«60 Prozent weniger machten keinen Eindruck»

Das Amerlinghaus erhielt eine Nachtragsförderung für 2014

Spittelberg, Stiftgasse 8 - in einem mittlerweile noblen Grätzel im siebenten Wiener Gemeindebezirk befindet sich das Amerlinghaus, ein Kulturzentrum, das sich als Freiraum versteht und von vielen kleinen Initiativen oder Vereinen kulturell, sozial und/oder politisch bespielt wird. Seit Jahren muss es um Fördergelder kämpfen, und zum Drüberstreuen sorgte auch noch ein Artikel einer Stadtzeitung für Irritation. Ein Mitglied des Vorstandes vom Amerlinghaus nimmt Stellung zu den Ereignissen im Mai 2014.
/ 26.05.2014
Das Amerlinghaus stand wieder einmal unter Existenzbedrohung. Am 2. April schrieb uns die Magistratsabteilung 13: Grundsicherung für 2014 sind 113.000 Euro, davon würden 60.000 Euro für die Jahresmiete direkt an die Gesiba überwiesen. Vergangenes Jahr betrug die Förderung 245.000, gebraucht würden 260.000. Nach Jahren zäher Verhandlungen mit der MA 13 war dieser Bedarf erhoben worden. Das Kontrollamt hat geprüft und bestätigt und sich gewundert, wie mit diesem Betrag auszukommen ist. Im Amerlinghaus arbeiten 60 Gruppen, 40.000 bis 50.000 Menschen nutzen dieses Angebot pro Jahr. Nur drei Teilzeit- und eine Ganztagskraft sind angestellt, damit das Werkel funktioniert.
«Die restliche Förderung in der Höhe von 53.000 ist zur Abdeckung des restlichen Teils an den Grundkosten für das Haus (Energiekosten, Sachversicherungen, Reparaturen und Instandhaltungen) sowie für anteilige Personalkosten zu verwenden» - so das Schreiben der MA 13. Durch zwölf dividiert bedeutet das 4.416,66 pro Monat. Es konnte, ja, musste davon ausgegangen werden, dass das Amerlinghaus zerschlagen werden soll, denn dieser Betrag ist Ende Mai bereits ausgegeben. Die «Sorgfalt des ordentlichen Kaufmanns» verlangte, die Angestellten sofort zu kündigen. Das ginge erst zum Quartal Ende September, noch dazu gilt Abfertigung alt. Entsetzen, Sitzungen, Proteste, Demarchen und gewaltiger Stress legten die produktive Arbeit für das Haus - wieder einmal - lahm.
Termin mit den Mitarbeiter_innen der MA 13: Vorwurf, wir hätten korrekt handeln und die Miete rechtzeitig bezahlen sollen. Wortgleich mit der U-Bahn-Zeitung. Das Amerlinghaus hat aber korrekt abgerechnet und den Briefwechsel mit Gesiba vorgelegt: 5000 Euro werden einbehalten, weil es eine BK-Gutschrift in dieser Höhe für 2013 gibt UND ein Nachlass von 5000 Euro zugesagt ist. - MA 13: Das stimmt. Aber! Es wird ein Konzept vermisst, das Amerlinghaus solle sich um finanzstarke Vermietungen kümmern. - Das Konzept liegt vor, und finanzstarke Vermietungen widersprechen ihm. Wir müssten 60 Initiativen, die sich nichts leisten können, den Platz wegnehmen, denn jeder Raum im Haus ist mehrfach täglich von früh bis in die Nacht hinein belegt. Und welches Seminar der Finanzwelt oder der Schickeria würde über das ausgetretene Pflaster stolpern wollen und in den seit Bestehen nicht mehr sanierten Räumen seinen Champagner zu Blinis mit Kaviar schlürfen? Die verwaltende Gesiba greift die von der Amerlinghaus-Miete zurückgestellten 210.000 Euro Mietzinsreserve nicht an. Immerhin hat sie kürzlich ein Schild am Haus montieren lassen: Beheizt mit Fernwärme. Die uralte Heizung funktioniert nicht, schon gar nicht mit Fernwärme.

Die Grünen: Alle müssten ja sparen


Auch von den Grünen kam die Antwort sinngemäß: Alle müssten ja sparen. 60 Prozent weniger machten keinen Eindruck, offensichtlich hatte keine einzige der befassten Stellen einen Rechner zur Hand genommen. Schließlich hatten Gespräche mit den Grünen stattgefunden, die Lage wurde endlich erkannt, und so kam es, dass wir am 22. Mai von Stadtrat Oxonitsch erfuhren: Wir bekommen wieder 245.000, mehr könne er nicht. Wenn wir nicht 260.000 beantragt hätten, wäre das nicht passiert. Das Ergebnis des Kontrollamts wischt er weg. Die Gruppen seien kein Argument, die interessierten nicht, die könnten jederzeit irgendwo anders unterkommen. Wir hätten sie nicht verunsichern sollen. Er wünscht sich, dass das Haus von früh bis in die Nacht hinein aktiv ist. Er könne selbst einen Verein aufstellen, das Haus im Vergabeverfahren bespielen und ein autonomes Kinderhaus draus machen. Eine Zusicherung für die Zukunft gäbe es nicht. Immerhin, wenn wir die Abrechnung einhalten, könne er das nächste Mal besser argumentieren und eventuell zwei, drei Jahre Sicherheit herausholen. Wir sollen uns was einfallen lassen, jeder der 210 Leute der Initiativen könne doch fünf Euro zahlen.
Resümee: Bis zum nächsten Mal darf ein großartiges Haus mit unglaublich vielfältiger gesellschaftspolitisch wichtiger Arbeit weiterleben. Kulturelle Partizipation und Selbstbestimmung, Migration und Integration, Diskurse der Solidarität, der Ent-Grenzungen und des kritischen Denkens. Beratung, Schulung, Bildung, Kindergarten und Seniorengruppe, Sprachkurs und Arbeitsloseninitiative. Das bedeutet ehrenamtliches Arbeiten in der Höhe von 180.000 Euro, an ehrenamtlichem Reparieren 20.000 Euro.
Disziplinierungs- und Zermürbungstaktik, Beschäftigung mit weiteren Auflagen, Lahmlegen des Projektes und Verteidigung durch Angriff - das Tüpfel auf dem I brachte tendenziöse Presse: Ein Beitrag diskreditierte das Amerlinghaus von Anfang bis zum Ende, es sei nicht ganz so arm, wirtschafte schlecht und intransparent, gewürzt mit Einzelheiten über den Kassier Alex Bettelheim und seine jüdische Abstammung. So geschehen - in einer Boulevard-Zeitung? In Mölzers Blatt? Nein, im «Falter», Ausgabe 19 vom 9. Mai.

Eva Geber
Autorin und Kulturpublizistin und seit zwei Jahren im Vorstand des Amerlinghauses


/ 26.05.2014