Die Stadt dreckig lassen

Die Gebots- und Verbotskultur im öffentlichen Raum expandiert, aber nicht unwidersprochen

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Die Stadt Graz gilt als Verbotsstadt. Kultureinrichtungen wollen dagegen ankämpfen. Mit der IG Putzen - einem offenen Netzwerk, das seinem Namen gar nicht gerecht werden will.

Foto: Irmgard Derschmidt


/ 18.08.2014
Die vier sitzen neben dem Eingang der Sparkassen-Bank am Hauptplatz. Sie kräht vergnügt, während der eine zu ihrer Rechten ihr auf den nackten Bauch klatscht. Der andere Mann nimmt einen Schluck aus der Coladose und stiert dabei dumpf in die Luft. Und der Vierte im Bunde zieht genüsslich an der Zigarette, die er sich vorher gedreht hatte, und schließt die Augen. Man würde die vier wohl als Obdachlose oder Punks bezeichnen, und viele wollen genau solche Menschen vor allem an öffentlichen Hotspots wie dem Hauptplatz nicht haben. Manche, wie der Stadtrat Mario Eustacchio, versuchen es mit lauter Musik. Andere schimpfen auf solche «Subjekte». Und einige probieren es mit Gesetzen, um diese «Unerwünschten» aus dem alltäglichen Bild der Menschenrechtsstadt Graz zu tilgen.
Es gibt aber Widerstand. Von der Interessensgemeinschaft Putzen (IG Putzen) zum Beispiel. Das offene Netzwerk von Grazer Kultureinrichtungen - darunter die Initiatorin Heidrun Primas (Forum Stadtpark) - will gegen restriktive Tendenzen in Graz auftreten und wählte daher den Begriff «Putzen». Ein laut Primas «total absurder Begriff im öffentlichen Raum», der aber an Bedeutung gewinnt, wenn man an einen propagierten «sauberen» Hauptplatz denkt, wo eben nichts stattfinden darf, was Grazer_innen ästhetisch stören könnte. Deswegen darf man dort zum Beispiel - ausgenommen in der Gastrozone - keinen Alkohol mehr trinken. Auch das Bettelverbot hilft Graz beim «Sauberhalten» der Straßen.
Szenenwechsel in die Annenstraße. Die ältere Dame deutet energisch mit erhobener Hand auf das Auto, das - verbotenerweise - in der Annenstraße parkt. Neben ihr stehen zwei Vertreter_innen der Ordnungswache. Das Notieren und Melden von Falschparker_innen fällt wohl eher nicht in ihren ohnehin recht großen Zuständigkeitsbereich, nämlich die Einhaltung der zahlreichen Ge- und Verbote in Graz. Die Wächter_innenorganisation, die, wie auf der Homepage zu lesen ist, «immer mehr zu einer Erfolgsgeschichte wächst», wurde erst im April dieses Jahres um weitere zehn Personen aufgestockt. Nun passen 37 Damen und Herren in Graz auf uns auf. Die Ordnungswache erzeugt - zusammen mit der erhöhten Präsenz von anderen Uniformierten wie zum Beispiel dem Parkraum-«Service» und der Polizei - eine Stimmung der Kontrolle und der Überwachung, gegen die die IG Putzen auftreten will.

Politik der Solidarität in Straßburg


Mit dem System der Ordnungswache dient Graz als Vorbild für andere Städte wie Wels, Linz und Klagenfurt. Die kulturanthropologische Stadtforschung konstatiert ebenfalls eine international boomende Gebots- und Verbotskultur im öffentlichen Raum. Dass es anders auch geht, beweist zum Beispiel Straßburg. Die Stadt propagierte in den vergangenen Jahren eine «Politik der Sicherheit», wie eben auch in Graz, wählte aber eine Politik der Solidarität als Vorgabe für die Stadt. Und es funktioniert. In Graz will die IG Putzen eine Gesellschaft mit selbstverantwortlichen Menschen, die, wie Primas erläutert, «sich lustvoll und sicher im öffentlichen Raum bewegen». Dass selbstbestimmtes Tun und Handeln in Graz existiert, sieht man zum Beispiel in der Sackstraße in Richtung Hauptplatz. Dort, wo Radfahrer_innen auf Fußgänger_innen und flanierende Passant_innen treffen, geschieht das unbewusste Verhandeln um den Raum ohne Aufsehen. Ein weiteres Beispiel wäre auch der shared place am Sonnenfelsplatz, den täglich 15.000 Fahrzeuge und zu Spitzenzeiten 3.400 Fußgänger_innen und 640 Radfahrer_innen pro Stunde queren.
Den öffentlichen Raum und die Wirkung behandelt Primas auch in einer künstlerischen Praxis im Forum Stadtpark. «Wir machen hier die ganze Front auf und treffen auf unterschiedliche Wirklichkeiten», so Primas. Da «draußen» eine ganz andere Wirklichkeit existiert, trifft jene bei der Öffnung der Türen auf die Wirklichkeit «drinnen». Es gibt keine festen Strukturen, keine Führungen, nur «Abarbeiten im realen Raum», der sich verändert. Jede_r kann eintreten und tun, was er_sie will - anders als im schwindenden öffentlichen Raum der Stadt Graz.

Maximilian H. Tonsern

Dieser Artikel erschien in der August-Ausgabe des Grazer Straßenmagazins MEGAPHON und wurde freundlicherweise dem AUGUSTIN zur Verfügung gestellt.


/ 18.08.2014