Die Wanderdünen des Marchfelds

«Sandtilgungsangelegenheiten» zwischen Gänserndorf und Leopoldsdorf

article_3358_marchfeld__180.jpg Wo heute Felder wogen und Windkraftanlagen ihre Schatten werfen, zogen einst Sanddünen übers Land, weiß der Historiker Anton Tantner (Text und Fotos) zu berichten.
Anton Tantner / 08.12.2015
Noch vor zweihundert Jahren soll es wild und gefährlich gewesen sein, das Marchfeld, bevölkert von einem heimtückischen Menschenschlag, eine allem Leben abholde Einöde – so zumindest beschreibt eine 1829 erschienene «Topographie des Erzherzogthums Oesterreich» die heutige Kornkammer der Alpenrepublik: «Kein Baum, keine Quelle, kein Haus» weit und breit außer einem Schäferhof namens Siehdichfür, «nichts zeigt sich dem Blicke in dieser großen Sandwüste als röthliches Heidegras». Wer sich dennoch in diese unwirtliche Gegend wagte, ergriff Vorsichtsmaßnahmen: «Noch vor wenig Jahren reiste durch diese Gegend, wie durch Aegyptens Wüsten, Niemand allein; immer, und wenigstens des Nachts, gesellten sich Mehrere zusammen, denn der Nahme des Schäferhofes Siehdichfür erinnerte jeden Reisenden auf seiner Huth zu seyn, vor den fürchterlichen Sand- und Staubwolken, und dem hier lauernden schlechten Gesindel.»
Mag sein, dass letztere Invektive dem rassistischen Blick der deutschsprachigen Mehrheitsbevölkerung geschuldet war, die es so gar nicht goutierte, dass in der besagten Gegend Kroat_innen siedelten und man nur wenige Meilen außerhalb von Wien mit seinem deutschen Wort nicht weit kam. Gegen die andere Gefahr, die Natur in Gestalt des bedrohlichen Flugsands, war der Kampf auf jeden Fall schon ein paar Jahrzehnte zuvor aufgenommen worden – aber wie war es überhaupt so weit gekommen, dass diese heute doch so fruchtbare Gegend zumindest teilweise zur Wüste verkommen, die Bodenkrume schutzlos den heftigen Winden preisgegeben war und regelrechte Sanddünen das Ackerland erstickten?
Dies war nicht geschehen, weil etwa Stürme Massen an Saharasand über das Mittelmeer genau an diese Stelle geblasen hätten, es handelte sich auch nicht um die Strände des großen Meers Paratethys, das es sich vor etlichen Millionen Jahren im Wiener Becken bequem gemacht hatte, nein, das Sandproblem war Menschenwerk, denn die ursprünglich nach der letzten Eiszeit aus Feinsedimentablagerungen der Donau und March entstandenen Sandgebiete waren mit der Zeit von Vegetation zugewachsen worden; erst im Mittelalter wurden sie durch Rodungen wieder freigelegt, worauf fortan der Wind den Sand frei herumwirbelte.

Kampf dem Flugsand


Um 1770 begannen die Behörden, dies als Problem wahrzunehmen und setzten die «Sandtilgungsangelegenheit» auf ihre Agenda: Es wurden Verzeichnisse der mit Sand überwehten Gründe zwischen Gänserndorf und Leopoldsdorf angefertigt, Bäume gepflanzt, bei Oberweiden wurde mit großem Aufwand ein Sandhügel mit feuchter Erde bedeckt – viel Erfolg hatte dies alles zunächst jedoch nicht, erst Ende des 19. Jahrhunderts brachte dann eine massive Aufforstung die gewünschten Ergebnisse; wo einst die Dünen wanderten, hielten nun Föhren, Kiefern, Eichen, Birken und Robinien den Boden zusammen, «Bannwälder» wider den unerwünschten Sand.
Fortan erinnerten nur noch wenige als Viehweiden genutzte Trockenrasen an die einstige Gefahr, und es dauerte noch ein paar Jahrzehnte, bis deren einzigartige Fauna und Flora gewürdigt wurde: Im Jahr 1927 wurde die Weikendorfer Remise – bekannt auch unter dem Namen Siebenbrunner Heide – zum ersten Naturschutzgebiet Österreichs, auf dass fortan Wacholderbäume, Federgras, Steinröserl, Vogelknöterich, Sandnelke und Sandveilchen sowie Gipskraut in Ruhe wuchern konnten. Biolog_innen wiederum konnten nun die dortige Tierwelt bewundern, fühlten sich doch Ziegenmelker, Pelzbienen, Hauhechelbläulinge, Grabwespen und Dünenwanzen in den Steppen besonders wohl.
Etwas mehr als 30 Jahre später wurde dann auch noch der Sandberg bei Oberweiden in den Rang eines Naturschutzgebiets erhoben, eine mit 165 Meter Höhe angesichts des flachen Umfelds markante Erscheinung, der man es erst auf den zweiten Blick ansieht, dass es sich um eine stillgestellte Düne handelt; vor allem die tiefen Furchen der nahegelegenen Pferderennstrecke geben einen Eindruck, wie sehr der Boden hier aus Sand besteht.
Exkursionen in diese außerordentliche Naturlandschaft werden vom Verein March.Raum angeboten, man darf aber annehmen, dass mehr Besucher_innen zu den Marchfeldschlössern und dem Nationalpark Donau-Auen strömen und die Steppengebiete kaum eines Abstechers würdigen; Tier- und Pflanzenwelt kann diese Ruhe nur gut tun, und die einschlägige Facebookgruppe, die im Übrigen wunderschöne Fotos mit poetischen Sonnenuntergängen vor landestypischer Windkraftanlagenkulisse zu bieten hat, wird wohl auch weiterhin ihrem Namen gerecht bleiben: «Marchfeld: Ich wohne da [,] wo kein Mensch Urlaub macht».

Info:
www.sandduene.at
www.ramsar-march-thaya.eu

Anton Tantner / 08.12.2015