«Ich möchte, dass man nicht stehen bleiben muss»

Die Kunstpassage am Karlsplatz – und ein seltsames künstlerisches Anliegen:

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Täglich passieren 200.000 Menschen die Hauptpassage des U-Bahn-Knotens Karlsplatz. Dennoch genießt die Wandmalerei des Künstlers Ernst Caramelle, die in der 70 Meter langen Vitrine zu sehen ist, eine sich gegen null neigende Aufmerksamkeit. Die Kunstpassage demokratischer zu nutzen scheint ausgeschlossen. Von Robert Sommer.

Foto: Michael Bigus (F13 Aktion mit Zettelpoet Seethaler)


Robert Sommer / 27.03.2017

Ein Lokalaugenschein macht rasch klar: Nur ganz wenige Exemplare aus dieser 200.000-köpfigen Masse nehmen sichtlich diese «Kunstpassage» wahr, die die öffentliche Hand immerhin eine halbe Million Euro gekostet hat. Erfreulich, dass Künstler_innen gelegentlich die Gnade einer großzügigeren Förderung erfahren dürfen. Der in New York, Karlsruhe und Frankfurt am Main lebende und arbeitende Ernst Caramelle, vor 75 Jahren in Tirol geboren, hat vor fünf Jahren einen geladenen Wettbewerb gewonnen. Die Aufgabe lautete unter anderem, «ein Kunstwerk zu schaffen, das dem Verkehrsraum und der Geschichte des Ortes Rechnung trägt». Was die bemalten Vierecke Caramelles mit der Geschichte des Ortes zu tun haben, bleibt jedoch ähnlich rätselhaft wie die Feststellung, Caramelles Projekt sei die Idee «Kunst für alle» eingeschrieben. »Ernst Caramelles Konzept der Wandmalerei stellt mehr denn je unter Beweis, dass Kunst in der Lage ist, öffentliche Räume zu besetzen und aufzuwerten und sie damit langfristig einer gesellschaftlichen Wandlung zuzuführen»: So würdigte damals Bettina Leidl, die Wettbewerbsleiterin der «Kunstpassage Karlsplatz», das Siegerprojekt.


Kunstaktion in der Kunstpassage

Das Gegenteil sei der Fall: Die Monopolstellung einer arrivierten Künstlerpersönlichkeit an einem Platz, der wie kein zweiter für ein urbanes Allmende-Projekt infrage käme, werte den öffentlichen Raum nicht auf, sondern ab. Mit dieser Kritik will die «Anstalt für Dichtungen aller Richtungen», die beim Augustin angesiedelte offene Schreibwerkstatt, eine neue Debatte über die verlorene Chance der «Kunstpassage» eröffnen. Die «Anstalt» verweist auf eine paradoxe Situation: Wenn es entlang der Caramelle-Vitrine wirklich einmal dazu kommt, dass Passant_innen ihr Hektiktempo drosseln und sogar «für die Kunst» stehen bleiben, steckt mit fast hundertprozentiger Sicherheit der Zettelpoet Helmut Seethaler dahinter. Ganz ohne die halbe Kulturförderungsmillion – im Gegenteil, unter der Drohung saftiger Geldstrafen – gelingt es ihm, Aufmerksamkeit zu schaffen, indem er Lyrik an einem entlang der Vitrine gespannten Klebeband befestigt – zum «Pflücken» für alle.
Das ficht den Wettbewerbssieger nicht an. Von den Medien gänzlich unkommentiert betonte Caramelle am Tag der Eröffnung seines Werkes: «Ich möchte das Durchgehen zum Thema machen. Ich möchte, dass man während des Gehens etwas erlebt und nicht stehen bleiben muss.» Er wiederholte hier beflissentlich die offizielle Wettbewerbsvorgabe, formuliert von Wiener-Linien-Geschäftsführer Günter Steinbauer: Ein Verweilen der Passant_innen störe die Funktionalität des Raums, darum brauche der Raum Kunst, die nicht zum Verweilen einlädt. Das hat der Künstler geschafft: Niemand bleibt stehen. Doch niemand wird ihm vorwerfen, dass er mit seinen verschiedenfärbig bemalten Rechtecken, die durch eine vorgelagerte Glaswand vor Sprayer_innen geschützt werden, Wettbewerbskriterien ignoriert habe. Ein Werk mit atemberaubender, aphrodisierender, faszinierender, spannungsreicher, provozierender oder sogar politischer Dimension wurde nicht verlangt – und vom Künstler ergo nicht geliefert.
Den Kritiker_innen schwebt die Errichtung einer «Kunstallmende» in der Passage vor. Zur praktischen Vorwegnahme dieser Utopie existieren beste Voraussetzungen: eine Passant_innenfrequenz, die beispiellos ist, ausreichend Fläche für dutzende künstlerische Positionen zu einem monatlich oder quartalsmäßig wechselnden Thema, ausreichend Fläche für wechselnde Dokumentationen zeitgenössischer Kunstprojekte der jungen Generation, ausreichend Fläche für Bänke, mit deren Hilfe man aus dem üblichen Passagentempo aussteigen könnte und die zur Betrachtung der Dokumentationen brauchbar sind. Das Kulturressort der Stadt Wien, die Wiener Linien und KÖR, die Förderstelle für Kunst im öffentlichen Raum, hätten hier die Gelegenheit, für eine Art kompensatorische Würdigung einer Künstler_innenszene, die immer mehr von der Mindestsicherung leben muss, zu sorgen. Die Unterprivilegierten bis Unsubventionierten bekämen als Ausgleich die beste Adresse, um sich zu präsentieren. Interessierte blitzen ab: Das Caramelle-Projekt sei ein Projekt auf Dauer, war dortamts zu erfahren.


Zeichen gegen Abwehrmaßnahmen

Die Haupteigenschaft der überlangen Vitrine ist die völlige Leere. Ebenso wie die «Wandfresken» des Monopolkünstlers hätten in den abgelaufenen Tagen der großen Kälte die in der Passage nächtigenden Obdachlosen eine geschützte Leere gebraucht. Hier hätte Caramelle, durch eine Verschränkung von politischer Intervention und künstlerischer Aktion, jene Aufmerksamkeitseinheiten auf sein Konto buchen können, die er durch die raumgreifende Maßlosigkeit und die trostlose Inhaltslosigkeit seiner Installation verspielt hat. Künstler_innen können Zeichen setzen gegen «Abwehrmaßnahmen» gegen unerwünschte Personen – Maßnahmen, die sich übrigens auch für durchschnittliche Passagenbenützer_innen nicht positiv auswirken. Architektonische Neugestaltungen schaffen überall unsoziale Fakten. In der Karlsplatz-Passage waren die Telefonzellen (einst sogar mit Türen), die im Zuge der Renovierung verschwanden, bei Obdachlosen sehr beliebt. Wien braucht Kunstschaffende, die Beiträge zu den sozialen Brüchen dieser Zeit liefern. Und offizielle Auftraggeber_innen, die die Größe besitzen, Künstler_innen genau dazu zu ermuntern.

 

Zum subversiven Verweilen lädt die Anstalt für Dichtungen aller Richtungen am Montag, 10. April um 16 Uhr vor der Caramelle-Wand ein. Es gibt Anstalts-generierte ­Literatur zum Pflücken, nach Seethalers Gepflogenheit.

Robert Sommer / 27.03.2017