Kafkaeske Reglementierungen für Straßenmusik

Freiheit für die Nervensäge!

Für einen Straßenmusikanten wie mich ist Rotterdam eine Traumstadt, sagt Tullipan. Dort spielte er - von Behörden jeglicher Art unbehelligt - exakt am geografischen Mittelpunkt der Stadt, an einer als solchen markierten Stelle in einer zentralen U-Bahn-Station. In der "Musikstadt" Wien macht zurzeit die Exekutive (in welchem Auftrag eigentlich?) den im öffentlichen Raum Musizierenden das Leben schwer wie nie zuvor.
Robert Sommer / 15.05.2005
Obwohl Tullipan, wie alle StraßenmusikantInnen, die Länder und Städte oft gerne wie die Kleider wechseln würde, will er nicht wirklich auswandern. Erstens hat er gehört, dass in seiner Traumstadt die traditionelle Gelassenheit gegenüber den Normabweichenden der neuen europäischen Standardparanoia weicht, die die zum Verwechseln ähnlichen "Sicherheitspolitiker"Innen aller Herren Länder verursachen. Und zweitens fühlt er sich Wien, wo er seit 20 Jahren lebt, trotz allem zugehörig.

Tullipan kam nicht als Tullipan auf die Welt. In der Sozialsiedlung in Linz-Urfahr tragen die Menschen im Schnitt prosaischere Namen. Und wenn die hier heranwachsenden Kinder musikalische Talente entwickelten, wurden sie im Schnitt nicht gefördert. Noch-nicht-Tullipan liebte die Mundharmonikas, die ihm diverse GönnerInnen schenkten. Die Eltern sammelten alle diese Dinger ein. Das Kind durfte "keinen Lärm" machen. Dieser Bub wollte aber schon als Bub Straßenmusiker werden. Tullipan erinnert sich an seine Schlüsselerlebnisse: "Ich war durch einen schweren Unfall körperlich gehandicapt. Ich war verkrümmt, verspannt, verkrampft. Immer wenn ich dem Zigeuner, der mit seiner Geige spielte, zuhören konnte, löste sich meine Verkrampfung. Seine Musik befreite mich."

Während seines ersten jugendlichen Europa-Trips entdeckte er eine nicht konservatoriumsgerechte Verwandte der Geige - die singende Säge. Das Instrument, auch Musiksäge, Klangharfe, Nervensäge oder Teufelsgeige genannt, polarisiert, sagt Tullipan. "Die einen sind genervt, die anderen fasziniert, wenn ich mit dem Cellobogen mein Lieblingsinstrument streichle:" Mit 19 nach Wien gekommen, schnorrte sich der Oberösterreicher genug Geld zusammen, um sich eine Säge aus dem Musikgeschäft zu holen. Einer solchen Säge kann man reifere Klänge entlocken als ihrer herben Cousine, der Säge aus dem Baumarkt. Dennoch brauchte der Autodidakt drei Wochen, bis er seinen Körper so weit gebracht hatte, mit der Säge jene Einheit zu bilden, die nötig ist, um Musik zu generieren. Locker sein, locker bleiben, heiße das Gebot der SägemusikerInnen; ein/e verkrampfte/r Anfänger/in könne leicht ins Verzweifeln geraten.

In der "Stadt der Musik" sind StraßenmusikerInnen Störenfriede


Die Kärntner Straße war Schauplatz der Premiere. Tullipan, der immer noch nicht Tullipan hieß, war in seine "dadaistische Musik" vertieft. Auf Anfrage definiert er "dadaistisch" so: die lässigste Art, zu spielen; ohne Zwänge musizierend. Als er aufsah, überraschte ihn die ZuhörerInnenmasse, die sich um ihn geschart hatte. Doch als er begann, Geld einzusammeln, verlief sich die Menge. Mehr als dieses Verlaufen ängstigte ihn der Kreis, der sich um ihn gebildet hatte. Ein Kreis bedeutet: Da sind auch Leute hinter deinem Rücken. Deren Reaktionen auf seinen "Dadaismus", deren Blicken nicht gewahr zu werden, hielt der junge Musikant nicht aus. Seit damals sucht er eine schützende Wand in seinem Rücken, wenn er seinem Job nachgeht.

Job, das ist das adäquate Wort, betont er: "Ich bin kein Bettelmusiker, sondern ein Straßenmusiker". Als solcher möchte er sich nun endlich selbständig machen, nach den langen Jahren als Sozialhilfeempfänger, nach vielen Jahren des Straßenlebens, des Nomadisierens und der Obdachlosigkeit, in denen das gewöhnliche Schnorren oft mehr zum Überleben beitrug als die Spenden für die Straßenkonzerte. Zum Künstlersein braucht es mehr als den Künstlernamen (eine Romanfigur namens Tullipan stiftete die frische Identität des Nervensägewerksbesitzers und Neowieners) und auch mehr als das Können - es braucht die gesellschaftliche Akzeptanz, den Respekt, die Resonanz.

Für heutige StraßenmusikerInnen sind das buchstäblich drei Fremdwörter. Zur Zeit des Wiener Kongresses war den ausländischen Delegationen, wie man aus Dokumenten weiß, übereinstimmend aufgefallen, dass in Wien an jeder Ecke gesungen und getanzt wird - mehr als in jeder anderen Hauptstadt. Lang ist's her.

Heute gelten in der "Musikstadt" Wien die StraßenmusikerInnen als störende Elemente. Absurdeste Reglementierungen der Straßenmusik werden von der schweigenden Mehrheit hingenommen, als gehöre der öffentliche Raum der Bürokratie und nicht der Öffentlichkeit.

Der "Ausnahmezustand" an der Mariahilfer Straße


Auf den 30 besten Plätzen der Stadt darf nur in engstem Zeitrahmen und mit Platz-Monatskarten gespielt werden, für die man sich bei der MA 36, unter Vorweis eines gültigen Lichtbildausweises, anmelden muss. Wenn diese Plätze vergeben sind, muss man fürs nächste Monat ansuchen - eine Regelung, die vagabundierende KünstlerInnen praktisch aus diesen Bestplätzen ausschließt. Neben diesen registrierungspflichtigen Standplätzen gibt die MA 36 eine Liste von ebenso vielen Positionen aus, wo Straßenmusik grundsätzlich erlaubt ist, wenn man sich an die vorgegebenen Regeln hält (etwa an die kafkaeske Bestimmung, dass keine Gruppe mehr als vier MusikantInnen umfassen darf).

Am Bundesländerplatz, einer traditionellen Straßenmusikstelle an der Mariahilfer Straße, ist Tullipan so etwas wie ein lebendiges Inventar. Der Platz steht auf der Liste der "erlaubten" Zonen. Seit Wochen ist aber in diesem Teil der Geschäftsstraße die Polizei präsent, als hätte irgendeine geheimnisvolle Instanz den Notstand ausgerufen. Die bewaffneten Uniformierten, die sich wie Besatzungssoldaten im öffentlichen Raum aufführen, seien von den Geschäftsleuten angefordert worden, die "Punk- und Sandlerplage" in diesem Bereich zu bekämpfen, erfahren wir in der Bezirksvorstehung Mariahilf. Die demonstrative Polizeipräsenz sei "von ganz oben" angeordnet worden. Jedenfalls nicht von der Bezirksvorstehung. Dass ausgerechnet die Grätzel links und rechts der Mariahilfer Straße, die beiden "liberalsten" - und mit konservativen WählerInnen am wenigsten belasteten - Bezirke Wiens zum Testlabor polizeistaatlicher Menschenkontrolle wurden, ist so paradox wie logisch: Einzelne noble Geschäftsleute haben auch im "roten Wien" mehr Gewicht als die Summe der WählerInnen.

Tullipan jedenfalls nützte es gar nichts, dass er einer Polizeigruppe das MA-36-Formular vorweisen konnte, das das Musizieren an dieser Stelle ausdrücklich erlaubt. Nachdem ihm einige Tage lang das Streicheln der Säge schwer gemacht worden war, weil die kriegerisch aufgestellten SicherheitsbeamtInnen das potenzielle Publikum verscheuchten, wurde kürzlich erstmals - entgegen der magistratischen Konzession - ein exekutives Musizierverbot ausgesprochen. Der Polizist befahl Tullipan, den Platz zu verlassen. "Hier gibt's keine Musik!", sagte er. Das städtische Formular war für ihn nicht einmal ein Wisch.

Ähnliches berichtete Straßenmusikant und Augustinverkäufer Johann, der bisher etwas abseits der Mariahilfer Straße, in dem zwischen Kirche und Pfarrhof gelegen Abschnitt der Barnabitengasse, unbehelligt Gitarre spielen und singen konnte. Obwohl es in diesem Bereich keine Geschäftsbesitzer gibt, die sich "gestört" fühlen könnten, verbietet die Polizei nun seine Tätigkeit. Bei StraßenmusikantInnen ist die Frühlingsstimmung ausgeprägter, sagt Johann: Nach dem Ende der Minustemperaturen können sie den Saisonstart der Straßenkunst kaum erwarten. Umso größer der Schock der verordneten Verhinderung der neuen Saison.

Wird Wien Provinz?, fragt sich Tullipan. Der Zugereiste kennt die kleinen Obrigkeitsstaaten im Umkreis Wiens, die sich Bezirkshauptstädte nennen. In Korneuburg hat er nur mit Müh und Not die Bürgermeisteramtserlaubnis erhalten, im Stadtzentrum seine singende Säge vorzuführen. Laut schriftlichem Bescheid wurde ihm die Ausübung seiner Kunst schließlich unter der Auflage gestattet, "keine politischen und obszönen Lieder" zu singen.

Den Ruf einer Musikstadt kann Korneuburg allerdings nicht verlieren. Da ist Wien entschieden gefährdeter.
Robert Sommer / 15.05.2005