«Ich bin im Zweifelsfall für den Sprung ins kalte Wasser»

Kunst & Kind, Teil 2: Georg Frauenschuh

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Beeinflussen Kinder das Bild, das man malt?  Was sagt die Volksschule, wenn das Kunststipendium nach China ruft? Und sind die Kinder der Ausgleich zum Kunstschaffen, oder ist umgekehrt die Kunst die Erholung von den Kindern? Saskya Rudigier spricht mit drei Künstler_innen über die Kombination von Kunst & Kind – diesmal: Georg Frauenschuh.

Fotos: Carolina Frank


Saskya Rudigier / 08.11.2016

Wie haben die Kinder Ihre berufliche Situation verändert?
Bei mir war die Vaterschaft zeitgleich mit meinem Diplom. Der Schritt in die Selbstständigkeit war von Anfang an mit Kindern. Jetzt sind die beiden 12 und 9 Jahre. Die betreuungsintensive Zeit ist also schon vorbei bzw. hat sich durch die Nachmittagsbetreuung verändert.
Der große Vorteil ist, dass meine Freundin auch Künstlerin ist, und wir haben uns, sobald das Stillen dies erlaubt hat, die Zeit gut aufgeteilt. Jede_r hatte einen halben Tag zur Verfügung, und wir waren da auch ziemlich strikt und haben versucht, keine Unterschiede zu machen, ob es sich nun um ein wichtiges Treffen handelt oder eine_r von uns im Kaffeehaus ein Buch lesen wollte.
Die Erfahrungen, die wir gemacht haben, waren ziemlich gleich, aber die Reaktionen darauf waren sehr unterschiedlich. Während meine Freundin ständig gefragt wurde, ob sie trotz des Kindes nun noch Künstlerin ist oder weiterhin zum Arbeiten kommt, wurde ich bis heute nie mit dieser Frage konfrontiert.

Welche Veränderungen haben Sie in Ihrer Arbeitsweise wahrgenommen?
Es hat zu Veränderungen in der Ökonomie geführt. Bestimmte Bereiche der künstlerischen Arbeit konnte ich auslagern, während ich zu Hause war und auf die Kinder geschaut habe. Sobald ich im Atelier war, habe ich auch sogleich zu arbeiten begonnen. Ich bin viel geplanter und unmittelbarer an meine Arbeit he­rangegangen, weil sich die ökonomischen Umstände so massiv verändert haben.
Haben die Kinder Ihre Arbeit inhaltlich beeinflusst?
Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Grundsätzlich beeinflusst mich jeder Lebensumstand oder jedes Wissen über Dinge in meiner künstlerischen Arbeit. Vielleicht haben die Kinder die Art und Weise, wie man objektiviert, verändert. Als Vater macht man auch die Erfahrung, mit anderen Dingen beschäftigt zu sein als nur mit künstlerischen Fragestellungen. Deswegen weitete sich die Zuwendung auch auf Dinge aus, die mich vorher nicht so interessiert haben.
War für Sie von Anfang an klar, gleichberechtigt Ihren Anteil an Kinderbetreuung und -erziehung zu leisten?
Diese Frage hat sich mir nie wirklich gestellt. Für uns war klar, dass wir beide künstlerisch weiter arbeiten wollten. Das war für uns eine zentrale Vorgabe.
Glauben Sie, dass sich Künstlerinnen als Mütter schwerer im Kunstbereich tun?
Das ist für mich schwer zu beantworten. Ich glaube, es gibt gesellschaftliche Modelle, wo die Rollenaufteilung noch klassischer ist und sicher zulasten von Müttern geht.
Haben Sie Forderungen oder Wünsche, wie sich die Arbeitsbedingungen von Künstler_innen mit Kindern verbessern könnten?
Stichwort Kinderbetreuung, das ist keine leichte Sache, betrifft aber alle. Künstler_innen sind unregelmäßiger versorgt, phasenweise in prekäreren Umständen und spüren ökonomische Zwänge vielleicht stärker. Aber im Grunde trifft vieles, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie angeht, nicht nur auf Künstler_innen, sondern auch auf junge Selbstständige zu.

Haben Sie Familie hier, die sich auch um die Kinder kümmern kann?
Nein, wir sind eigentlich ziemlich alleine, was die Großeltern angeht. Wir haben in Wien selbstverständlich Freund_innen und Geschwister, die notfalls auch einspringen können. Mittlerweile sind die Kinder auch schon in einem Alter, wo lückenlose Betreuung nicht mehr notwendig ist.
Arbeiten Sie auch außerhalb des Ateliers?
Ich habe seit einiger Zeit einen Lehrauftrag auf der Kunstuniversität Linz. Davon leben kann ich nicht, aber ich habe eine gute monatliche Basis. Ich bin damit als Künstler gefordert und angewiesen, über die Arbeit im Atelier hinaus meine Arbeit nach außen zu tragen. Das sind unterschiedliche Qualitäten innerhalb der künstlerischen Beschäftigung: das, was einen beschäftigt und im Atelier gemacht wird, und sich dann darum zu kümmern, dass andere das auch sehen.
Das Künstlerisch-tätig-Sein ist ein ziemlicher naheliegender Ausgleich zur Kindererziehung. Und oft fehlt die Kraft für Bereiche, die mit anderen Formen der Anstrengung verbunden sind.

Haben Sie mit Ihren Kindern an einem «Artist in Residence»-Programm teilgenommen?
Wir waren gemeinsam mit den Kindern zweimal in China. 2011 in Beijing und 2007 in Nanjing – für jeweils 3 Monate. Das war für alle Beteiligten sehr bereichernd.
Waren die Kinder im Programm vorgesehen?
Die Kinder waren im Programm nicht vorgesehen, aber aufgrund zusätzlicher Projektförderung, die ich aufstellen konnte, ist es finanziell möglich gewesen. Beim zweiten Aufenthalt war der Ältere schon schulpflichtig, und wir haben den Auslandsaufenthalt so geplant, dass er noch großteils in die Ferienzeit fällt. Der Stadtschulrat hat genehmigt, dass unser Sohn den Schulbeginn versäumt, aber das war nicht so selbstverständlich.
Derzeit planen wir nichts Konkretes, aber die Überlegung, wieder gemeinsam an einem Artist-in-Residency-Programm teilzunehmen, begleitet uns schon.

Sollte es spezielle «Artist in Residence»-Programme für Künstler_innen mit Kindern geben?
Wenn ich mir jetzt vorstelle, an einem Programm teilzunehmen, das speziell für Künstler_innenfamilien ist, kommt mir das zu wenig divers vor. Vielleicht habe ich eine falsche Vorstellung, aber das geht so in Richtung Familienhotel. Das ist auch das Besondere an diesen Artist-in-Residence-Aufenthalten, dass man aus seinem Alltag und den Bedürfnissen herausgerissen wird.
Eine zusätzliche Unterstützung für das Artist-in-Residence-Programm wäre allerdings hilfreich, um scheinbar unüberbrückbare Hürden für Künstler_innen mit Kindern nehmen zu können.

Was ist das Positive daran, Kinder und künstlerische Arbeit vereinbaren zu müssen?
Kinder sind ein guter Ausgleich zur intensiven künstlerischen Beschäftigung, die einen teilweise so vereinnahmt, dass man phasenweise Abstand braucht. Da sind Kinder oder die Familie recht wichtig. Das funktioniert auch sehr unmittelbar: Innerhalb der Familie ist man sofort in andere Fragestellungen involviert, ohne sich selber darauf programmieren zu müssen. Ein interessantes Spannungsverhältnis, wie ich finde.
Ich hatte und habe keine konkreten Vorstellungen, wie mein künstlerisches Leben oder mein privates Leben verlaufen sollte. Aber ich bin zufrieden und im Zweifelsfall immer für Selbstüberforderung oder den Sprung ins kalte Wasser. Auf das Risiko hin, zu scheitern.



Georg Frauenschuh
ist bildender Künstler;
er wohnt mit seiner Lebensgefährtin Gerlind Zeilner und zwei Kindern in Wien.

georgfrauenschuh.com
gerlindzeilner.com

 

Die Interviewserie «Kunst & Kind» wurde von der IG Bildende Kunst in Auftrag gegeben. Wir übernehmen sie in verlängerter Fassung und mit eigens erstellten Fotos.

Saskya Rudigier / 08.11.2016