Leo Bei Ostbahn und Leo Bei EAV

Der Magen krachte lauter als die Verstärker

Der 41jährige Bassspieler ist unter seinem Künstlernamen weitaus bekannter: Horak, und Charly auch noch dazu, denn in der Band von Dr. Kurt Ostbahn trug jeder eine Bezeichnung wie einen Adelstitel, die ihn als "echten" Prolo auswies.
Karl Weidinger / 21.01.2000
Nach der Aufnahme in den elitären Kreis der Ostbahn-Musiker musste also ein Künstlername her: Irgendwer dachte an den Bierversilberer Horak aus der "Mutzenbacherin". Leo Bei kam zu seinem Namen fast wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind. Naja, nicht ganz, wie er zugibt. Eigentlich hieß seine erste Jugendliebe in der Mittelschule des Akademischen Gymnasiums am Beethovenplatz so. Und die war alles andere als eine ...

Aber lassen wir das!
So, wie sie unseren Held "gelassen" hat.
Fallengelassen, und nicht...

Schnell wieder zurück zum Thema: Leo Bei wurde am 9. Jänner 1958 in Mödling geboren und kann von sich behaupten, dass er "a echter 58er Chevy" ist. Aufgewachsen auf der Wieden, in der Theresianumgasse, entdeckte er früh seine Leidenschaft für die Musik. Zuerst stellte sich das Kind im Blockflötenalter so geschickt an, dass es sogar bei Lehrers und Kindergärtners auffiel. Dann kam die Gitarre. Leo sagt über diese Zeit: "Mit 5 wollte ich Cowboy, mit 7 Autorennfahrer und nix anderes werden! Aber dann mit 9 wollte ich bereits Rock-Musiker werden. Ich bin es geworden und bereue es bis heute nicht, auch wenn es schon härtere Zeiten gab, als mir lieb war!"

Mit 11 gründete er gemeinsam mit dem ehemaligen Schulfreund und später langjährigen Fendrich-Musiker Georg Gabler die Formation "Crumb". Erste Auftritte und Achtungserfolge erfolgten. So ging es dahin bis zur 7. Klasse Oberstufe. Gemeinsam mit Gabler schrieb er rockige Theatermusik und führte diese im Akademietheater unter der Regie von Hans Neuenfels auf. Das Stück war "Franziska" von Frank Wedekind, und tat weiter nichts zur Sache. Der Halbstarke Leo sagte "bye" zur Schule und ließ diese Schule sein - was dieser auch weitaus angenehmer war, als sich mit dem "ungestümen Wilden" herumärgern zu müssen. Er arbeitete hart durch Sex & Drugs & Rock 'n' Roll am Image, das ihm bis heute einigermaßen treu geblieben ist. Dann kamen Jobs als Begleitmusiker für die Schmetterlinge, Hallucination Company, Erwin Bros, Sigi Maron, Jazz-Gitti, Ballyhoo, und wie sie noch alle heißen mögen.

Seit 1987 betreibt er professionell sein Tonstudio in der Zollergasse in Wien-Neubau. Seine Virtuosität umfasst Gesang, Bass, Keyboards, Gitarren von Accoustic bis Solo. Und er erhebt auch gerne seine Backup-Stimme bei so mancher Tonträger-Produktion, bei der man es nicht vermuten würde. Und was ihn am meisten freut, er ist Autodidakt und hat sich alles selber beigebracht!

Oft war Schmalhans Küchenchef und Musikmeister in Personalunion.

Zwischendurch wurde des öfteren (her)umgezogen. Auftritte im "Roten Engel" hielten ihn über Wasser und Wein und bei Laune. Der Chef Michael Satke zahlte immer fair und ließ den hungrigen Musikern Kaffee und Toast oder Bier und Wein kredenzen, wenn der Magen lauter krachte als die Verstärker. "Das war sehr leiwand! Schade, dass es das nicht mehr gibt!"

1986 erreichte Leo Bei nach Jahren des Tingelns und Jobbens der Ruf Willi Resetarits', bei seiner neuen Formation einzusteigen. Eine Tournee wurde zusammengestellt. Die Band startete unter der Prämisse, nie von der Musik leben zu müssen und immer alles nur aus Spaß und Freude an der Sache zu machen! Doch das Ostbahn-Projekt entwickelte sich zu einem Privatleben verschleissendem Moloch, dem immer mehr geopfert werden musste. Durch die starke Eigendynamik kam die Spielfreude und fast auch die Freundschaft in der "Fun-Band" abhanden. "Man war zwar ausgebucht, aber was nützt es, wenn der Gitarrist einem besser kennt als die eigene Ehefrau? - Plötzlich war man ein ganz anderer Mensch!"

1992 hatte Leo eine hauptberufliche Betreuerin eines Jugendzentrums geheiratet. Im Jänner 1994 kam Söhnchen Leo Luca zur Welt und Leo drauf, dass er sich ver-heiratet hatten. So wie man sich verschätzt, etwas verlegt oder sich vergeht.

Eine Seite an dem grobschlächtig wirkenden Musiker, die die Öffentlichkeit nicht kennt, ist jene des treu sorgenden Vaters, wovon sich der AUGUSTIN beim Interview überzeugen konnte. 2 bis 3 Mal in der Woche passt der Vater auf das Kind im Vorschulalter auf, nachdem man sich in der Ehe auseinander gelebt hatte. Man konnte sich ohne viele Notenlesens und -lassens arrangieren. Beide ehemalige Partner sorgen nun gemeinsam weiter für das Kindeswohl.

1993 war auch bei der Karriere mit der Ostbahn-Band die Luft draussen. Eine ganz normale Abnützungs-, wenn auch keine Ermüdungs-Erscheinung! Mittlerweile hat man untereinander wieder ein völlig unbelastetes, freundschaftliches Verhältnis, obwohl das Bandklima eine Zeit lang ziemlich dumpf gewesen war. Vor zwei Jahren spielte Leo Bei sogar wieder einen Bösewicht - was sonst? Allerdings nicht am Bass, sondern in der Ostbahn-Verfilmung eines Günter-Brödl-Romans unter der Thomas-Roth-Regie mit dem Namen "Blutrausch".

Leo wechselte heuer hinter den Semmering und ging zur EAV. Erste Allgemeine Verunsicherung heißt das Projekt mit vollem Namen seit ca. zwei Dezennien. Leo hatte eine Zeit der persönlichen und musikalischen Krisen hinter sich, war aber vom band-internen Betriebsklima auf das Angenehmste überrascht. "Die menschliche Grösse von Eberhartinger und Spitzer is a Wohnsinn!"

Demnächst erscheint der neue EAV-Tonträger, der im Rock-Sanatorium spielt, mit der von Leo Bei beigesteuerten Ambros-Parodie "Longsom wochst a z'somm!" Das Projekt EAV rückbesinnt sich auf goldene Kabarettzeiten und startet wieder mit einem Konzeptalbum durch. "Die EAV wird sich sicher gesund schrumpfen. Es ist total super, wie bekannt die noch in Deutschland sind. Wir spielen nur Zwei- bis Dreitausender-Hallen!"

Leo Bei ist ein glücklicher Mensch, sagt er. Am liebsten fotografiert er oder unternimmt ausgedehnte Wanderungen in Wien. Um nachzudenken oder Dampf abzulassen, denn hinter seiner rauen (Rechtschreibreform!) Schale verbirgt sich ein weicher Kern. Er hat eine fast biedermeierliche Einstellung zum Daheimbleiben, weil er lang genug auf Tournee und auswärts in Lokalen sein musste. Er will diese Zeit nicht missen, muss aber nicht irgendwo herumhängen, nur damit die Zeit vergeht.

In Zukunft muss er sich eine Datenleitung ins Studio legen lassen, weil nach der Eröffnung im harten Alltag auf den Störenfried Telefon verzichtet wurde. Mittlerweile geht aber ohne eigene Ver- und Einbindung ins Internet garnix mehr. Im Internet sieht er eine interessante Gegenströmung zum beherrschenden Plattenmarkt. "Ich glaube, dass Plattenfirmen, die im ORF fleißig werben, auch öfter gespielt werden; aber das ist nur eine Vermutung! Das wäre für einen Privatsender ganz okay, aber nicht für den Staatsfunk! Mittlerweile werden schon bei den Privaten mehr Österreicher gespielt als im Monopolradio!"

Der Schreiber dieser Zeilen kann's schon gar nicht mehr hören und erfüllt murrend seine Pflicht. Erwähnenswert ist noch, dass er jeden Donnerstag im "Guitars Only" im 10. Hieb, Favoritenstraße 239, den jugendlichen, aber auch älteren Semestern unter den "Basswütigen" unermüdlich Rede und Antwort steht und auch mit Tips und Empfehlungen im von ihm betreuten Bass-Corner nicht hinterm (Laaer)Berg hält.

Irgendwie hat sich alles wieder eingerenkt. So wie wenn man aus dem Rhythmus kommt und von selbst wieder hineinfindet. Die "Neue" im Leben von Leo Bei heisst Claudia Jusits und ist Frontfrau von der neu gegründeten Power-Formation PLUCK-A-CHEECH, vormals Black Acid. Das Produkt umgemünzt auf ein Kleidungsstück, wäre wohl keine österreichische Lederhose. Viel eher ein Wiener Rock, aus einem amerikanischen Stoff nach englischem Muster zugeschnitten. Gefertigt in einer Wiener Werkstätte, deren handwerkliche Wurzeln sich ausgehend von der Melancholie dieser kleinen Großstadt über ganz Mitteleuropa erstrecken. Mit anderen Worten: elektrifizierende Musik, die mit Wien-Strom betrieben wird. "Abgesehen davon lieben wir, was wir tun! Unsere Message is Love. Besonders live, wie unlängst auf dem Donauinselfest und der Musikmesse Euromusic." Erscheinen soll der neue Tonträger in Bälde. Man darf gespannt sein.

Karl Weidinger / 21.01.2000