Wenn ich muss, dann muss ich!

Toiletten in Wien

article_3601_toiletten_180.jpg Öffentliche Toiletten – öffentlich hinsichtlich der Nutzung dieser Örtlichkeiten – gehören wohl zu den geringstgeschätzten urbanen Alltagsphänomenen. Dabei knüpfen sich an die oft dringende Frage, wie und wo mensch ein «stilles Örtchen» aufsuchen kann, wesentliche Fragen des öffentlichen Raums. Lisa Puchner (Text und Fotos) ging diesen Fragen nach.
Lisa Puchner / 07.06.2016

Marina (Name geändert) beobachtet den Raum vor ihrem Arbeitsort – ihre potenzielle «Kundschaft»: mit Einkaufssäcken oder Aktentaschen beladen Vorbeieilende, mit Fotoapparaten umhangen Umherirrende, mit Smartphone Hantierende, zur U-Bahn Laufende, am Boden Sitzende. Ab und zu kommt eine Gestalt auf sie zu und hält ihr 50 Cent entgegen. Hinter ihr Wasserrauschen und Geruch von Putzmittel und Körperdampf. «Bin ich deppert, werd’ ja nicht von dem nehmen, der eh schon nix hat», bemerkt sie beiläufig während eines unserer Gespräche. Es geht um den «Eintritt» für die öffentliche Toilette. Die Tür bleibt bei einer solchen Gratis-Sitzung angelehnt, damit der Registrierapparat an der Tür den Besuch für die Abrechnung nicht mitzählt. Solcher Pragmatismus ist eher die Ausnahme, selbst wenn es um die Handhabung eines der in seiner Materialität zwingendsten Bedürfnisse geht.
Im Umgang mit diesem Körperzwang – nicht umsonst heißt es Notdurft – drücken sich gesellschaftliche Machtverhältnisse und deren kulturelle Verfestigung aus. Toiletten sind zumindest im westlichen Denken Kultur- bzw. Zivilisationssymbol schlechthin. Florian Werner schreibt in seinem Buch «Dunkle Materie»: «Die menschliche Kultur gründet auf der Scheiße. Nicht nur, weil unsere Städte, als Inbegriff der neuzeitlichen Zivilisation, sich über gigantischen Abwassersystemen erheben. [...] Sondern weil wir erst durch die Abgrenzung von der Scheiße wissen, was Kultur überhaupt ist.»
So wurden auch in der modernen Stadt öffentliche Toiletten unverzichtbar für den kultivierten – distanzierten – Umgang mit der Notdurft. Vor allem mit der Urbanisierung im Zuge der Industrialisierung führte das Fehlen dieser «unentbehrlichen Requisiten der Großstadt» (Peter Payer) zu massiven hygienischen Problemen. In Folge veränderter Hygiene- und Moralvorstellungen etablierten sich mit dem 19. Jahrhundert die öffentlichen Bedürfnisanstalten. Eine Übergangsphase stellten die sogenannten Buttenfrauen und -männer dar, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts mit Eimer und Umhang ausgerüstet zur Erleichterung des Fußvolks durch die Straßen Wiens zogen. Hier erhielt schließlich Wilhelm Beetz die Genehmigung zur Errichtung von Toiletten: 1883 entstand auf der Invalidenstraße die erste «Bedürfnisanstalt für beiderlei Geschlecht». Dabei gab es die teurere I. Klasse mit Waschbecken und Spiegel und die billigere II. Klasse. Die Toilette ist damit auch Kristallisationspunkt für soziale Abgrenzung. Das «solidarische» Moment in der Notdurft – wir alle müssen «dorthin, wo selbst der Kaiser zu Fuß hingeht» – wird im Umgang mit dieser gebrochen.
In ihrer Wichtigkeit für das moderne städtische Selbstverständnis bleiben öffentliche Toiletten letztlich die konkreten Orte der Körperentleerung. Damit sind sie immer auch Orte der Abwehr und Verdrängung. Umso mehr, da es sich um einen intimen Akt im öffentlich geteilten Raum handelt. So überwiegen in der Mehrheitsbevölkerung Abneigung und oft berechtigter Ekel, wenn es um öffentliche Toiletten geht. Gerne wird auf Kunden-WCs in Lokalen ausgewichen, oder wie ein älterer Passant preisgibt: «Im ÖAMTC dort am Ring, da geh ich öfters einfach.» Solche Möglichkeiten sind natürlich keine angemessenen – zudem meist nicht barrierefreien – Lösungen. Vor allem auch wohnungslose Menschen oder Bettler_innen wären auf geeignete öffentliche Toiletten angewiesen.

Wiener Toiletten

In Wien gibt es neben den WCs in öffentlichen Gebäuden rund 160 Toiletten-Anlagen, die von der MA 48 bzw. auf der Donauinsel von der MA 45 verwaltet werden. Die Errichtung, Auflassung und Finanzierung des Betriebs der Toiletten fällt seit der Dezentralisierungsnovelle 1998 den einzelnen Bezirken zu. Die fast immer kostenpflichtigen Bahnhofs-Toiletten liegen in Händen der ÖBB. Hinzu kommen ca. 70 «Kunden-WCs» in den U-Bahn-Stationen. Diese Anlagen wurden 2014 von der MA 48 aus Kosten- und Verwaltungsgründen den Wiener Linien übergeben. Allgemein gab und gibt es immer wieder Probleme wegen geschlossener WCs, vor allem in den U-Bahn-Stationen. Dies betrifft auch barrierefreie Anlagen, worauf 2015 «BIZEPS – Zentrum für Selbstbestimmtes Leben» aufmerksam machte. Mittlerweile sind die barrierefreien U-Bahn-WCs auf das Euro-Key-System umgestellt.
Neben der Privatisierung der U-Bahn-Klos wurden in den letzten Jahren die öffentlichen Toiletten durch Auflassung einiger Standorte reduziert. Es wird (sich) auf wenigere, dafür moderne Toiletten gesetzt. So sieht es auch das Investitionsprogramm 2014–18 der MA 48 vor. Laut Leistungsbericht von 2014 werden 8,5 Mio. € zur Modernisierung der Toiletten in Wien aufgewandt. Ziel ist, die Effizienz und Qualität wie Barrierefreiheit und «Vandalensicherheit» zu verbessern. Die über ein Förderprogramm bereitgestellten Mittel fließen in 32 Neubauten an größtenteils schon bestehenden Standorten zu je 150.000 bis 200.000 €. Weiters werden Anlagen durch Umbau aufgewertet sowie 20 historische Bedürfnisanstalten renoviert.

Toiletten für alle?

Generell sind solche Investitionen zur Verbesserung öffentlicher Toiletten positiv. Ob aber «All-in-one-Lösungen» wie bei der neuen, nun kostenpflichtigen Anlage auf der Jesuitenwiese – Toilettenschüssel und Waschbecken fallen in einem zusammen – tatsächlichen Bedürfnissen entsprechen, bleibt dahingestellt. Zweifelhaft ist auch der unhinterfragte Umstand, dass Frauen für die «gleiche Tätigkeit» in den Kabinen (bei den neueren Toilettenbauten unisex) 50 Cent zahlen, Männern hingegen die kostenlose Nutzung der Pissoirs zur Verfügung steht. Gerechtfertigt wird das mit Kostengründen für die Reinigung. Dennoch wäre es hier an der Zeit, an angemessenen und ebenfalls kostenlosen Lösungen für Frauen zu arbeiten.
Allgemein nehmen kostenpflichtige und betreute öffentliche WCs zu. Neben der Reinigung erfüllt das – bei privaten Firmen wie «hellrein» angestellte – Wartepersonal zweifelsfrei auch eine Kontrollfunktion. Die Modernisierungen der Toiletten sind dabei oft Teil der Umgestaltung attraktiv werdender Stadtteile: Am Yppenplatz wurde die alte durch eine neugebaute, nun kostenpflichtige und betreute WC-Anlage ersetzt, die laut Presse-Bericht teure 330.000 € kostete. Während in manchen Gegenden viel investiert wird, gibt es im 15. Bezirk als öffentliche Anlage nur ein Pissoir; Neubauten sind keine geplant. Im 8. Bezirk finden sich unter den vier von der MA 48 aufgelisteten öffentlichen Toiletten auch drei WCs der lokalen Gastronomie. Solche privat-öffentlichen Partnerschaften erscheinen aus Kostengründen schlüssig, gleichzeitig wird damit aber die Privatisierung öffentlicher Toiletten vorangetrieben.
«Es mutet etwas komisch an, dass man so darauf pochen muss, dass es auch konsumfreie Räume gibt. Weil ja öffentlicher Raum eigentlich ein konsumzwangsfreier war», meint Lisa Magdalena Schlager von der MA 19, wo u. a. an Strategien zur Entwicklung des öffentlichen Raums gearbeitet wird. Öffentliche WCs sind hier immer wieder Thema, laden ansprechende Anlagen doch indirekt auch zum längeren Verweilen und Aufenthalt im öffentlichen Raum ein. Solche Anlagen sollten für alle Stadtbewohner_innen gestaltet sein: u. a. auch für jene, die nicht an der Konsumsphäre teilhaben (wollen) und sich ohnehin vorwiegend im öffentlichen Raum aufhalten, daher umso mehr frei zugängliche Toiletten benötigten. Die Verminderung öffentlicher WCs bei gleichzeitiger Ausweitung kostenpflichtiger Anlagen insbesondere in zentralen Stadtgebieten steht dem gegenüber. «Ja, 50 Cent – is‘ Scheiße», meint der am Geländer neben seinen Sachen lehnende Mann, «aber ich weiß, die bei diesen Toiletten dort, die lassen gehen ohne zu zahlen – aber nur für Straßenleute.»

Info:
Die Autorin hat Komparatistik und Internationale Entwicklung studiert, jetzt setzt sie sich im Rahmen ihres Masterprojekts für «Social Design» an der Universität für angewandte Kunst mit Toiletten in der Stadt auseinander. Beginnend mit der nächsten Ausgabe wird in jedem dritten Augustin in der Kolumne «nachbarinnenstadt» ein Klo in Wien genauer unter die Lupe genommen.

Lisa Puchner / 07.06.2016