Hacken heißt, die Angst zu besiegen

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Stefanie Wuschitz, 35, ist feministische Hackerin und Künstlerin. Marlene Brüggemann (Text) und Niko Havranek (Foto) trafen sie und ihren Sohn Leo Meru bei einer Sandkiste im Augarten – mit dabei: ihr Computer. Gemeinsam sprachen sie über gehackte Nähmaschinen, fade Appleprogramme und sexistische Hackerspaces.

Foto: Niko Havranek


Marlene Brüggemann / 06.07.2016

Hängst du als Hackerin nur am Computer oder am Lötkolben?

Stefanie Wuschitz: Hacker_innen sind ziemliche Geeks und Nerds. Wir nehmen gerne Geräte auseinander und überlegen, was eins an Technologie noch verwenden, reparieren oder anders einsetzen kann. Hacken bedeutet, sich Dinge zu eigen machen und so zu nutzen, wie man sie braucht. Das geht auch mit einer Nähmaschine.

Wie lernt eins hacken?

In meinen Workshops für Frauen und Mädchen entnehmen wir Geräten Einzelteile und bauen damit eigene Schaltkreise, wie Lautsprecher, die Krach machen, oder Lichtsensoren. Die meisten Handys haben für die Vibration einen Motor, aus dem eins Zahnbürstenroboter basteln kann, die selbst krabbeln. Später programmieren wir Minicomputer, die verschiedene Funktionen ansteuern können. Beim Hacken geht es vor allem darum, die Angst vor Technologie zu verlieren. Die meisten Leute würden kein kaputtes technologisches Gerät selber aufmachen und reparieren, sondern ein neues kaufen. Die Gehäuse sind aber keine Haut und die Geräte keine verletzbaren Körper, sondern verständliche Schaltkreise.

Woher kommt die Angst vor Technik?

Der Respekt vor Technologie ist begründet, weil die meisten Geräte Blackboxes sind. Früher konnte eins mit etwas Ahnung ein Auto, eine Schreib- oder Nähmaschine öffnen und reparieren. Heutzutage kann eins die Gerätefunktionen ohne jemanden, der_die sie dir erklärt, nicht mehr nachvollziehen. Die Firmen versuchen durch absichtliche Verschleierung den Konsum und dadurch den Profit zu steigern. Dass Mädchen und Frauen eher Angst vor Technik haben, liegt daran, wie wir Geschlechter erlernen. Das fängt ganz früh an, wenn Buben zum Kuscheln ein Stofftier in Form eines Autos und Mädchen in Form einer Babypuppe bekommen.

Warum hast du zu hacken begonnen?

Ich wollte Kunst machen und hatte kein Geld, um einem_r Programmierer_in 550 Euro pro Stunde für die Umsetzung meiner Ideen zu zahlen. Als Künstler_in musst du selber Sachen lernen, sonst bist du limitiert und kannst keine Kunst machen. Außerdem ist es urlustig, wenn du selbst programmieren, umändern und dich dadurch ausdrücken kannst. Dagegen ist es urfad, zwanzig Jahre lang ein Appleprogramm zu verwenden.

Warum gibt es trotz der Vorteile wenige Frauen im Hackerspace?

In Hackerspaces sind zwei Prozent der Personen transgender und vier Prozent Menschen, die sich als Frauen identifizieren. Wenn fast nur Männer in einem Hackerspace arbeiten, ist der Einstieg für Frauen und Trans-Personen eine große Überwindung. Leider kommt es auch immer wieder zu sexuellen Übergriffen. Im Globalen Norden ist Technologie eine Art, Männlichkeit zu zeigen, wobei jede Gesellschaft unterschiedliche Vorstellungen davon hat, was Maskulinität und was Femininität ist. In ehemaligen sozialistischen Länder, in Ägypten und Syrien, studieren viel mehr Frauen als Männer Programmieren, weil es als weiblich angesehen wurde bzw. wird. In der österreichischen Gesellschaft dagegen ist Femininität eben nicht damit verbunden, ob wer gut lötet oder hackt (lacht).

Was kann eins dagegen tun?

Es gibt drei Strategien wie eins Sexismus in der Hackerszene entgegentreten kann: mit Einzelkämpferinnen, wie Carolee Schneemann, Pink Hardware, also runder und rosafarbener Technik, oder Separatismus. Letzteres ist das, was ich und fünf weitere Künstlerinnen mit dem feministischen Hackerspace Mz* Baltazar's Laboratory machen, wo keine Cis-Männer (cis: Gegensatz zu trans. Die Red.) rein dürfen. Seit 2009 geben wir regelmäßig Workshops für Menschen, die sich als Frauen identifizieren, mit dem Ziel, sie in den Hackerspace zu holen. Auf die Dauer ist die Trennung der Räume nach Geschlechtern aber eine Ghettoisierung und für mich nur eine Übergangslösung. Ich will einen Raum, in dem alle gemeinsam glücklich hacken können.

Was kann eine längerfristige Lösung sein?

Ich erfuhr in einem Matriarchaten-Buch über die matrilineare Kultur der Minangkabau auf Sumatra in Indonesien, die verschiedene Mechanismen für eine nachhaltige Community herausarbeitete. Dort müssen alle 18- und 19-Jährigen für zwei Jahre die Community verlassen. Die meisten studieren oder machen ein Restaurant auf. Nach zwei Jahren kehren sie mit dem neu Erlernten in die Community zurück. Auch in Hackerspaces sollte jede_r mal das Feld räumen und Platz für neue Leute, Erfahrungen und neues Wissen machen. Weiters gibt es bei den Minangkabau keine Mutter-Vater-Kind-Familiencluster, die isoliert von den anderen Familien leben. Dort hat jedes Kind drei Eltern, da der Bruder der Mutter ebenso für das Kind zuständig ist.

Was hat das mit Hacken zu tun?

Im Globalen Norden ist die Pflegearbeit nicht aufgeteilt, die bleibt meist an den Müttern hängen. Als Mutter kannst du nicht an freiwilliger Arbeit wie Open-Source-Entwicklung teilnehmen oder nächtelang einen Code schreiben. Kinderbetreuungsräume sollten so verbreitet wie Toiletten sein, aber das ist nicht die Realität. Deswegen sind Hackerspaces beliebt, die für Kinder einen extra Raum und Versorgung schaffen, damit ihre Mütter mehr Zeit zum Hacken haben.


Marlene Brüggemann / 06.07.2016