Ein öffentliches Gut

Wie komme ich zu einer Wiener Gemeindewohnung?

article_3986_1924-26_reumannhof_hubert_180.jpg Günstige Wohnungen sind knapp. Und selbst, wer ein Anrecht darauf hat, hat nicht immer leichtes Spiel. Jenny Legenstein hat sich die Vergabekriterien für Gemeindewohnungen angesehen; Michael Bigus hat dazu ein Stück
Architekturgeschichte fotografiert.
Jenny Legenstein / 13.03.2017
Seit die Verwaltung der Wiener Gemeindebauten ausgegliedert wurde – aus der Magistratsabteilung wurde 1999 das Tochterunternehmen Wiener Wohnen –, sind deren Strukturen weniger transparent als zuvor. Wenig durchschaubar scheint vielen auch, nach welchen Kriterien Gemeindewohnungen vergeben werden. Aus welchen Gründen jemand den begehrten «Vormerkschein», der nun «Wohn-Ticket» heißt, erhält oder mit einer Ablehnung konfrontiert wird, ist in vielen Fällen selbst den Betroffenen nicht ganz klar.

 

Der Teifl steckt im Detail

Frau S.* wohnt seit kurzem in einer Gemeindewohnung, die ihren Anforderungen entspricht. Sie wohnte in einem befristeten Mietverhältnis, das nicht verlängerbar war, aufgrund ihres Teilzeitjobs kann sie sich eine Wohnung im privaten Sektor nicht leisten. Ihr erster Antrag auf eine Gemeindewohnung wurde abgelehnt, warum, weiß sie nicht. Sie brachte ihr Anliegen vor die Wohnungskommission und erhielt eine Wohnung, vermutlich wegen ihres angegriffenen Gesundheitszustands. Sie rät Leuten, die sich um eine Gemeindewohnung bewerben, sich gut zu informieren und sich nicht abwimmeln zu lassen.
Auch Flora* hat einen befristeten Mietvertrag, bezieht Mindestsicherung, kann sich eine Wohnung am «freien Markt» nicht leisten. Ihr Antrag wurde abgelehnt, sie wollte sich als Jungwienerin unter 30 anmelden, aber sie lebt nicht bei den Eltern (Voraussetzung wäre, noch bei den Eltern zu wohnen und bei ihnen mindestens zehn Jahre gemeldet zu sein). Nun möchte sie sich an die Wohnungskommission wenden.
Peter und Emma* (beide verkaufen den Augustin) mussten aus ihrer Wohnung raus, der Vermieter wollte den Vertrag nicht verlängern. Auch ihr Antrag wurde abgelehnt. Sie hatten gehört, dass man «etwas vom Gericht» zur Räumung braucht, und machten einen Räumungsvergleich (der besagt, dass die Mieter_innen nach Räumungsbescheid auf alle weiteren Rechtsmittel verzichten). Das genügte Wiener Wohnen nicht, es müsste ein Räumungsbescheid mit Termin sein. Die beiden wollten das Risiko, tatsächlich geräumt zu werden und dann möglicherweise auf der Straße zu stehen, nicht eingehen und suchten letztlich am privaten Markt eine Wohnung.

 

120 Wohnungen bis 2018?

Die Kriterien, die Wiener Wohnen für eine Anmeldung zu einer Gemeindewohnung vorgibt, scheinen eindeutig (siehe Infokasten). Trotzdem werden einerseits Anträge abgelehnt, obwohl alle Voraussetzungen erfüllt werden, andererseits erhalten mitunter Bewerber_innen eine Gemeindewohnung, obwohl sie nicht allen Kriterien entsprechen. Eines der Hauptprobleme gerade bei der sozialen Vergabe von Gemeindewohnungen sei der Nachweis einer durchgängigen Meldung, erklärt Bernhard Wernitznig, der als Sozialarbeiter im Augustin-Vertrieb arbeitet. «Die meisten Leute, die aus einer Wohnung fliegen, schaffen es nicht, sich innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen drei Tage woanders zu melden. In so einer Krisensituation denkst du gar nicht daran, und so ist es der Regelfall, dass Meldelücken entstehen.» Auch prekär Wohnende, die sich nicht an ihrer Wohnadresse melden können, haben kaum Chancen, sich für ein «Wohn-Ticket» zu registrieren (siehe die Erzählung von Hans Wurst auf S. 37).
Aufgrund der hohen Wohnkosten im privaten Bereich, des starken Zuzugs in die Bundeshauptstadt, des Wegfalls billiger Wohnungen im Altbestand etc. sind Gemeindewohnungen derzeit äußerst begehrt. Dass nach dem Stopp der Wohnbautätigkeit der Stadt Wien im Jahr 2004 neue Gemeindebauten geplant bzw. in Bau sind (2018 sollen 120 neue Wohnungen in der Fontanagasse im 23. bezugsfertig sein), wird die Situation kaum entlasten.
Der Soziologe Christoph Reinprecht sieht in der Idee des Wiener Gemeindebaus durchaus zukunftsweisendes Potenzial: nämlich im Wohnen als öffentliches Gut. 2012 schreibt er: «Indem der Gemeindebau an ein ‹Anders-Getan-Werden-Können› erinnert, lässt er sich zugleich als potentielles Experimentierfeld denken für neue Haushalts- und kooperative Wohnformen ohne Zugangsbeschränkungen, mit hohem Ausmaß an Selbstorganisation und Mitbestimmungsmöglichkeit und offen für alle.»

*Namen von der Redaktion geändert

Jenny Legenstein / 13.03.2017