«Töten ist kein neutraler Akt»

Moderne Sklaverei in den westeuropäischen Schlachthäusern?

«Sie wollen das Kalb essen, aber das Blut nicht sehen», schrieb Bertolt Brecht. Er warnte vor einem bürgerlichen Antifaschismus, der sich weigerte, die in den Besitzverhältnissen des Kapitalismus angelegten Ursachen des Faschismus zu erkennen. Auch wenn Brechts Kalb ein metaphorisches ist - die Ambivalenz des Spannungsfeldes zwischen Kuscheltier und Schlachtvieh war ihm nicht entgangen. Ein Interview mit dem Hamburger Soziologen Marcel Sebastian im aktuellen AUGUSTIN.
Christof Mackinger / 13.10.2013
Du bist der Frage nachgegangen, wie Arbeiter_innen in der Fleischindustrie einen Umgang mit der Gewalt an Tieren finden können. Was hat dich dazu bewegt, dich mit diesem Thema zu beschäftigen?

Ich befasse mich seit über zehn Jahren mit der Beziehung der Gesellschaft zu den Tieren. Auch meine derzeitige Promotion über Arbeit in der Fleischindustrie entspringt unter anderem einem persönlichen Interesse. Ich habe nie nachvollziehen können, wieso Tiere angesichts ihrer kulturellen und sozialen Bedeutung einen so geringen Stellenwert in der soziologischen Forschung einnehmen.

Es ist erst wenige Wochen her, da standen die Arbeitsbedingungen in deutschen Schlachthäusern massivst in der öffentlichen Kritik. Von Lohndumping war die Rede, in Bezug auf rumänische und bulgarische Leiharbeiter_innen fiel das Schlagwort der «modernen Sklaverei».

Die Arbeitsbedingungen in deutschen Schlachthäusern sind auch weiterhin Thema öffentlicher Kontroverse. Auf Grund geänderter gesetzlicher Rahmenbedingungen bestehen die Belegschaften deutscher Schlachthöfe großteils nicht mehr aus angestellten Arbeiter_innen, sondern aus Menschen, die offiziell in ihren Herkunftsländern bei Leiharbeitsfirmen beschäftigt sind. Stundenlöhne unter 5 Euro sind keine Seltenheit. Der Schlachtbranche mangelt es an flächendeckenden Tarifverträgen, die Leiharbeiter_innen aus Osteuropa sind schutzlos ihren Arbeitsbedingungen ausgeliefert. Deutschland ist zum Billiglohnland im Schlachtbereich geworden, was dazu führt, dass Fleischkonzerne aus Anrainerstaaten die Tiere in Deutschland schlachten lassen.

Hat dieser mediale Aufschrei zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen geführt?

Mir ist davon nichts bekannt. Die Fleischindustrie ist ein Milliardengeschäft, vor allem die großen Schlachtkonzerne, die den Hauptteil des Marktes kontrollieren, haben wenig Interesse daran, das lukrative Geschäft zu stören. Die deutsche Bundesregierung hat bisher das Leiharbeitsmodell verteidigt. Auch jenseits der Lohnfrage könnte einiges verbessert werden. Die Reduktion der Produktionsgeschwindigkeit wäre vor allem im Hinblick auf die häufigen körperlichen Folgeschäden der Fließbandschlachtung von Vorteil. Auch eine Arbeitsplatzgestaltung, die weniger monoton wäre, hätte positive Effekte auf die Arbeitsbedingungen. All dies wäre jedoch mit Kosten verbunden.

Lässt sich etwas über den sozialen Hintergrund von Menschen sagen, die einen solchen Job ergreifen?

Nur wenige Menschen haben den expliziten Berufswunsch, im Schlachthof zu arbeiten. Ökonomischer Druck ist häufig die Hauptmotivation, was im Falle der osteuropäischen Leiharbeiter_innen noch einmal verstärkt zutrifft. Grob kann gesagt werden, dass der Großteil der Schlachthofbelegschaften männlich ist und einkommensschwachen Milieus entstammt. Höhere Bildungsabschlüsse wird man wohl nur im Management vorfinden.

Nun sind es nicht nur die äußeren Bedingungen, die von Arbeiter_innen in der Fleischindustrie zu ertragen sind.

Das Töten und Zerlegen von Tieren ist für die allermeisten Menschen kein neutraler Akt. Die Regungen und die Schreie der Tiere und das Strömen von Blut sind Dinge, die zumindest zu Beginn der Arbeit bei den meisten Arbeiter_innen Unbehagen und Stress auslösen. Eine typische Eigenschaft, die immer wieder als notwendig bezeichnet wird, ist emotionale Härte. Diese Härte ist jedoch nur ein Weg, einen Umgang zu finden. Im Rahmen meiner Forschung konnte ich ein komplexes Netz an Umgangsstrategien analysieren. Hierzu gehören etwa die Leugnung des eigenen Handelns, die Trivialisierung des Tötens oder die Schuldprojektion auf einzelne Arbeiter_innen. Die Tatsache, dass fast alle interviewten Schlachter davon sprechen, sich an die Arbeit mit der Zeit gewöhnt zu haben, verdeutlicht den Konflikt.
Es ist aber nicht so zu verstehen, dass diese Verarbeitungsweisen im Widerspruch zur Normalität der Nutzung und Tötung von Tieren steht. Die Wirksamkeit der Umgangsstrategien ist vielmehr ein Indiz für den hohen Grad an Normalisierung. Wie in der Gesellschaft im Allgemeinen, so finden auch Arbeiter_innen im Schlachthof Wege, die Ambivalenzen des Mensch-Tier-Verhältnisses zu neutralisieren.


«You can get away with murder. Everyday»
Was ist Gewalt an Tieren und wie gehen Menschen damit um?
Samstag, 19. 10., 19 Uhr
Depot
Breite Gasse 3
1070 Wien
www.basisgruppe-tierrechte.org


Christof Mackinger / 13.10.2013