Tatort Resselpark

Vom zweijährigen Sohn angestiftet: Der Löwenzahn-Unhold

hero_Resselpark.jpgBetretungsverbot wie zu Kaisers Zeiten? Erst Joseph II. machte notgedrungen Zugeständnisse an die Bevölkerung, um eventuelle Revolutionen gegen den herrschenden Adel wie in Frankreich zu unterbinden. Dennoch: Untertanen müssen hörig sein! Hellhörig. Das ist die Story von einem, der sich eine 105-Euro-Strafe nicht gefallen lassen wollte.


Karl Weidinger / 18.07.2007
Es geschah am helllichten Tag. Am 22. April 2007, ein Sonntag noch dazu. Die Würfeluhr am Karlsplatz rückte auf 10.40 Uhr vor. Und da stand er, der Gessler-Hut in voller Blüte. Das Corpus Delicti, in Form eines ganz gemeinen, hundsordinären Gewöhnlichen Löwenzahns, in Kinderbüchern auch als Pusteblume bekannt. Und dieses Korbblütengewächs trug einladend schlanke, tonnenförmige, mit haarigen Flugschirmen (Pappus) ausgestattete Achänen. So genannte Schirmflieger, um durch den Wind verbreitet zu werden. Als Ruderalpflanze besiedelt er rasch Brachflächen, Schutthalden und Mauerritzen aber darum soll es hier nicht gehen. Vielmehr wird es um die mechanische Einwirkung auf das, als Unkraut angesehene, Gewächs gehen. Und in weiterer Folge um eine Verfehlung eines Untertanen gegenüber der Obrigkeit. Noch dazu an einem nicht gerade als Ort der Idylle wirkenden Platz. Klaus Renner heißt dieser Untertan und ist 36 Jahre alt. Vater und Sohn flanieren und kommen metaphorisch gesprochen vom rechten Weg ab. Der freilaufende Zweijährige verlustiert sich ins städtische Grün normal müssten hier schon die Alarmglocken schrillen. Und nun kommt noch eine Farbe ins Spiel, gesellt sich ein etwas anderes Grün dazu. Schon taucht er auf, der Schnittlauch in jeder Obrigkeitssuppe, auch wenn aus dem Bullengrün inzwischen ein Metalldosenblau geworden ist. Immerhin keine Spezialeinheit, ausgestattet wie Raumfahrer und verkleidet wie Jedi-Ritter.

Und weswegen? Der Sohn pflückte eine Blume, 1 Tulpe um genau zu sein. Der Vater daraufhin in trauter Verbundenheit eine Pusteblume, einen verwaisten hundsordinären Gemeinen Löwenzahn (wie eingangs beschrieben). Weil dem Söhnchen das infantile Verpusten der grauen Sporen so kindlich harmlos taugt.
Aber lassen wir den Untertan selbst zu Wort kommen: Sonntagvormittag beschloss ich mit meinen beiden Söhnen im nahe liegenden Resselpark spazieren zu gehen, einen Buben im Kinderwagen, der andere wie man so schön sagt : frei laufend. Und schon wars passiert, der Zweijährige büxt aus, kadenzt in die Botanik und macht sich an einem Tulpenbeet zu schaffen. Na mehr brauchst du nicht!
Auftritt der Obrigkeit im Sperrgebiet. Jawoll, es geht ums Drogenparadies Karlsplatz, zu dem der Resselpark gehört. Mindestens 4 Wachzimmer teilen sich hier die Fußstreifung, damit im Zuge der Generalprävention immer Polizeipräsenz gezeigt werden kann.

Mechanische Einwirkung auf Pflanzungen

Amtsorgan (streng): Schauma, was der Vater dazu sagt: Finden Sies okay, dass der Kleine da die Blumen ausreißt? So eine Frage verdient natürlich eine ehrliche Antwort. JA! Delinquent Klaus Renner glaubt, dass er als Untertan der Obrigkeit zur schonungslosen Wahrheit verpflichtet sei. Also antwortet er naiver Weise mit Ja". Und somit ist der Tatbestand gesetzt. Verletzung der Untertanenpflicht gegenüber der Obrigkeit. Ziviler Ungehorsam, mindestens! Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Die Fußstreife nimmt die Antwort zur Kenntnis und zu Protokoll, sodann eine Amtshandlung vor. Ausweisleistung, wie es so schön heißt. Ansonsten Mitnahme zur Feststellung der Personalien. So weit kommt es aber glücklicherweise nicht. Der Delinquent Klaus Renner hat seine Papiere mit und leistet bereitwillig Ausweisleistung, damit der obrigkeitshoheitliche Verwaltungsapparat sich in Gang setzen kann. Alles nur im Sinne der Gesetze und der Gerechtigkeit. Nach Überprüfung und Feststellung der Personalien wird eine Anzeige getippt, damit die Verurteilung wie die sprichwörtliche Strafe auf den (derzeit noch freien) Fuß folgen könne. Anfangs Mai flattert dann (wie es so schön heißt) die Strafverfügung ins Haus.

Post von der Obrigkeit in RSa-Form: haben Sie selbst entgegen dem Verbot des Betretens der Grün und Pflanzungsflächen und der mechanischen Einwirkung auf Pflanzungen durch Pflücken eines Löwenzahns auf der Wiese die Grünfläche betreten und eine solche Einwirkung verursacht." Tja ja, §12 Abs 1 iVm §3 Abs 1 und 4 und §10 der Verordnung des Magistrates der Stadt Wien betreffend der Benützung von Grünanlagen (Grünanlagenverordnung), verlautbart bla bla bla eine Geldstrafe von Euro 105,, im Uneinbringlichkeitsfall eine Ersatzfreiheitsstrafe von 18 Stunden.
Es gibt sie noch: effektive Literatur, die wirklich Geld einbringt. Wie zum abschreckenden Beispiel jenes Schriftstück, das Klaus Renner zum Augustin-Gespräch mitgebracht hat. Solche Literatur ist nicht billig, sie kostet. Nicht nur Geld, auch Zeit und Nerven. Um eine ähnliche Summe dürfte man schon durch Fußgängerzonen rasen oder die Fetischwaffe Auto gefährdend einsetzen. Auch dürfte man um diese Pönale-Summe bereits einen Polizisten (als Symbol der Obrigkeit) deftig die Meinung sagen.

Ein Fall für den Präsidenten

Eigentlich ist das Vergehen der mechanischen Einwirkung auf Pflanzungen jeder Art durch Pflücken eines Löwenzahns eine vergleichsweise harmlose Angelegenheit, wie der Delinquent meint. Ein Bagatelldelikt?
Meint er! Der Magistrat am verlängerten Arm der Obrigkeit kann seine Autorität nicht durch zivilen Ungehorsam unterwandern lassen. Denn was kommt als Nächstes? Stellt man dann gleich die öffentliche Ordnung in Frage? Und auch dem noch minderjährigen Untertan muss eine Lektion erteilt werden, weil sonst würde hier ein aufmüpfiger Rebell heranwachsen, der noch dazu der Meinung sein könnte, er hätte in der Stadt ein Anrecht auf Natur, die er sich pflücken könne.

Niemand dürfe auf einen Gewöhnlichen Löwenzahn mechanisch einwirken. Übrigens: für Hundebesitzer sieht die Wiener Grünanlagenverordnung einen Strafbarkeitsaufhebungstatbestand vor. Also wieder einmal die Schlechterstellung von Kindern, wieder einmal die Besserstellung von Hunden. Somit vernachlässigen Hundebesitzer nicht ihre Pflicht, wenn der Köter in die Wiese kackt. Kindern wird diese Gnade nicht nachgesehen und kein Betreten erlaubt, bravo!
Der Gessler-Hut ist jene Einrichtung, deren einzig sinnfälliger Zweck die öffentliche Erzwingung untertänigen Verhaltens war. Der Sage nach hat Hermann Gessler in Altdorf, im Kanton Uri, einen Hut aufstellen lassen, den jeder Vorbeikommende zu grüßen hatte. Der Schweizer Nationalheld Wilhelm Tell kam, sah und verabsäumte es, diesen Gruß auszuführen. Daraufhin wurde Tell zu jenem Apfelschuss auf sein Kind gezwungen, welcher im Mittelpunkt der literarischen Darstellung Friedrich Schillers über der Gründungssage der Schweiz steht.

Und es soll auch niemand etwa kein System hinter dieser Bestrafungsaktion vermuten. Oder hat wer schon etwas Ähnliches von einem Hundebesitzer gehört oder gelesen? Na eben! Bei dieser Spezies würde sich gleich His Hausmasters Voice, das Kleinformat, auf den Schlips getreten fühlen und sofort anfangen mit ihren berüchtigten Kampagnen. Unverzüglich würde das Kleinformat Zeter und Mordio schlagzeilen, denn Hundebesitzer haben eine Lobby. Kinderbesitzer eher nicht.

Nach der Beeinspruchung der Strafverfügung durch die Rechtsvertretung des Delinquenten Klaus Renner zog diese Affäre sogar noch weitere Kreise. Der Polizeipräsident erließ ein Telefonat und sagte die Einstellung des Verfahrens zu (was inzwischen mit einem dürren Vierzeiler bereits geschehen ist). Weder der amtshandelnde Polizist noch das strafverfügende Magistrat hätten dem Untertanen diese Buße je aufbürden dürfen! Jetzt kommen noch die Verfahrenskosten auf die Stadt Wien zu. Das Ganze hätte sich die Obrigkeit auch sparen können mit etwas Augenmaß, Fingerspitzengespür und angewandter Menschlichkeit. Jedoch unlängst schrieb ein Polizist ins Online-Forum: Und wenn Sie 100 x meinen, der Gegenstand des Falls, also die Grünanlage und zwei Blumen, rechtfertigen nicht so einen Aufwand, Fakt ist: Die Verordnung gilt, Sie haben dagegen verstoßen, Sie waren uneinsichtig (weswegen ein Absehen von der Strafe nicht geboten scheint), Sie werden bestraft.
Und somit schließt sich der Kreis: Dieses Denken der Obrigkeit wird noch lange nicht auszureißen sein wie ein hundsgemeiner ordinärer Gewöhnlicher Löwenzahn.

Karl Weidinger / 18.07.2007