«You don't go back to your Lager!»

Aufrufe zum Durchhalten von und an Flüchtlingsfrauen

article_2246_konferenz_mahdiyeh_kalhor_180.jpg Menschenfeindliche und erniedrigende Lebensbedingungen herrschen in den Flüchtlingslagern des reichen Deutschland vor. Die Frauen-Flüchtlingskonferenz in Hamburg gab einer algerischen Journalistin, die direkt vor der Abschiebung steht, wieder Kraft weiterzukämpfen.
Kerstin Kellermann / 15.05.2013
In der Nähe der Reeperbahn findet im Kölibri, einem selbstverwalteten Lokal mit hohen Räumen und Stuckdecke, die erste große Frauen-Flüchtlingskonferenz Deutschlands oder überhaupt ganz Europas statt.
Heutzutage besitzt auch unter den Flüchtlingen fast jede_r ein Handy und kann daher sein Lager locker fotografieren und Missstände dokumentieren. Dementsprechend sind im schönen, runden Kölibri überall Schauwände aufgestellt: «Flüchtlingslager Dachau. Holzbaracken zwischen Schlammlöchern. 200 Menschen», «Flüchtlingslager Schengau, Holzbaracke am Stadtrand, kein Deutschkurs, keine Hausaufgabenbetreuung, 70 Personen, mitten im Industriegebiet, kein Kontakt zur einheimischen Bevölkerung». Die Fotos sind äußerst trist. «Ausreisezentrum Fürth Hafenstraße, Containerlager für 200 Personen und Abschiebelager 50 Personen.» «Zur freiwilligen Ausreise zwingen», steht dabei und: «Da der Aufenthalt sich nicht verfestigen soll, wird ihnen alles private Hab und Gut abgenommen.» In dieser Tour geht es weiter: «Flüchtlingslager Beratzhausen, Schimmel, Ratten und Mäuse», «Heiligenhaus, direkt neben dem Friedhof», «Freienbessingen, eine alte Kaserne». Eine große, energische Kamerunesin steht neben der Tafel und schimpft auf Französisch. «Heiligenhausen ist eine Katastrophe», sagt sie, «dort sind 120 Frauen und Kinder aus dem Kongo oder Guinea, Marokko und Tunesien untergebracht. Einige warten schon neun oder zwölf Jahre auf ihre Entscheidung. In Feldbach sitzt einer, der schon 23 Jahre in Deutschland ist ...» Die nächste Plakatwand, auf der in Schönschrift steht: «Das ist unser Heim: Diemelstadt, Wrexen» - darunter lauter Fotos vom verschimmelten Bad und verstopften WCs. Eine Schande für das reiche Deutschland.

«Rosette, es ist gut»


Gelbe Gladiolen liegen auf einem roten Tischtuch verteilt. Bei der Pressekonferenz reden die Frauen türkisch und französisch durcheinander, denn die Kämpferinnen von der «Socialist Women's Union» entschieden sich, Flüchtlingsfrauen zu unterstützen. Zum Teil sind sie selber Flüchtlinge, eine saß sogar acht Jahre in der Türkei in Isolationshaft. In der türkischen Rede der «Aktivistin» ragt das deutsche Wort «Isolation» heraus. «Diese Isolation einfach zu durchbrechen», wird übersetzt, «diese Isolation wird den Menschen angetan. Die Isolation, die man uns per Gesetz antut, werden wir nicht akzeptieren.» Eine kleine türkische Frau mit blauem Kleid und Turnschuhen war an dem Flüchtlingsprotest vor dem Brandenburger Tor in Berlin beteiligt. Zwei Monate lang, mit ihren zwei Kindern, die 20 und 22 Jahre alt sind. Sie zittert beim Reden. Die Flüchtlinge durften weder sitzen noch liegen, schliefen in der Hocke in der Nacht, dreimal täglich kam die Polizei vorbei und «räumte». Sie begann nach dem Selbstmord eines Iraners, ihr Lager immer wieder zu verlassen, die Residenzpflicht, nach der Flüchtlinge eine Grenze von dreißig Kilometern Umkreis nicht überschreiten dürfen, zu vernachlässigen und auf die Straße zu gehen. Im August 2012 in Erfurt, als aus einem Workshop ein zehntägiger Austausch von Flüchtlingsfrauen aus verschiedenen Bundesländern wurde, «haben wir gesehen, dass sie von psychischen Problemen und sexueller Belästigung betroffen sind und dass sie ihre Kinder schützen müssen», erzählt die türkische Moderatorin von der Flüchtlingsorganisation «Karawane». «Ihre Angst und Unruhe zeigten, dass sie ihre Probleme nicht nach außen tragen können. Flüchtlingsfrauen können miteinander solidarisch sein und eine wahnsinnige Kraft entwickeln. Unser Geschlecht bindet uns zusammen.» Es geht um Essenspakete und Zwangsversorgung (die Flüchtlinge wollen sich lieber selber versorgen), um mangelnde ärztliche Unterstützung und den Zwang, in isolierten Gegenden zu leben. Die Kamerunesin erzählt, wie sie seit zwei Jahren «ihre Schwestern» in den Lagern besucht - «Ich kann pro Woche zwei Lager machen!» - und wie man die Lage in den Lagern ändern könnte. Durch die Traumatisierung wäre ihr Leben sowieso schon nicht so wie das von anderen Frauen. Ihre Stimme kippt. «Es gibt in den Lagern kein Recht, sich zu beschweren oder über Probleme zu reden. Du bist hier nicht zu Hause, heißt es, und es ist hier besser als bei dir zu Hause.» Als sie von den Lebensbedingungen redet, Wäsche waschen nur zweimal im Monat zu Kosten von 35 Euro, und dass die Deutschlehrerin zu ihrem Kind meinte: «Du kannst nur Taxifahrer und nicht Ingenieur werden», bricht sie in Tränen aus. «Die Situation in Deutschland macht krank. Mein winziges Zimmer hat fünf Quadratmeter. Ich kriege sofort Kopfweh, wenn ich drinnen bin.» Zwei winken ihr, eine sagt laut: «Rosette, es ist gut.» Sie lächelt unter zornigen Tränen. Gut, dass ZDF oder ARD schon ihre Kameras eingepackt haben. «Die Schwestern im Heim sollen sich nicht verstecken, sondern zum Arzt gehen, ohne vorher aufs Sozialamt zu müssen», sagt sie noch. «Wir werden viele Lager zusperren. Es wurden schon welche geschlossen.» Es sind diese völlig sinnlosen Demütigungen und kleinen Erniedrigungen, die in der schwierigen Lage so fertig machen, den Charakter zermürben, Ohnmachtsgefühle erzeugen. Eine deutsche Fernsehredakteurin brach ihren Selbstversuch im Flüchtlingsheim ab, als sie die Krätze kriegte.

«We need you here»


Glitzerndes Wasser, Dampfer, die fröhlich tröten. Am nächsten Morgen wandert die Konferenz vom Kölibri in die Tagesschule St. Pauli um die Ecke ab. In der weiten, offenen Aula sieht man durch eine Glaswand quer über die ganze Längsseite die Schiffe auf der Elbe fahren. 150 Flüchtlingsfrauen aus den verschiedensten Lagern aus ganz Deutschland sind gekommen. «Es existieren ganz viele Lager, die wir nicht erreichen konnten. Es braucht eine Organisation der Schwestern, weil wir alle Lager erreichen wollen.» Die Moderatorin macht ihre Aufgabe sehr gut. «Jede Träne, jeder Schmerz einer Schwester, die nicht da ist, ist auch unserer.» Im Gegensatz zur männlichen Flüchtlingskonferenz in München wurde nicht vorab ein Programm erstellt, und das Mikrophon wird für alle, die reden wollen, frei gegeben. Nach jeder Sprecherin wird heftig geklatscht. Eine Romni aus Mazedonien erzählt von einer Allergie auf die Kakerlaken, die bewirkt, dass sie ständig rote Augen hat. Die Dolmetscherinnen haben zu tun. «Sie kommt aus Armenstadt, Damenstadt, äh Darmstadt ...» Jede Frau hat etwas zu sagen und will ihr Schicksal teilen. «Wir sind im Lager. Wir sind nicht sichtbar. Kommt ihr zu uns, oder findet einen Weg, dass wir zu euch kommen.» Es wird aber auch viel geweint bei so viel Elend. Und die Kinder schrecken auf, wenn eine ehemalige Gefangene auf Demo-Lautstärke ihre Solidaritätsreden hält. «Einige haben Kinder mit deutschem Pass, und sie kommen nicht aus den Lagern raus, weil man muss erst gucken, ob der Vater wirklich ein Deutscher ist.»
Ganz still wird es aber, als die Moderatorin die algerische Journalistin Farida ans Mikrophon holt, der in fünf Tagen die Abschiebung droht. Die Fernsehjournalistin berichtete aus dem algerischen Parlament und weiß Geheimnisse von Politikern, die für sie äußerst gefährlich sind. Farida machte sich wegen der drohenden Deportation in Hausschlapfen aus dem Krankenhaus heraus auf den Weg zu ihrem Anwalt nach Bremen und meint, dass sie durch die Traumatisierungen keine Kraft mehr habe zu kämpfen. Geschwächt durch chronische Bronchitis und Belästigungen im Lager könne sie nicht mehr weiter. «Mein Name ist bekannt. Ich werde in Algerien gesucht», sagt sie. Eine junge Afrikanerin springt auf: «Du bist sehr wichtig, und wir brauchen dich hier. Du kannst jetzt nicht in dein Lager zurückgehen! She is not going!» Die weiße Blume in ihrem Haar wackelt. «Wenn du zurückgehst, wirst du geistig krank werden. Wir müssen dich schützen!» Die nächste Afrikanerin regt sich auf: «Ich bin auch eine traumatisierte Person. Ich weiß, was es bedeutet. Wir müssen was tun. Werdet ihr dasitzen und zuschauen, wenn diese Frau getötet wird?» Faridah schaut erstaunt. Am Abend werden sie die Karawane-Expert_innen beraten, und sie reist zu ihrem Anwalt ab. Sie hat eine Kraft-Infusion erhalten.

 

Foto: Mahdiyeh Kalhor

 

 

Kerstin Kellermann / 15.05.2013