Das Lachen der Putzfrauen

Veronika Franz und Ulrich Seidl im Familienverband

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Nach dem Erfolg von Import Export bat der Augustin die beiden Hauptverantwortlichen Veronika Franz und Ulrich Seidl zu einem Gespräch über Menschenverachtung und Sozialpornografie, Demütigungen und Machtverhältnisse in der Sexualität sowie über die Liebe zum Osten.


Karl Weidinger / 05.12.2007
Dass ich das noch erleben durfte: Nitsch und Deix genießen in Niederösterreich kultische Verehrung, jeder hat ein Museum. Und nun wird auch Ulrich Seidl sogar in Österreich geliebt, geherzt und anerkannt. Medien, die früher von Menschenverachtung und Sozialpornografie berichteten, sehen jetzt in Ulrich Seidl einen Humanisten und Menschenfreund?

Ulrich Seidl: Ja, ich wundere mich selber. Natürlich freut es mich, dass die Kritik hymnisch und überwiegend sehr groß ist. Aber ich bin auch froh, dass es auch Kritik gibt, die den Film zerreißt. Aber der Vergleich stimmt überhaupt nicht, weil der Nitsch wird allgemein von der Politik geliebt und überall eingesetzt, und da sind wir beim Film noch lange nicht dort. Bis dato hat sich kein einziger Politiker Import Export angeschaut

Veronika Franz: Ein Einziger, natürlich!

Ulrich Seidl: Ah, der Herr Stadtrat, der Kulturstadtrat.

Veronika Franz: Dr. Mailath-Pokorny, der sogar einen Brief geschrieben hat, einen persönlichen, wo wir sehr erstaunt waren und uns sehr gefreut haben, weil er ausführlich seine Meinung gesagt und den Film reflektiert hat.

Frau Franz, Sie waren früher als Journalistin sehr bekannt und arbeiten seit Hundstage in der Filmfirma ihres Mannes mit. Sie haben nicht nur das exzellente Drehbuch mitverfasst, sondern auch gemeinsam mit Eva Roth das Casting gemacht.

Veronika Franz: Ich muss Sie korrigieren: Ich arbeite nicht erst seit Hundstage in der Filmfirma, sondern mein Mann und ich haben gemeinsam diese Firma gegründet, nachdem ich schon bei früheren Dokumentarfilmen Regieassistenz und Casting gemacht habe. Die Zusammenarbeit hat sich entwickelt. Bei einem Spielfilm braucht man ein Drehbuch, das schreiben wir miteinander, schicken es uns gegenseitig zu und korrigieren. Meistens streicht der Ulrich das dann wieder raus, was ich hineingeschrieben habe (lacht)

Und beim Dreh wird dann sowieso alles wieder über den Haufen geschmissen, obwohl ich so vermessen bin zu glauben, dass bei Ulrich-Seidl-Filmen das Casting wesentlich wichtiger ist als die Finesse eines Drehbuchs ...

Ulrich Seidl: Wichtiger kann man net sagen. Es sind beide Dinge wichtig, weil wenn man kein Drehbuch oder ein falsches Drehbuch, dafür aber ein gutes Casting hat, kommt deswegen auch kein guter Film heraus. Grundvoraussetzung ist, dass man ein gutes Drehbuch hat und nach diesem wird auch besetzt. Aber es ist wichtig, dass die Besetzung richtig ist, weil man sonst scheitert. Und nachdem zumindest in den letzten beiden Filmen unser Plan war, sowohl mit Schauspielern als auch mit nichtprofessionellen Schauspielern zu arbeiten, heißt das, dass man immer sehr viel Zeit verwendet, sie zu finden.

Veronika Franz: Aber es ist natürlich auch so, dass du das Drehbuch immer wieder über den Haufen wirfst, wenn sich die Geschichte beim Drehen anders entwickelt oder wenn die Menschen, die die Charaktere spielen, anders gestrickt sind, als wir das ursprünglich gedacht haben.

Ulrich Seidl: Ein gutes Beispiel ist der Michael Thomas, der den Stiefvater von Pauli spielt, seine Rolle war ursprünglich nicht beschrieben. Es hat nur einen Bruder vom Pauli gegeben. Und eines Tages ist der Michael Thomas vor der Casting-Kamera gesessen. Er hat mir so gut gefallen, dass ich beschlossen habe, er muss eine Rolle bekommen. Daraus hat sich die Idee ergeben, dass es einen Stiefvater für den Pauli geben wird. Das zeigt sehr gut, dass Arbeitsprozesse stattfinden können, die sich mitunter vom Drehbuch entfernen.

In Ihren Kolumnen haben Sie oft und gerne Ihr kurioses Familienleben mit zwei verhaltensoriginellen Söhnen und einem semi-autistischen Mann beleuchtet. Hat sich da schon was geändert und wie reagieren Sie, wenn Ihr älterer Sohn sich für den Beruf seiner Eltern interessiert?

Veronika Franz: Es schaut einstweilen nicht danach aus. Vorgestern hat mir mein Sohn einen Aufsatz gezeigt, da steht drinnen: Ich will Forscher werden. Das finde ich sehr gut. Was auch immer er werden will, er wird meine Unterstützung haben. Hauptsache, er wird glücklich und er kann realisieren, was er machen will. Es hat sich nicht sehr viel verändert, ich schreib nur nicht mehr drüber oder ich schreibs manchmal heimlich auf für mich und das bewahr ich dann auf. Vielleicht bekommen es meine Söhne zum 18. Geburtstag

Oder ist das heute schon so: Dass die Kinder von der Schule heimkommen und sagen: Uh cool, mein Papa macht Pornografie!

Veronika Franz: Unsere Söhne sind 4 und 10 Jahre alt, die wissen noch nicht, was Pornografie ist

Ulrich Seidl (schnippisch): Außerdem stimmt das gar nicht! Ich mache nicht Pornografie, ich zeige pornografische Szenen als Inhalt eines Spielfilms. Und das ist ja kein Pornofilm, sondern er demaskiert gewisse Verhaltensweisen, das ist ein großer Unterschied, bitte!

Na ja: Ich habe übertrieben, wozu ja auch Kinder neigen.

Veronika Franz: Kinder würden sagen: Sexszenen oder Nacktszenen. Und ich würde ihnen dazu sagen, dass das ein kleiner Teil im Film ist und dass es auch in der Wirklichkeit vorkommt und dass es daran was zu kritisieren gilt.

Ulrich Seidl: Außerdem, der Samuel (Sohn, Anmerkung) interessiert sich sehr für Bilder und für Film natürlich. Und er weiß, dass diese Filme Jugendverbot sind, sonst würde er diese Filme auch sehen können.

Veronika Franz: Im Schnitt durfte er ein paar Sequenzen anschauen, in denen sich die Hauptfigur Geld ausborgt und dann rauft da haben wir viel mehr gedreht, als jetzt im Film übrig ist , und dann ist er nach Hause gekommen und hat gesagt: So cool! Das ist der beste Film, den der Papa je gemacht hat, da ist ordentlich Action drin!

George Orwell meinte dereinst: Das Leben bestehe zu 75 Prozent aus Demütigung. Bei Ihren Filmen, glaube ich, sind es schon weit über 90 Prozent. Gibt es keine Hoffnung, nie Gerechtigkeit?

Ulrich Seidl: Also, Hoffnung gibt es immer wieder. Ich glaube, wenn ich nicht Hoffnung hätte, würde ich diese Filme nicht machen. Ich glaube sehr wohl, dass diese Filme zeigen, dass es vielfach zu Demütigungen kommt oder dass Sexualität auch immer mit Machtverhältnissen zu tun hat. Und dass es in menschlichen Beziehungen vielerlei Gewalt gibt. Meine Filme spiegeln eine gesellschaftliche Realität wider am Beispiel von Menschen und deren Lebensumständen, dem sollte man sich auch stellen! Aber es hat nix zu tun mit der Idee der Hoffnungslosigkeit. Und ich glaube auch, dass meine Protagonisten Suchende sind, die versuchen, ihr Leben zu verbessern und zu ändern. Solange man sucht, gibt es auch Hoffnung.

Hundstage habe ich 3 x gesehen, er ist einer meiner Lieblingsfilme. Bei Import Export glaube ich nicht, dass ich ihn mir ein zweites Mal anschauen möchte und könnte. Bei Hundstage gabs noch Hoffnung; das Umfeld war intakt, nur die Menschen agierten frei nach Sartre: Die Hölle, das sind die anderen! Diesmal in Import Export habe ich mir eher gedacht, dass das Umfeld es verunmöglicht, ein besserer Mensch zu werden, dass man auch etwas Mitgefühl entwickeln könnte.

Ulrich Seidl: Ja, aber ich glaube, wir sind alle dazu da, um das Umfeld auch wieder zu ändern. Import Export zeigt gesellschaftliche Umstände und Schwierigkeiten, die junge Menschen ohne Arbeit haben sowohl im Osten wie auch im Westen, da gibt es nicht mehr so viele Unterschiede. Und davon handelt der Film: dass es immer mehr gesellschaftliche Grenzen gibt. Und immer mehr Menschen, die offensichtlich ausgegrenzt sind vom allgemeinen Wohlstand. Es geht uns darum, Zuschauern bewusst zu machen, dass Dinge sich auch verändern können.

Veronika Franz: Für mich ist es genau der umgekehrte Fall: In Hundstage sieht man Menschen, die in einem Ist-Zustand sind. Die entwickeln sich nicht, in einer Welt, die abgeschlossen ist. In Import Export sind zwei Menschen, die um was kämpfen und sich verändern. Die werden zwar gedemütigt wie es so ist: Man wird gedemütigt im Leben , aber sie lernen auch was draus. Die Olga rauft ja auch darum, muss sich verteidigen gegen einen Angriff.

Ulrich Seidl: Und sie erringt einen Sieg.

Veronika Franz: Eine Frau, die gedemütigt wird in einer Gesellschaft, aber die Angreiferin körperlich besiegt das muss man ja auch als Symbol lesen und entschlüsseln können. Und am Ende: Die Putzfrauen und Pflegerinnen lachen gemeinsam. Da werden vielleicht auch ein bisschen die Österreicher ausgelacht.

Ulrich Seidl: Und die andere Geschichte: Beim Paul ist es ja ähnlich. Der emanzipiert sich und hat einen Schritt weiter gemacht auch das ist Hoffnung!

Ich als einfacher Rezipient habe das anders gesehen: Dadurch, dass beide raufen, haben sie schon verloren, können dadurch nix mehr gewinnen. Zwei Loser, die sich einen Stellvertreterkrieg liefern, weil sie nicht mehr die Kraft haben gegen das System anzukämpfen. Und bei der Szene zum Schluss habe ich darauf gewartet, dass die Kamera aufzieht, damit man schön den Schlussroller darüber legen kann wie bei jedem Ö-Film.

Ulrich Seidl: Na, da sehen Sie: ein tolles positives Erlebnis für Sie, weil es nicht so gekommen ist.

Meine erste Frage wäre eigentlich gewesen: Herr Ulrich Seidl, wenn ich einen österreichischen Film sehe, habe ich 3 Tage Masturbationsblockade. Nach dem Konsum Ihrer Werke ist das glücklicherweise anders

Ulrich Seidl: Bei mir wird sie gefördert, die Masturbation!? (lacht)

Sie haben in einem früheren Interview gesagt. Sie wären ein Freund des Ostens. Wie ist denn das zu verstehen?

Ulrich Seidl: Na so, wie ich s gesagt habe, dass ich einfach gerne dort bin in diesen Breiten. Weil ich dort immer wieder viele Menschen kennen und schätzen gelernt habe und weil mir die Mentalität des Ostens sehr nahe ist. Und ich glaube, das macht auch ein bisschen den Unterschied aus zu unserer Welt: Man hat dort mitunter noch Zeit. Zeit für einander, Zeit zu feiern oder Zeit zu trauern, wenn eben diese Zeit ist. Bei uns ist es so, dass wir ein Zeitkorsett übergestülpt haben, und wenige von uns können noch heraus aus diesem.

Sie werden auch verdächtigt, menschenverachtend mit ihrem Personal umzugehen, und dann sehe ich bei jeder Präsentation altvertraute Gesichter, die auch wenn sie nicht mitgespielt haben gerne in den familiären Ulrich-Seidl-Kosmos eintauchen.

Ulrich Seidl: Das beweist ja nur, dass viele Menschen einen Blödsinn daherreden von etwas, das sie nicht wissen. Entweder absichtlich aus Bösartigkeit oder um mich zu denunzieren, oder schlichtweg weil sie falsch informiert sind. So ist das halt, damit muss man leben!

Mit Ulrich Seidl und Veronika Franz sprach Karl Weidinger


INFO:
Der Film Import Export in den heimischen Kinos. Das Buch Sündenfall Die Grenzüberschreitungen des Filmemachers Ulrich Seidl von Stefan Grissemann, mit 250 Seiten, vielen Farbabbildungen und bislang unveröffentlichten Fotos ist im Sonderzahl Verlag Wien erschienen.

Karl Weidinger / 05.12.2007