Wie Kunst und Kind zu schaffen sind

Kunst & Kind, Teil 1: Borjana Ventzislavova

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Was machen Künstler_innen, wenn das Baby lauter brüllt als die Muse? Wo kann man im Bewerbungsformular zum Auslandsaufenthalt ankreuzen, wie viele Kinder im Gepäck sind? Und lässt sich mit Kunst überhaupt genug verdienen, um die Gschroppen satt zu kriegen? Saskya Rudigier befragt drei Künstler_innen über die Kombination von Kunst & Kind. Die erste ist Borjana Ventzislavova.

Fotos: Carolina Frank


Saskya Rudigier / 11.10.2016

Hat das Kind Ihre berufliche  Situation verändert?

Borjana Ventzislavova: Früher hatte ich auch Jobs zum Geldverdienen, wie Video-schnitt bei Okto oder Unterrichtsjobs. Das hat sich bei mir mit dem Kind aufgehört, weil ich nach der Geburt 2008 anfing, mit der Galerie zu arbeiten, und seither viele Ausstellungen habe.
Als ich das Kind bekommen habe, war ich sehr stolz darauf. Ich war früher auch immer eine der Wenigen unter den ehemaligen Studienkolleginnen, die ein Kind hatten. Langsam werden es mehr, aber auffallend war das schon. Als ich nach Wien gekommen bin, habe ich mich immer gewundert, warum so wenige Künstler_innen Kinder haben. Im sozialistischen Bulgarien war das anders, da war es normal, Kinder zu haben.

Kommen Sie aus einer Künstler_innenfamilie?
Borjana Ventzislavova: Ich komme nicht unbedingt aus einer Künstler_innenfamilie. Meine Mutter hatte einen fixen 9-to-5-Job, mein Vater war in der Filmbranche tätig. Ich war in einer Betreuungseinrichtung und meist eine der Letzten, die abgeholt wurden, weil meine Mutter einen weiten Arbeitsweg hatte. Wenn es meinem Vater möglich war, hat er mich auch schon früher abgeholt oder zu seiner Arbeit mitgenommen.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Auslandsaufenthalten?
Borjana Ventzislavova: Viele Kolleginnen sind darüber erstaunt, wie ich es schaffe, länger ohne mein Kind wegzufahren und woanders zu arbeiten, und fragen mich: «Wie schaffst du das mental?» Gerade diese Auseinandersetzung mit anderen Orten ist aber für meine Arbeit ein sehr wichtiger Bestandteil. Das erste Mal nach der Geburt – als ich für fünf Wochen Artist in Residence war – war das Kind ein Jahr alt. Da habe ich selber auch nicht gewusst, wie das funktionieren wird.
Bei uns ist es auch so eine Glückssache, eine Vermischung von mehreren Faktoren, warum sich meine künstlerische Arbeit und mein Kind nicht ausschließen. Ich habe einen starken Charakter und setze ich mich auch eher durch. Ich will ins Ausland gehen und Erfahrungen sammeln und sage zu meinem Partner, dass wir das schon irgendwie schaffen werden. Und er unterstützt mich auch darin. Solange ich weiß, dass mein Kind gut versorgt ist und die Liebe bekommt, die es braucht, kann ich gut damit leben, es auch ein paar Wochen nicht zu sehen, und mich intensiv mit meiner Arbeit auseinandersetzen. Vielleicht stellt sich für andere Künstlerinnen mit Kind diese Frage, ob sie mit ihrer Arbeit ins Ausland gehen, auch einfach nicht. Es ist vor allem am Anfang eine große Barriere, die es zu überwinden gilt, und das braucht Ermutigung.
Während meiner Residencies war es teilweise selbstverständlich, dass ich dort alleine sein werde. Mein Partner, Mladen Penev, und mein Kind kamen zwar schon hin und wieder auf Besuch, aber in der Regel war ich alleine vor Ort – längstens drei Monate. In Los Angeles war es auch nicht gestattet, Kinder mitzunehmen, weil mehrere Künstler_innen in den Ateliers gleichzeitig waren, das Gebäude aus den 1920er Jahren unter Denkmalschutz stand und sehr dünne Wände hatte. Für Chicago hatte ich letztes Jahr ein Stipendium bekommen. Dort war ich sechs Monate in einem Loft, und meine Familie hätte niemanden gestört. Mladen hat sich jedoch dagegen entschieden und wollte wegen seiner Arbeit hier in Österreich bleiben. Alleine hätte ich aber nicht die Zeit gefunden, mein Kind zu betreuen. Auch finanziell hätte es nicht funktioniert.

Mladen Penev: Ich arbeite freiberuflich als Grafiker, und mir ist es deshalb möglich, flexibler zu arbeiten und gleichzeitig unseren Sohn zu betreuen. Nach der Geburt haben wir eigentlich nur kurz beschlossen, dass ich einstweilen von zu Hause aus arbeite, damit wir uns die Betreuung gut aufteilen können. Das hat mir gut gefallen, diese Flexibilität unserem Kind gegenüber, sodass ich das einfach beibehalten habe. Mir ist es sehr wichtig, die Erziehung auch alleine hinzukriegen, wenn Borjana nicht hier ist. Das macht mich sehr stolz.

Wie bringen Sie ihre künstlerische Arbeit und die Kinderbetreuung unter einen Hut?

Borjana Ventzislavova: Ich habe mich nicht bewusst dazu entschieden, nur ein Kind zu haben. Aber sehr wohl überlege ich mir sehr gut, ob ich ein zweites Kind haben möchte. Da würde auch Mladen nicht mitspielen, beide Kinder für einen bestimmten Zeitraum alleine zu betreuen. Ich glaube, bei der Betreuung von zwei Kindern ändert sich sehr viel. Nicht umsonst haben die meisten Künstlerinnen nur ein Kind. Bei ei-nem zweiten Kind hätte ich sicher nicht so intensiv arbeiten können, wie ich es jetzt gemacht habe.
Ich erlaube mir nicht, wie früher, bis 12 Uhr zu schlafen, und bin jeden Tag, meist ab 9 Uhr, im Atelier. Wenn ich sehr viel zu tun habe, wie in den letzten Monaten, komme ich auch sehr spät nach Hause.
Leicht finde ich es nicht, eine Familie mit meinem Künstlerinnendasein zu verbinden. Meine Arbeit ist auch mit vielen Kontexten und Orten verbunden, es ist mir wichtig, viel zu reisen. Darüber ist mein Kind natürlich nicht immer glücklich, auch in meiner Partnerschaft ist es nicht leicht, wenn ich viel weg bin. Aber die Arbeit macht mich nun mal sehr glücklich und gibt mir viel.
Es wäre interessant, wie Künstlerinnen ohne Kinder darüber denken. Es gibt schon viele Künstlerinnen, die gerne Kinder hätten, sich aber nicht trauen, eine Familie zu gründen, weil sie glauben, beides nicht unter einen Hut zu bringen. Das ist wahrscheinlich auch oft der Fall. Ich kenne auch einige Kolleginnen, die ihre Arbeit aufgeben haben, weil sie Kunst und Kind nicht vereinbaren konnten.

Wie ist das als Partner?

Mladen Penev: Wir verstehen uns sehr gut mit unserem Kind. Er ist auch gerade sehr selbstständig und geht alleine zur Schule. Wenn Borjana für sechs Monate weg ist, finde ich es manchmal ein bisschen lang. Aber ich verstehe, dass sie als Künstlerin diese Zeit braucht, und ich finde es auch wichtig, ihr diese Zeit zu geben.
Was würde es einfacher machen, Kind und Kunst unter einen Hut zu bringen?

Borjana Ventzislavova: Ich glaube bei den Stipendien und finanziellen Unterstützungen für Künstler_innen ist Österreich eigentlich eine große Ausnahme. In vielen anderen Ländern dieser Welt gibt es das nicht, deshalb mag ich mich auch gar nicht beklagen. Was ich aber anregen möchte, ist bei der Mobilitätsunterstützung auch mehr die Familie mit einzuplanen.
Ich könnte z. B. gar nicht alleine mit meinem Kind an einem Artistin-Residence-Programm teilnehmen, wenn ich nicht die Unterstützung von meinem Partner hätte und meine Mutter für die längeren Aufenthalte aus Bulgarien kommt und mithilft, das Kind zu betreuen. Wenn es hier mehr finanzielle Unterstützung gäbe oder generell Hilfe mit der Betreuung des Kindes im Ausland, wäre vieles auch leichter.


Im Augustin 424 (ab 9. November) spricht Georg Frauenschuh über seine Kunst und seine Kinder.

Die Interviewserie «Kunst & Kind» gab die IG Bildende Kunst in Auftrag. Wir übernehmen sie in verlängerter Fassung und mit eigens erstellten Fotos.

Saskya Rudigier / 11.10.2016