arthur Schopenhauer
„Die Hetze gegen das verbündete Deutsche Reich,(…) insbesondere aber die verächtliche und höhnische Kritik des Gaskampfmittelgebrauchs zu einem Zeitpunkt, da die erfolgreiche Offensive an der Westfront im Gange war – Karl Kraus sprach von einer ‚chlorreichen Offensive’ – all diese defaitistischen Auslassungen fanden jubelnden Beifall, ohne dass die anwesenden Militärpersonen dazu entsprechend Stellung genommen, d. h. den Saal verlassen hätten.“
Bericht der „Feindespropaganda-Abwehrstellung“ an das k. u. k. Kriegsministerium, 1918

Ein Justizskandal und seine Verdoppelung

Aus der Niederschrift des Gefangenen Franz Schmidt (5)

Franz Schmidt ist ein „Lebenslanger“ in Stein. Seine Lebensgeschichte sollte Pflichtlektüre im Erziehungs- und Justizbereich werden. Die ganze Kausalkette der „Härte statt Sinnhaftigkeit“-Mentalität, die ausschließlich zu Verlierern auf allen Seiten führt, wird an seiner Biografie sichtbar.

Sex auf dem Diwan statt auf ethischer Grundlage –

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 10

„Der Mann hat keinen persönlicheren Anteil an der Lust, als der Anlass an der Kunst. Und wie jeder Anlass überschätzt er sich und bezieht es auf sich. Der einzelne Lump sagt auch, ich hätte über ihn geschrieben, und hält seinen Anteil für wichtiger als den meinen. Nun könnte er auch noch verlangen, dass ich ihm treu bleibe. Aber die Wollust meint alle und gehört keinem.“
Karl Kraus

Das Streikrecht des Esels

Engelbert ist zu umtriebig, als dass er es – wie andere AugustinverkäuferInnen – zum Faktotum der Wiener Clochardszene gebracht hätte. Immer zieht es den gebürtigen Traisentaler in mediterrane Zonen. Fast immer bestImmte das Tempo des begleitenden Esels die Vagantengeschwindigkeit. Die Tour nach Santiago de Compostella liegt zwölf Jahre zurück, aber sie zählt zu den unvergesslichten Erlebnissen Engelberts. Der Augustin veröffentlicht in chaotischer Reihe Teile seiner Reisenotizen.
DICHTER INNENTEIL - Engelbert - 18.05.2006 mehr lesen »

Karl Kraus und die Frauen II

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 9

„Der Hass gegen die Frau ist immer nur noch nicht überwundener Hass gegen die eigene Sexualität.“

Otto Weininger


Karl Kraus und die Frauen I

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 8

„Und besser noch Ehe brechen als Ehe biegen,
Ehe lügen. So sprach mir ein Weib:        
Wohl brach ich die Ehe, aber zuerst brach die Ehe mich.“

Friedrich Nietzsche
„Was weiß die Welt, wie Weiber sich erwärmen!
Mit seinem Maß nur mag der Mann sie messen,
was drüber ist, verachten und vergessen,
und was darunter, minniglich umschwärmen."

Karl Kraus


Kraus und die Psychowissenschaften

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 7

„Ich war sehr stolz auf die Stelle, die Sie mir gewidmet haben, und dann wieder verärgert darüber, dass Sie eine Verbeugung vor Karl Kraus machen können, der auf der Skala meiner Hochachtung eine unterste Stelle einnimmt.“

Sigmund Freud in einem Brief an Arnold Zweig

„Wahnverpflichtet durchs Leben wanken – das könnte immer noch ein aufrichtigerer Gang sein als der eines Wissenden, der sich an den Abgründen entlang tastet.“

Karl Kraus


Leidenschaft

Ich liebe dich
egal, ob du schwarz, weiß, gelb, blau oder rot bist.
Ich liebe dich
egal, ob du Muslimin, Christin, Jüdin … oder Atheistin bist.

DICHTER INNENTEIL - Alpha - 17.04.2006 mehr lesen »

Sehnsüchtig warten

Die Stimme, die du hörst, ist meine.
Es sind meine streichelnden Hände,
die du durch meinen Bauch spürst.
Mein Kind, die Winternächte ohne dich sind nackt, lang und kalt.


Schau dass du heimkommst

Aus der Niederschrift des Gefangenen Franz Schmidt (4)

Zur Erinnerung: Franz Mayr durchlebt eine Kindheit im ländlichen Elend der Dreißiger Jahre. Aus existentieller Not seiner Mutter wird er zum Gemeindekind, später zum Adoptivkind in einer Umgebung die ihn vom frühesten Kindesalter an anfeindet. Aus Hunger und Angst wird er zum Wursträuber, aus Loyalität zum ersten platonischen Schwarm und aus Unachtsamkeit zum Brandstifter. Der zum Tatzeitpunkt noch nicht 14-jährige wird dafür zu 8 Jahren Haft verurteilt – wegen „Vernichtung deutschen Eigentums“, denn wo früher Österreich war, ist jetzt Hitler-Deutschland.

Was ich will, ist, dass die Presse aufhöre zu sein – Kraus und der Journalismus

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 4

„Du brauchst nicht mehr zu wissen noch zu denken,
Ein Tagblatt denkt für dich nach deiner Wahl.
Die Weisheit statt zu kaufen steht zu schenken,
Zu kaufen brauchst du nichts als das Journal.“

Franz Grillparzer (aus „Dem internationalen Preßkongreß“)



Hab nix, bin aber jemand

„Schwarzfahren. Hast nix. Gratis.“ Das waren kürzlich die Themen eines Treffens der Augustin-Schreibwerkstatt.
Hast nix, kannst nix, bist nix. Oft gehörter Schwachsinn. So müsste auch der Umkehrschluss stimmen: Hast du was, bist du was! Noch öfter gehörter, noch größerer Schwachsinn.

DICHTER INNENTEIL - Christa P. - 03.03.2006 mehr lesen »

Die Scheune des Teufels

Aus der Niederschrift des Gefangenen Franz Schmidt (3)

Zur Erinnerung: Franz Schmidt verbüßt eine lebenslange Haftstrafe in Stein. Er hat dort seine Memoiren geschrieben, um der Nachwelt die volle Wahrheit über Schuld und Unschuld seines Handelns zu hinterlassen. Es ist ein Vermächtnis an seine Familie, die seit all den Jahrzehnten seiner Inhaftierung zu ihm hält.

Die wahre Amour fou – Kraus und die Sprache I

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 2

„Ein Geisteskranker, den man nach dem Grunde seines jahrelangen Schweigens fragte, behauptete: ‚Weil ich die deutsche Sprache schonen wollte.’“

C.G. Jung, aus „Der Inhalt der Psychose“ (1908)



Du bist ab heute nicht mehr der Mayr...

Aus der Niederschrift des Gefangenen Franz Schmidt (2)

„Es sind meine 21. Weihnachten, die ich unverschuldet im Gefängnis und ohne Familie verbringen muss. Diese Tage sind die furchtbarsten im ganzen Jahr, denn Weihnachten ist das Fest der Familie“.
Dieser Satz des Franz Schmidt erreichte uns am 11. Dezember 2005. Er hat uns gebeten, den Satz dem nächsten Auszug aus seinen Memoiren voranzustellen.
Zur Erinnerung an den Beginn dieser Serie: Der Autor wird 1931 als einjähriges Kind dem Bürgermeister einer fünf Bauernhöfe zählenden Gemeinde auf den Tisch gelegt. Seine Mutter, die wegen ihres „Fehltritts“ die Arbeit verloren hat, kann ihn nicht mehr ernähren. „Nimm das Kind wieder mit ich werde mit meinen Amtskollegen reden und wir werden für das Würmerl einen Platz finden.“
Franz Schmidt erzählt die Jahre „ohne größeres Aufsehen“ und deren Ende. Gegen den Widerstand aller fünf Bauern wird dem Ort Röth ein Gemeindekind aufgebürdet. Die Jahre 1931 und 1932 verbringt das „Würmerl“ jeweils zwei Monate auf einem der Höfe bei unterschiedlicher Pflege und Akzeptanz.

Park-Platzvergabe

Nein, auf diese Art konnte und durfte es einfach nicht mehr weitergehen. Auch wenn es ab und zu so angenehm war, mit den zaghaften, immer kräftiger werdenden Sonnenstrahlen, mit der allgegenwärtigen Farbe Grün, die mehr und mehr Beruhigung ausstrahlte, schattenspendend zur heißen Mittagszeit und abschirmend gegen Wind und Straßenlärm. Selbst bei aufkommendem Regen war immer noch einige Zeit ein gewisser Schutz garantiert. Zeitweise also ein echtes Erlebnis, Balsam für Gemüt und Seele.
Doch zu manchen Stunden war wirklich jeder Platz besetzt. Bewegen war dann schwer, umfallen fast unmöglich. Von Erholung ganz zu schweigen. Und wie es nach solch einer Invasion aussah, war eben die logische Konsequenz daraus. Jeder verlor seinen Mist ganz einfach dort, wo er gerade stand. Was anderes war ja auch gar nicht möglich. Und dann verschwanden sie, allesamt - aber eben nicht spurlos.

Hass muss produktiv machen?

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus – Teil 1

„Da ich zu keiner Partei gehöre, beleidige ich alle Parteien.“
(Lord Byron)

„Weil unser öffentlicher und mündlicher Strafproceß die Popularklage nicht kennt, habe ich ja zum Zwecke der öffentlichen, schriftlichen Popularklage die ‚Fackel’ gegründet.“
(Karl Kraus)

2024 wird sich Karl Kraus’ Geburtstag zum hundertfünfzigsten, 2036 sein Todestag zum hundertsten Mal jähren. Ich will nicht so lange warten –und erwähle mir 2006 zum Kraus-Jahr.

Sie können ja den Freitod wählen

Aus der Niederschrift des Gefangenen Franz Schmidt (1)

Wenn die Justiz ein schlechtes Gewissen bekommt, empfiehlt sie ihrem Opfer den Selbstmord. So jedenfalls liest es sich in den Memoiren des Franz Schmid. Es ist aber nicht die einzige Unglaublichkeit in seiner Leidensgeschichte.

Beethoven im Strafgefangenlager

24. Ausfahrt

Groll stand stirnrunzelnd vor dem restaurierten Konzerthaus und notierte die Aufschrift „"Ehret Eure deutschen Meister“". Der Dozent gesellte sich zu ihm.

3. Brief aus der - nun bereits ein Jahr dauernden - U-Haft

Ich habe einen Traum

Emmanuel Chukwujekwu, Asylbewerber aus Nigeria, weiß nicht, wie er das Stigma "ranghoher Drogenhändler" wieder los wird. Der österreichische Polizei- und Justizapparat tut alles, um sein Misstrauen zu fördern. Das Sicherheitsbüro wirft ihm beispielsweise vor, sich "an vorderster Front" an einer Demo gegen Rassismus beteiligt zu haben. Was für eine Anklage. "Die Demonstration diente der Tätergruppe lediglich zu dem Zweck ... als Dealer leichter ihren Geschäften nachgehen zu können", so verfälscht das Sicherheitsbüro das Anliegen der Kundgebung (SB-Akt 26aVr 11372/98). In seinem dritten Brief aus der Untersuchungshaft an den AUGUSTIN geht Emmanuel Chukwujekwu auf diese Demonstration und auf seine Haftbedingungen ein.
DICHTER INNENTEIL - Emmanuel Chukwujekwu - 14.06.2000 mehr lesen »

Die Kunst des Krawattenbindens

Ein verwoardaggelter Knoten

Da waren einmal die unschuldigen Mascherln. Eigentlich sind es ja verkürzte, lustige Krawatten. Symbole der Kellner, Barpianisten, bürgerlichen Bohemiens, Ballbesucher, Heiratswilligen und anderer sich lustig dünkender Gesellen.

Jesus Christus am Mexikoplatz

Als ich geboren wurde, wusste ich noch nicht, dass ich bin. Aber kaum, dass ich ein bissl laufen konnte, lernte ich, dass ich in einer Welt geboren war, die ich nicht ganz begreifen konnte.

Rollstuhlfahrer Groll deckt Porno-Mafia auf

Ein stetiger Strom von Brüsten

Die Rebellion des Lesenden gegenüber dem Buchautor besteht darin, daß er, der Lesende, das Buch liest wie er will. Egal, wie der Autor sein Buch angelegt hat, er hat auf die Lesart keinen Einfluß. Die Freiheit der Lektüre ist grenzenlos. Sie kann sich auf die Geschichte, die das Buch erzählt, konzentrieren, oder auf den Bau der Sätze (es soll auch Spezialisten des Einstiegs geben: Leserinnen und Leser, die sich hauptsächlich dafür interessieren, wie ein Autor sein Buch anfangen läßt). Die Freiheit des Schreibens plus die Freiheit der Lektüre: erst das zusammen ergibt die Kunst des Buches. Kafkas Die Verwandlung wird erst mit den 1001 Arten, Die Verwandlung zu interpretieren, Die Verwandlung.

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