Hausfriedensbruch im Müllcontainer

Lebensmittelrettung & Abfallwirtschaft

article_3984_muell__180.jpg Die Verschwendung von Lebensmitteln ist immer öfter Thema. Trotzdem wird es vielerorts sanktioniert, brauchbares Essen aus dem Müll zu holen. Ein Kommentar von Christa Neubauer, Mülltaucherin mit Alltagserfahrung.
Christa Neubauer / 13.03.2017
Manchmal bin ich stur. Zum Beispiel bilde ich mir ein, meine vielzitierten Stadthendln ökologisch wertvoll (um den Begriff «nachhaltig» nicht unnötig zu strapazieren) zu füttern. Den Weizen, von dem sie abends eine Handvoll kriegen, kaufe ich. Den Rest des Futters möchte ich aus Essensresten und Lebensmittelabfällen aufbringen.
Das klingt unappetitlich. Ist es aber durchaus nicht. Erstens bleibt in den Töpfen und Tellern der Familie und einiger wohlmeinender Nachbar_innen immer wieder etwas für meine City-Chicks übrig. Zweitens liegt in den Biotonnen der Supermärkte und Märkte jede Menge Essbares; oft von derart guter Qualität, dass ich in Versuchung bin, die Lebensmittel für mich selbst zu verarbeiten.
Obwohl ich verschiedenen Menschen hoch und heilig versprechen musste, das keinesfalls zu tun. Mitarbeiter_innen von Supermärkten beispielsweise, die mich dabei erwischten, wie ich mich aus der unternehmenseigenen Biotonne bediente, und die mich nicht sofort unter Strafandrohung verjagten.
Oder dem Beamten vom Marktamt, der mich vor dem Berserker von einem Platzwart des örtlichen Marktes rettete, als ich dort Salatblätter aus dem Container zupfte. Eine Zeitlang hätte ich mich jedes Mal bei ihm anmelden müssen, wenn ich mülltauchen, auch dumpstern genannt, wollte. Der Neue vertraute mir auch so.
Zum Glück riskiere ich nicht überall einen Anschiss, wenn ich Hendlfutter organisiere. Manchmal sind die Zuständigen sehr freundlich und hilfsbereit.

Nicht für den Verzehr geeignet?

Als ich begonnen habe, mich für Lebensmittelabfälle zu interessieren, hieß mülltauchen noch «geobben». Den Begriff hat ein lieber Mensch geprägt, der mich heute bittet, seinen Namen nicht zu erwähnen, weil er ein seriöser Geschäftsmann geworden ist und seinen Ruf nicht gefährden will. Für ihn war es damals, noch im alten Jahrtausend, das Sammeln von Gemüse und Obst, Ge-Ob-ben also, was er praktizierte. Manche in der Clique nahmen auch Schokolade oder Joghurt. «Alles, was aus der Biotonne kommt, betrachten wir als vegan», meinte eine von ihnen damals.
Auch heute kann man aus den Restmülltonnen jede Menge Genießbares ziehen – auch wenn Lebensmittel aus Abfallcontainern als «nicht für den menschlichen Verzehr geeignet» gelten. Vor allem im Winter muss man sich aufgrund der «Lagertemperaturen» auch weniger Sorgen machen. Im Allgemeinen gilt, was Expert_innen eh schon jahrelang predigen: nur so viel nehmen, wie man aktuell verwenden kann, sich beim Verkosten auf die Sinne verlassen – wie ist die Optik, der Geruch, der Geschmack? Und, ganz wichtig: Verlassen Sie die Abfallsammelstelle mindestens so sauber und ordentlich, wie sie vorher war.

 

Barrierefreier Mülltonnenzugang

So einfach wäre es grundsätzlich, wären da nicht die verschiedensten Res­triktionen, denen wir Mülltaucher_innen unterworfen sind. Immerhin ist die Gesetzeslage auf unserer Seite: Dinge in Abfalltonnen gelten als «aufgegebenes Gut». Wir begehen keinen Diebstahl wie die Kolleg_innen im Nachbarland, sondern «nur» Hausfriedensbruch, wenn wir die Container öffnen.
Die gängigen Argumente der Unternehmen gegen das Mülltauchen sind die Sicherheit der Verbraucher_innen und die Haftungsfragen. Schließlich könnte ich ja aus der Tonne ein Produkt ziehen, damit in den Supermarkt marschieren und so tun, als hätte ich die Packung gerade aus dem Regal genommen. Und mir, manche Supermärkte bieten das an, ein frisches Gratisprodukt sichern. Zugegeben, so ein Vorgehen wäre ein mieser Trick. Aber dass die Unternehmen uns vorwerfen, wir wären nicht in der Lage, genießbare von ungenießbaren Esswaren zu unterscheiden, ist genau so eine Chuzpe.
Immerhin arbeiten einige Supermarktketten und Lebensmittelgeschäfte mit Organisationen wie Tafeln oder Lebensmittelretter_innen (foodsharing.de) zusammen. Was trotzdem in den Tonnen landet, könnten sie doch wohlwollend zur Entnahme freigeben, finde ich. Überhaupt fordere ich eine gesetzliche Initiative, die den Bürger_innen den barrierefreien Zugang zu Abfallcontainern gewährt.

 

Abfallreduktion verboten!

Im Laufe der Zeit habe ich durch Versuch und Irrtum einige Adressen herausgefunden, bei denen sanktionsloses Mülltauchen möglich ist. Nein, ich werde Ihnen die Adressen an dieser Stelle nicht verraten. Wenn ich das tue, passiert Folgendes: Die Mitarbeiter_innen des Supermarkts oder des Marktes kriegen eine auf den Deckel. Die Marktleitung ergreift Initiativen, um weiteres Mülltauchen zu unterbinden. Keine_r hat mehr was davon. Natürlich, wenn ich Sie persönlich kenne, werden Sie von mir den einen oder anderen Tipp bekommen. Völlig untergegangen ist die Solidarität unter den Dumpster-Divern noch nicht!
Zum Schluss eine Bemerkung an die Adresse der hochgelobten Stadträtin, die unter anderem für die Abfallbehandlung zuständig ist: Solange Sie sich bemühen, die Mistplätze der Wiener Märkte immer besser abzuriegeln, sodass wir daran gehindert werden, die dortigen Abfälle zu reduzieren – so lange will ich mir von Ihnen nicht sagen lassen müssen, wie ich verantwortlich mit meinem Müll umzugehen habe. Alles klar?
Christa Neubauer / 13.03.2017