Die Mythen des Reichtums

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Eine Linie. Am einen Ende stehen die Ärmeren, am anderen die Reichsten. Wenn man nun fragt, auf welcher sozialen Position dieser Linie sich die Reicheren einschätzen würden, dann zeigen sie auf die Mitte. Fragt man die Ärmeren, wo sie sich selbst sehen, ordnen sie sich - mit besserer Selbsteinschätzung - ebenfalls Richtung Mitte ein. Das ist der Grund, warum sich die Figur der Mitte so gut eignet, die wahren Verhältnisse zu verschleiern.
Martin Schenk / 08.12.2014
Der britische Premierminister Cameron stufte sich in einer Rede in Manchester als «middle class» ein, obwohl er ein geschätztes Vermögen von 30 Millionen Pfund sein Eigen nennt, das noble Eliteinternat Eton besuchte und in Oxford studiert hat. Fürstin Gloria von Thurn und Taxis und ihre Familie mit einem Vermögen weit über eine halbe Milliarde Euro sagt: «Wir sind absoluter Mittelstand». Der ehemalige österreichische Wirtschaftsmister Martin Bartenstein, vermögend und Besitzer einiger Pharmafirmen, sieht sich selbstverständlich auch als «Mittelschicht». Je reicher und privilegierter der eigene Status, desto stärker wird er unterschätzt. Der Prozentsatz der Haushalte, die sich in das Nettovermögenszehntel einordnen, in dem sie sich tatsächlich befinden, sinkt stark mit zunehmendem Nettovermögen. Bei den reichsten zwei Zehntel sind es sogar weniger als ein Prozent, die sich richtig einordnen, ergeben die Daten der Österreichischen Nationalbank. Das heißt: 99 Prozent der Reichsten schätzen ihren eigenen Status völlig falsch ein und zählen sich zur Mitte.
Die Mitte wird tendenziell zu hoch geschätzt. Gerade auch bei den Einkommen. In Wirklichkeit beträgt der Median - die Mitte - der Einkommen Angestellter 1848 Euro, von Arbeiter_innen 1644 Euro brutto. Nimmt man das Haushaltseinkommen, also das gesamte verfügbare Einkommen eines Monats, mit dem eine Person lebt, dann befindet sich die Mitte bei 1781 Euro netto. Wenn Kommentator_innen von der Mittelschicht mit 3500 Euro Einkommen schreiben, dann sprechen sie von weniger als 10 Prozent aller Einkommensbezieher_innen.
Das soll die Mittelschicht sein? Da gehen versteckte Interessen einer kleinen Minderheit ab durch die Mitte und Omas und Häuslbauer werden benützt, um die eigentlichen Interessen zu verschleiern. Mittlere und untere Einkommen wurden immer stärker durch Massensteuern und den Faktor Arbeit belastet, während die obersten zehn Prozent entlastet wurden. Die Sparpakete streichen jetzt soziale Leistungen, die gerade untere Einkommen, aber auch die Mitte unterstützen. Von der ökonomischen Entwicklung haben im letzten Jahrzehnt besonders die obersten zehn Prozent profitiert, die untersten Einkommen haben verloren, und die Mitte wurde unter Abstiegsdruck gesetzt.
Die Verwendung der «Mitte» verschleiert die tatsächliche Vermögensverteilung und hilft eine Mehrheit für Steuergesetze zu gewinnen, die die Reichsten einseitig privilegieren. Gleichzeitig hat sich ein Diskurs entwickelt, der viel Energie in die Verachtung der «Unterschicht» steckt - mit dem praktischen Effekt von den Reichtumsprivilegien ganz oben abzusehen. Die Reichsten rechnen sich arm, während die Armen reichgerechnet werden.
Ein Witz: Sitzt ein Manager eines privaten Vermögensfonds, ein Kronenzeitungsleser und eine Mindestsicherungsbezieherin an einem Tisch. In der Mitte liegen 10 Kekse. Der Fondsmanager nimmt 9 davon und sagt zum Zeitungsleser: Pass auf! Sie nimmt Dir Dein Keks weg!


Neues Buch «Mythen des Reichtums», VSA Verlag
www.reichtumsmythen.at


Martin Schenk / 08.12.2014