Selbstbestimmung quo vadis?

Sachbuch: Pränataldiagnostik und Behinderung

article_3979_selbstbestimmung_180.jpg «Mein Bauch gehört mir!» – Dieser feministischen Slogan ist ein Klassiker, wenn es um das Recht auf Abtreibung geht. Die deutsche Journalistin Kirsten Achtelik versucht in ihrem Buch «Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung» die Frage zu stellen, ob Feministinnen jede Art von Abtreibung verteidigen sollen, und ob die Pränataldiagnostik (PND) rein der Vorsorge dient oder eigentlich behindertenfeindlich ist.
Ruth Weismann / 13.03.2017
Während Verteidigerinnen davon ausgehen, dass PND nur der durchdachten Entscheidung helfe, sehen Kritikerinnen die Unmöglichkeit völlig selbstbestimmter Entscheidungen. Auf akribische Quellenrecherche aufbauend beschreibt Achtelik, wie die Forderung nach «Selbstbestimmung» zum zentralen Element der feministischen Kämpfe der 1970er-Jahre wurde, und analysiert Texte damals aktiver feministischer Gruppen, die damit auch «solchen Schäden vorbeugen» wollten. Frauen mit Behinderung mussten heftig dafür kämpfen, von Ärzt_innen nicht zur Abtreibung genötigt oder gar sterilisiert zu werden. Gut nachvollziehbar arbeitet die Autorin die historische Entwicklung von feministischen Kämpfen, staatlichen Gesetzen und gesellschaftlichen Normen heraus und macht deutlich, welche Widersprüche in heute scheinbar klaren Forderungen liegen können: «Die Optimierung des eigenen Lebens lässt den neoliberalen Gesellschaftsumbau unhinterfragt», schreibt sie.
Zum Schluss macht die erfahrene Aktivistin einige konkrete Vorschläge, die durchaus kontrovers aufgefasst werden können. «Eine Verbesserung der Beratung von Schwangeren in Konfliktsituationen ist trotz aller bereits geäußerten Kritik unentbehrlich», meint sie etwa. Außerdem spricht sie sich dagegen aus, dass selektive PND eine Kassenleistung ist, da ihre Diagnosesicherheit ohnehin nicht gegeben sei. Die Streichung von Abtreibung aus dem Strafgesetzbuch fordert sie ebenfalls.
Achteliks Vorhaben, ein «Bewegungsbuch» zu verfassen, das die feministische mit der Behindertenbewegung zusammenbringt, um im Gegenzug behinderte Aktivist_innen und die sogenannten Lebensschützer_innen auseinanderzudividieren, möge ihr jedenfalls gelingen!

Kirsten Achtelik:
Selbstbestimmte Norm. Feminismus,
Pränataldiagnostik, Abtreibung
Verbrecher Verlag 2015, 224 Seiten
18 Eur

Ruth Weismann / 13.03.2017